Skip to main content

Full text of "Schwarze Faden - Zeitschrift Nummer 0-77"

See other formats














Inhalt Nr. 1/99 (Nr.67) 


/ mpressum/Inhalt 

Michael Wilk: Protest in Diskussion zu verwandeln. 

Das Mediationsverfahren: 

Neue Befriedungsstrategien am Frankfurter Flughafen. 

N. Sillerl E. Schmidt: Chiapas Botschaften. 

Reisenotizen aus Mexikos Süden 


U. Brandt / G. Schmidt: Zapatisten starten Offensive 


R. Müller: People’s Global Action. 

Die Globalisierung des Widerstandes 


Termine zum EU- Gipfel und G7 Weltwirtschaftsgipfel 


Kurzes und Aktionen. 


.S. 23 


Uli Stehner: Vivir la hisloria. 


Ein Film über die deutsche Kolonie in Guatemala ' 


.S. 32 


J. Biehl: Duale Macht. 


.S. 36 


Chuck Morse: Interview mit Janet Biehl. 


Radikale Städte und die Umwälzung der Gesellschaft 


Boris Scharlowski: Interview mit Casandra. 

Eine libertäre Zeitschrift in Costa Rica 


Jürgen Mümken: Albert Camus und der Anarchismus. 


Ralf Burnicki: Über Picrrc-Sylvain Marcchal 


Arno Klönne: Stahlbäder. 

Eine Auscinadersctzung mit Radkaus Werk 
Das Zeitalter der Nervosität 


.S. 52 


Dieter Nelles: Proletarische Demokratie. 


Das abenteuerliche Leben des Hermann Knüfken 


Alte Nummern 


Titelphoto: Salvatorc Trupia 


.S. 67 


Liebe Leserinnen, 

wir brauchen weiterhin Eure Hilfe bzw. Eure ABOs dringend für den Erhalt 
der Zeitschrift. Wir brauchen Eure Bereitschaft Förder-ABOs zu 50.-DM oder 
monatliche Spenden a 10.-DM für den Faden einzurichten. 

Redaktions- und Anzeigenschluß: SF-68 (2/99): 1.06.1999 

Trefft uns im Internet (gleich zweimal): 
http //www.txt.de/trotxdem 

http://ww\v.comenius-antiquariatxom/anares/verlage/tv.htm 


Imßmssum: 

Redaktions- & ABOadresse: 

Schwarzer Faden, PF 1159 
D-71117 Grafenau 
Tel. 07033-44273, Fax 07033-45264 
©-malt: tratzdemusf@l-onllne.de 

Einzelpreis: e.-DM 
ABO (4 Nm,): 30.-DM 
Konfoverbindung: 

Postgiro Stuttgart: Kto. W. Haug, 
Ktonr. 57463-703, BIZ 600 100 70 
Erscheinungsweise: 4 x jährlich 
Auflage;: 2500 
Herausgeber: 

Trotzdem-Verlag/W. Haug, Grafenau 
ISSN: 0722-8986, ZIS-Nr. 701 

Namentlich gekennzeichnete Beiträge 
stehen unter der Verantwortlichkeit der 
Verfasserinnen und geben nicht die Mei¬ 
nung des Herausgebers oder des presse- 
rechtlich Verantwortlichen wieder. 

Verlag, Satz & Vertrieb: Trotzdem-Verlag. 
Grafenau i 

Druck & Weiterverarbeitung: Druck- 
cooperative, Karlsruhe 

Das Redakttanskollektiv entscheidet über 
Inhalt und Form der| Zeitschrift. Ein An- 
. SpruchaufVeröffentlichung besteht nicht. 
Der Abdruck erfolgt honorarfrei, a/?//- 
^PK^Ä'Nachdruck von Texten ist unter 
Angabe der Quelle und Zusendung eines 
Belegexemplars ausdrücklicherwünscht. 

Redaktion dieser Aufgabe: 

Nicole Frazler, Wolfgang Haug, Jan Jacob 
Hotmann, Andreas Ries. Harald Rom acker. 
Herby Sachs (VJ.S.d.P.), Boris Scharlowski. 
Dieter Schmidt, Kai Twelbeck. 
Mitarbeiterinnen dieser Ausgabe: 

Janet Biehl, Ullrich Brandt, Ralf Burnicki. 

! Donna Kiddie, Arno Klönne, Chuck Morse, 
Rike Mütter Jürgen Mümken, Dieter Neües. 
Helmut Richter, Sonja Richter, Edo Schmidt. 
C auda Schmidke, Gerold Schmidt. Nikola 
Silier, Ulli Stelzner, Michael Wilk 

Mitarbeit: Der SF versucht eine Mischung 
aus aktuellen politischen Ereignissen. In¬ 
ternationalismus, Aktualisierung libertärer 
Theorie, Aufarbeitung freiheitlicher Ge¬ 
schichte und einer Kultur- und Medien- 
kritlkvon unten. Eingdsandte Artikel. Pho¬ 
tos. Graphiken etc. sind erwünscht! 

Technologie: Wir wünschen uns die Artikel 
auf 3 1/2-Zoii-Disketfen. Am besten im 
Textverarbeitungsprogramm Word, als 
RTF-Datei auf MAC- dder DOS-Basis oder 
als e-mail: trotzdemusf@ 1 -online.de 

Auslieferung an den Buchhandel: 

BRD: Trotzdem-Verlag. Grafenau 
Österreich: Anarchistische Buchh., Wien 
Schweiz: Anares, Bern 

Anzeigenpreise (zzgl. 16% MWST)* 
Kleinanzeige: 40..' DM 

halbe Spalte (5,4x 13:5cm): 150- DM 
ganze Spalte (5.4x27 cm): 300.- DM 
]/4-Seite (8,5x 13 cm): 250.- DM 

l/2-A-4-Seite: 450.- DM 

1 A-4-Seite: looo.- DM 

Beilagen 400.- dm 


Dauerkunden erhalten 30% Rabatt! 




















Foto: Hcrby Sachs 



























































Fünfzehn Jahre nach der Inbetrieb¬ 
nahme der umstrittenen und hart um¬ 
kämpften Startbahn West, soll der 
Frankfurter Flughafen um eine weitere 
Start- undLandebahn erweitert werden. 
Über die aktuellen Pläne sowie der 
Geschichte Flughafenausbaus schrieb 
Michael Wilk bereits im Schwarzen 
Faden Nr. 64. Im folgenden Beitrag 
setzt er sich mit der Strategie der, in¬ 
zwischen, ab gewählten Hessischen Lan¬ 
desregierung auseinander, aufkom¬ 
menden Protest bereits frühzeitig auf- 
zufangen und in herrschende Politik zu 
integrieren: das Mediationsverfahren . 
Noch relativ neu und wenig erprobt, 
könnte dieses Verfahren für den zu¬ 
künftigen Umgang mit Protesten gegen 
Großprojekte richtungsweisend sein. 

Der Artikel ist die gekürzte Version 
aus Macht und Herrschaft , dem neuen 
Buch von Michael Wilk zu anarchis¬ 
tischer Staatskritik. Macht und Herr¬ 
schaft erscheint im August imTrotzdem 
Verlag. 

SF-Redaktion 


Auf Seiten der Hessischen Landes¬ 
regierung und der Flughafen AG (FAG) 
führte die Gründung der Gesamtbür¬ 
gerinitiative gegen den weiteren Flug- 
hafenausbau zu schlimmen Befürch¬ 
tungen. Nicht nur wegen der hessischen 
Landtags wähl im Februar 1999 sollten 
die Konflikte möglichst gering gehalten 
werden. Sorge bereitete die mögliche 
Weigerung breiter Teile der Bevöl¬ 
kerung, einen weiteren Ausbau klaglos 
hinzunehmen vor allem vor dem Hin¬ 
tergrund einer potentiellen (Reorgani¬ 
sierung der zahlreichen Flughafenkri¬ 
tikerinnen. Obwohl die Konflikte um 
die Startbahn West letztlich zugunsten 
der Flughafenbetreiber entschieden 
wurden, ist die Dimension der Ausei¬ 
nandersetzung noch präsent. FAG und 
Landesregierung griffen deshalb früh¬ 
zeitig zu einer Strategie mit verteilten 
Rollen. Die FAG setzte massiv auf das 
Arbeitsplatzargument. Die Landesre¬ 
gierung dagegen initiierte schon früh 
einen “Gesprächskreis Flughafen”, der 
ein sogenanntes Mediationsverfahren 
anregte. Sie setzte damit auf ein bislang 
in der BRD wenig erprobtes Verfahren, 



Foto: Sabine Adorf 


das einen neue Dimension im Ums 
mit Widerstand gegen Großproji 
darsteüt. In den »Erläuterungen 
Beschlußvoriage«der Mediation \ 
klar, worum es geht und was gefürc 
wird: 


»In Deutschland stoßen bauliche 
Großprojekte und insbesondere große 
Verkehrsvorhaben in den letzten beiden 
Jahrzehnten zunehmend auf massiven 
Widerstand. Auseinandersetzungen und 
Konflikte zwischen den unterschied¬ 
lichen Interessengruppen sinddieRegel. 

Wie die heftigen Auseinandersetzungen 
um den Bau der Startbahn 18 West des 
Frankfurter Flughafens und auch um 
den Münchener Flughafenneubau im 
Erdinger Moos zeigen, gilt dies für 
Flughäfen in besonderem Maße. Ty¬ 
pischerweise stehen sich in solchen 
Situationen einzelne Betroffene, Biir- 

gerinitiativen, Um weltverbinde, Unter¬ 
nehmen, Politik und Verwaltung als 
Konfiiktparteien gegenüber. Konven¬ 
tionelle Planungs- und Entscheidungs¬ 
wege haben sich in diesen Konstella¬ 
tionen als wenig geeignet erwiesen, 
konfliktentschärfend zu wirken.«{vgl, 
Erläuterungen zur...) 


Nach dem allgemeinen Vorspann 
wird das Papier! noch wesentlich kon¬ 
kreter: 

»Gerade der Frankfurter Flughafen 
hat wegen der gewalttätigen Konflikte 
ta Zusammenhang mit der Startbahn 
18 West einen erheblichen Symbol- 
Charakter und ist dem zu fol ge m i t großer 
Emotionalität verbunden. Weit über die 
Wiche bzw. regionale Betroffenheit 
hinaus, hat gerade dieses Projekt Fol- 
gewirkungen mit gesel lschafilichcr Di¬ 
mension erzeugt. Bezeichnenderweise 
hat daher bereits eine Äußerung des 
Lufthansa-Vorsiandsvorsitzendcn zu 
Gunsten einer Kapazitätserweiterung 
des Flughafens ausgercicht, um reflex- 
artige Reaktionen sowohl im politischen 
wie im gesellschaftlichen Raum auszu¬ 
lösen, Und dies, ohne daß eine konkrete 
Absichtserklärung der Betrcibcrin des 
Flughafens, der Flughafen AG, fürcincn 
Ausbau vorlige. Bei einer solchen, 
durch große Multipolarität der Interes¬ 
sen gekennzeichneten, Ausgangs läge 
scheint eine rein administrativ-vcrwal- 
tungstechnische Behandlung des The¬ 
mas nahezu aussichtslos. Vielmehr sind 
angesichts der bereits jetzt emotions- 


[4] SF 1/99 



















geladenen Diskussion und vor dem 
historischen Hintergrund der Ausei¬ 
nandersetzung um die Startbahn West 
erhebliche Spannungen bis hin zu er¬ 
neuten Gewalttätigkeiten nicht auszu- 
schließen.«(vgl. Erläuterungen zur...) 

Abgesehen von der Frechheit, den 
Betroffenen vor allem »Emotionalität« 
und »reflexartige Reaktionen« zuzu- 
schrciben, Verhaltensweisen die aus¬ 
serhalb rationaler und vernünftiger 
Ebenen liegen, spricht schon aus den 
ersten Zeilen der Vorlage die tief- 
sitzende Sorge um einen sich anbah¬ 
nenden Konflikt, der, ähnlich wie der 
um die Startbahn 18 West, politisch- 
sozialen Sprengstoff bergen könne. 


Das Mediationverfahren 

Das vorgeschlagene Mediationsver¬ 
fahren ist keine Erfindung der Hes¬ 
sischen Landesregierung. Das Ver¬ 
fahren wurde seit Anfang der siebziger 
fahre vor allem im angelsächsischen 
Raum zur Lösung gesellschaftlicher 
Konflikte entwickelt. Speziell dient es 
zur Regulation spannungsgeladener 
Intcrcsscnsdivergenzen zwischen Bür¬ 
gerinnen und Regierungen. 


Das Mediationsverfahren wird im 
Vorschlagspapierals »informelles Ver¬ 
fahren ohne normative Regelungen« 
beschrieben. Mit diesem Verfahren 
ließe sich »in bestimmten Situationen 
eherein konsensuelles Ergebnis erzielen 
als mit einer einseitigen hoheitlichen 
Maßnahme«. Offen wird mit der Ein¬ 
beziehung der Bürgerinnen in das Pro¬ 
zedere geworben: »Mit der frühzeitigen 
Einbeziehung der Bürgerinteressen wird 
auch der gesellschaftlichen Bewegung 
weg vom Obrigkeitsstaat(i) eher Rech¬ 
nung getragen.«ProkIamiert wird, daß 
es anders als bisher möglich wäre, die 
»selektiven Verhandlungsprozesse 
zwischen Verwaltung und Vorhaben- 
träger«auch für bislang nichtvertretene 
Interessengruppen zu öffnen. Das Papier 
wirbt für Sympathie bei den Betrof¬ 
fenen, stellt es doch die Möglichkeit 
einer relevanten Einflußnahme in Aus¬ 
sicht, ohne jedoch zu verschweigen 
worum es eigentlich geht: »Dies soll 
zum einen der Verwaltung helfen, ihren 
Auftrag zur neutralen Gemeinwohl- 
Orientierung (!) und zum optimierenden 
Ausgleich aller rechtlich relevanten 
Interessen besser zu erfüllen, zum an¬ 
deren die Akzeptanz umstrittener Ma߬ 
nahmen fördem.«Damit ist letztlich die 
Katze aus dem Sack. Was vordergründig 
als »kooperative Konfliktbewältigung« 
angepriesen wird, dient letztlich zur 
Durchsetzung bestimmter Vorhaben, 
die unter Einsatz klassischer zentral¬ 
staatlicher Planungskompetenz auf 
spürbar steigende Widerstandsbereit¬ 
schaft bei den betroffenen Bürgerinnen 
stoßen würden. Der Köder, der dazu 
dienen soll die Beteiligung an einem 
Mediationsverfahren schmackhaft zu 
machen, ist die in Aussicht gestellte 
sogenannte »win - win« Situation. 
Gemeint ist ein angestrebtes Ergebnis, 
in dem es nur Gewinner, aber keine 
Verlierer geben soll. »Das Ziel von 
Konfliktvermittlung ist also nicht, die 
Betroffenen zur Inteiessensaufgabe zu 
bringen, sondern ihre Positionen ver¬ 
rückbar zu machen, d.h. die verschie¬ 
denen Interessen soweit wie möglich 
zu befriedigen ohne das es nur Verlierer 
oderGewinner gibt, sondern jedereinen 
(Teil) Gewinn verbuchen kann.«(vgl. 
Erläuterungen zur...) 

Ein auf den ersten Blick verlockendes 
Angebot. Was sollte auch schlecht sein 
an einer Gesprächsrunde aus 20 Ver¬ 
treterinnen der Konfliktparteien, die 


unter der Leitung dreier Mediatoren 
über die Zukunft des Frankfurter Flug 
hafens berät? Die vorgegebenen in¬ 
haltlichen Ziele der Runde stellten sich 
jedoch keineswegs so ergebnisoffen dar, 
wie es eigentlich sein sollte: Das Me¬ 
diationsverfahren soll klären »unter 
welchen Voraussetzungen der Flug¬ 
hafen Frankfurt dazu beitragen kann, 
die Leistungsfähigkeit der Wirtschafts - 
region Rhein-Main im Hinblick auf 
Arbeitsplätze und Strukturelemente 
dauerhaft zu sichern und zu verbessern, 
ohne die ökologischen Belastungen für 
die Siedlungsregion außer acht zu 
lassen.«(vgl. Presseinformatiön) 

Die ökonomischen Expansionsin¬ 
teressen der FAG werden von vorn¬ 
herein als primäre Ziele, ökologische 
Bedingungen als sekundäre »Kann- 
Bestimmungen« definiert. Im Gegen¬ 
satz dazu stehen die Forderungen der 
Bis, diese Prämissen umzukehren. 

Die in den »Erläuterungen zur 
Beschlußvorlage«genannten Ziele 
sprechen eine noch klarere Sprache: 
»Das Mediationsverfahren soll klären, 
unter welchen Voraussetzungen der 
Flughafen Frankfurt dazu beitragen 
kann, die Leistungsfähigkeit der Wirt¬ 
schafts- und Siedlungsregion Rhein- 
Main dauerhaft zu sichern und zu 
verbessern.« 

Das klare Primat der Ökonomie ließ 
die Bürgerinitiativen und die Umwelt¬ 
verbände aufhorchen. Selbst diejenigen 
mißtrauten nun dem Angebot der Lan¬ 
desregierung zum »Ergebnisoffenen 
Dialog«, die nicht von Anfang an er¬ 
kannt hatten, daß sich die Landes¬ 
regierung lediglich konfliktarm über 
die anstehende Wahl retten wollte. Nicht 
nur der erkennbare Anspruch, den 
Flughafen als ökonomisches Zentrum 
auszubauen, trug zu einer Verun¬ 
sicherung der Bürgerinitiativen bei. 
Auch Teile der Regierung, namentlich 
Wirtschaftsminister Klemm, traten 
frühzeitig und offen für einen Ausbau 
des Airports ein. Gleichzeitig betonte 
der Ministerpräsident gebetsmühlen- 
artig die Ergebnisoffenheit des Media¬ 
tionsverfahren. Jedoch war er ge¬ 
zwungen klarzustellen, daß das Ergebnis 
in keinem Falle bindend für die künftige 
Beschlußlage der Regierung sei. Das 
Mediationsverfahren, das im übrigen 
»nicht öffentlich« tagt, und dessen 
Ergebnisse nur von der Mediationslei- 
tung nach außen getragen sollen, wurde 


SF 1/99 [5] 








250 Jahre Goethe - 


Beweglich im Büchermeer 


25 Jahre Edition Nautilus 



Hanna Mittelstadt 
Anna Rheinsberg 

LIEBE HANNA, 
DEINE ANNA 

Briefe über Erotik, 
Begehren und Poesie, 
über Frauenrollen, Sex 
und Literatur. 

Gebunden, 224 Seiten, 
29,80 DM 

Ralf Sotscheck 

IRISH TOFFEE 


Ralf Sotscheck 
Irish Toffee 
Endlich - die ganze 
Wahrheit über Irland. 
Mit einem Vorwort von 
Harry Rowohlt und 
Zeichnungen von 
©Tom. 

Gebunden, 144 Seiten, 
24,80 DM 




Luciano Last za 

BOMBEN UND GEHEIMNISSE 

Geschichte des Massakers von der Piazza Fontana 
in Mailand 1969. Die brisante Analyse des »italie¬ 
nischen Labors« - der Tod des Anarchisten Pineili 
und die Bomben des Staates gegen die soziale 
Bewegung. Internationale Bibliothek Band 6 
Broschiert, 144 Seiten, 28,- DM 


[Jubiläums — Ausgab en 

Franz D&bkr 

TOLLWUT 

»Der Versuch, ein Leben 
wie einen Rock'n‘Roll- 
Song zu gestalten. « 

Süddeutsche Zeitung 
Broschiert, 178 S.. 20,- DM 

Ingvar Ambjemsen 

WEISSENIGGER 

»Die schönsten Steilen 
erinnern an Hamsun ...« 

Die Zeit 

Broschiert, 370 S., 20,- DM 
Wiglaf Droste 

BEGRABT MEIN HIRN AN DER 
BIEGUNG DES FLUSSES 

Heftige Glossen zu Politik und Kultur. 

Broschiert, 128 Seiten, 15,-DM 


verlegt bei Edition Nautilus 

Katalog anfordern: Am Brink 10/ 21029 Hamburg 




von immer mehr Menschen als das 
wahrgenommen was es letztlich war: 
eine Farce und Taschenspielertrick. Ins 
Leben gerufen, um den Konflikt weg 
von der Straße, hin zum abgehobenen 
Verhandlungstischzu kriegen. Da nutzte 
es auch wenig, das mitPfarrer Oeserein 
ausgewiesener Gegner des Flughafen* 
ausbaus zu einem der Mediatoren 
berufen wurde. Es war offensichtlich 
geworden, »daß es der Landesregierung 
längst nicht mehr um ein ‘ob’, sondern 
nur noch um das ‘wie’ der Expansions¬ 
absichten der FAG geht. Von über 
zwanzig Bürgerinitiativen blieb nureine 
an der von der Landesregierung aus¬ 
gelegten Leimrute kleben. Alle anderen 
verweigerten, aus den genannten 
Gründen, ihre Teilnahme. Alsauch noch 
alle großen Umweltverbände unter 
ähnlicher Argumentation die Runde 
verließen, war die Enttäuschung auf 
der anderen Seite deutlich spürbar. Ohne 
die ausgewiesenen Gegner des Ausbaus 
war das Mediationsverfahren zwar 
formal noch durchführbar, jedoch letzt¬ 
lich und für alle offensichtlich, sinnlos 
geworden. 

Festzustellen ist, daß sich die Ent- 
scheidungs über Teilnahme oder Ab¬ 
lehnung an dem Mediationsverfahren 
mit vielen Auseinandersetzungen und 
Diskussionen verbunden war. Der 
glückliche Ausgang dieses Klärungs¬ 
prozesses wirft aber die Frage auf was 

gewesen wäre, wenn es der Landes¬ 
regierung gelungen wäre, alle Bis in 
das Verfahren einzubinden. Seit Anfang 
der 80er Jahre existiert in den USA »ein 
regelrechter Mediationsboom, der vor 
allem auf die hohe Erfolgsquote dieser 
Verfahren zurückzuführen ist«. Wobei 
nicht ungenannt bleiben sollte, daß in 
der USA Konflikte oft mit finanziellen 
Mitteln beigelegt wurden. Die Geg¬ 
nerinnen bestimmter Projekte wurden 
ausgezahlt oder, anders gesagt, be¬ 
stochen. Auch bei den Verfahren in den 
USA geht es nicht darum, daß der/die 
Mediatorin Konflikte durch Schieds¬ 
spruch schlichtet oder entscheidet, 
sondern darum, »die Gesprächs- oder 
Konsensbereitschaft der verschiedenen 
Konfliktparteien zu stärken.« Wesent¬ 
licherunterschied zu dem am Flughafen 
praktizierten Vorgehen ist, daß die »bei 
diesen Verfahren vereinbarte Einstim¬ 
migkeitsregel (...) jeder Partei de facto 
ein Vetorecht einräumt«. 


Laut Hans Joachim Fictkau, Psy¬ 
chologe am Wisscnschaflszcntrum für 
Sozialforschung i n B crl i n, kon n ten 19 86 
allein 103 von 136 durchgeführten 
Mediationsverfahren mit einer ein ver¬ 
nehmlichen Übereinkunft der Kon- 
fiiktparteien beendet werden. Diese 
annähernd 80% haben allerdings, nach 
der Analyse US4imcrikanischcrSoziai- 
Wissensehafüerl spezielle Bedingun¬ 
gen: 

-Religiöse oder ideologische Grund- 
konfliktesollten nicht zur Verhandlung 
stehen; 

- die Machtungle ich gewichte zwi¬ 
schen den Akteuren dürfen nicht zu 
groß sein; 

- bei den Verhandlungen darf es sich 
nicht um ein reines Nullsummenspicl 

handeln. 

Unschwer ist zu erkennen, daß im 
Falle der geplanten Flughafcnerwci- 
terung weder ein Machtgleichgewicht 
zwischen der Landesregierung und den 
Bis herrscht» noch für diese die Mög¬ 
lichkeit besteht, aus der Mediation mit 
einem Erfolg hervor zu gehen. Denn 



















erstens stellte die Landesregierung klar, 
daß sic die Entscheidung der Media- 
tionsrunde nicht als bindend betrachtet. 
Und zweitens läuft jeder weitere Ausbau 
des Flughafens den Interessen der Aus¬ 
baugegnerinnen zuwider. Unter der 
Maßgabe »nord-amerikanischer« Kri¬ 
terien handelte es sich bei dem Flug¬ 
hafen-Verfahren um ein reines » Akzep- 
tanzmanagement«, das wesentliche 
Bedingungen eines klassischen Media- 
tionsverfahrens gar nicht erfüllt. Die 
Entscheidung der Bürgerinitiativen ge¬ 
gen eine Teilnahme am Mediations¬ 
verfahren, war in diesem Sinne nicht 
nur ein reines Fernbleiben, sondern der 
darüber hinausgehende Versuch, ein 
derartiges Prozedere zu sabotieren. Die 
Antwort auf den klar erkennbaren 
Versuch, die BIös von der Ebene des 
direkten Widerstands und der Ver¬ 
breiterung der Bewegung abzubringen, 
konnte nur darin bestehen, genau auf 
diesem Wege fortzufahren. 


Trotzdem bleibt die Frage, was von 
Mediationsverfahren im allgemeinen, 
und dies nicht nur als Mittel der Durch¬ 
setzung von Projekten gegen den Willen 
der ansässigen Bevölkerung, zu halten 
ist Sozialwissenschaftlerlnnen speku¬ 
lieren überdie Möglichkeit, das Media¬ 
tionsverfahren vornehmlich im Um¬ 
weltbereich zum festen Bestand einer 
Palette von Verhandlungs- und Ver- 
mittlungverfahren zu machen. In¬ 
teressanterweise wird dabei sowohl von 
einer wachsenden Politik- und Par¬ 
teiverdrossenheit, als auch von einer 
steigendenUnwilligkeitderbetroffenen 
Bürgerinnen ausgegangen, Entschei¬ 
dungen von Behörden klaglos undohne 
Widerstand zu akzeptieren. »DerBürger 
ist also politisch selbstbewußter ge¬ 
worden, versteht sich gegenüber Politik 
und Venvaltung nicht mehr als Untertan, 
sondern erwartet die Berücksichtigung 
seiner Interessen durch den Leistungs¬ 


staat und verlangt nach mehr Mit¬ 
sprache, wo es um seine Interessen geht. 
Andererseits wird der Bürger zuneh¬ 
mend sensibler gegenüber den Belas¬ 
tungen und Risiken, die von politischen 
Entscheidungen oder administrativen 
Maßnahmen ausgehen, und er reagiert 
darauf mit zunehmenden Mißtrauen und 
Widerstand.«(vgl. Zilleßen) Die zu¬ 
nehmende partielle Distanz der Bevöl¬ 
kerung gegenüber staatlich-admini¬ 
strativen Ebenen, die sich nicht mehr 
durch die Beeinflussungsmöglichkeit 
einer alle vier Jahre stattfindenden Wahl 
überbrücken läßt, macht es notwendig, 
über neue Möglichkeiten der »Bürger¬ 
beteiligung« in Sachen "Demokratie” 
nachzudenken, »Viele Bürger haben 
offenbar mit der repräsentativen Demo¬ 
kratie ihre Probleme. (...) Die wichtigste 
Beteiligungsmöglichkeit ist zwar die 
Ausübung des Wahlrechts. Da immer 
wieder von Wissenschaftlern und Bür¬ 
gern Zweifel geäußert werden, ob es 
bei den allgemeinen, freien und ge¬ 
heimen Wahlen überhaupt etwas zu 
wählen gibt, kommen auch die Wahlen 
in die Diskussion. Der Nichtwähler er¬ 
scheint als der besonders reflektierte 
Zeitgenosse. Die ‘Partei der Nichtwäh- 
ler* hat immer mehr Anhänger, so ist 
nach den Wahlen in den Zeitungs¬ 
kommentaren zu lesen.«(vgL Na߬ 
macher) Die »partielle Entfernung«, der 
Menschen vom Staat und seiner 
»demokratisch legitimierten« Exeku¬ 
tive, wird unabhängig von ihrer Genese, 
sei es stupides Desinteresse oder aktive 
kritische Distanz, als heikel und dem 
Funktionieren des Staates abträglich 
eingestuft. Der Verlustan Einbindungs¬ 
und Übereinstimmungsebenen, die das 
moderne Herrschaftssystem auszeich¬ 
nen, das nur in Ausnahmen auf offen 
repressive Instanzen (Polizei/Militär/ 
Knast) zurückreift, wird gefürchtet. Es 
gilt, jedweder kritischer Distanz gegen¬ 
über dem Staat, die unter libertären 
Aspekten als Ansatz eines emanzipa- 
tiven Prozesses dienen könnten, früh¬ 
zeitig mit Einbindungsversuchen zu 
begegnen. 

Propagiert wird, unter dem Eindruck 
eines eben in diesem Sinne nicht genü¬ 
gend funktionierenden Parteiensystems, 
die »DemokratisierungallerLebensbe- 
reiche«. 

»Angesichts einer seit den 70er Jahren 
vorausgesagten »partizipativen Revo- 
lution«(!) glaubten die meisten wissen- 


SF 1/99 [7] 









schaftlichen Beobachter, den Bürgern 
mehr Beteiligungsmöglichkeiten an¬ 
bieten zu müssen, als in der Parteien¬ 
demokratie vorgesehen sind. (...) Durch 
Beteiligung der Bürger an Personen 
und Sachlagen soll in beschränktem 
Rahmen ([) direkte Demokratie ver¬ 
wirklicht werden. Dem schlossen sich 
auch die etablierten Parteien, trotz 
jahrzehntelanger breiter Ablehnung 
direktdemokratischer Elemente, in den 
90er Jahren an.«(vgl. Naßmacher) Die 
Debatte über »Konzepte institutioneller 
Modernisierung« erfolgen in der poli¬ 
tik-wissenschaftlichen Auseinander¬ 
setzung aus diesem Grund unter den 
Stichworten »kooperativer Staat«, »in¬ 
formales Verwaltungshandeln«, »Ver¬ 
mittlungsfunktion des Staates« und 
»Modernisierung des Staates«. Viel¬ 
leicht wird auch der eine oder die andere 
wissenschaftliche Autorin von der 
hehren und liberalen Vorstellung ge¬ 
tragen ist, den bislang in Umwelt- 
Konfliktfällen durchaus hierarchisch 
agierenden Staat, demokratisch wan¬ 
deln und so den regierten Menschen 
wieder näher bringen zu können. Bei 
sehr, sehr gutem Willen könnte unter¬ 
stellt werden, daß diese Politik- und 
Verwaltungswissenschaftlerlnnen in¬ 
nerhalb der engen cerebralen und 
institutionell gesteckten Grenzen einen 
reformistischen Ansatz verfolgen, der 
auch einem breiten Bedürfnis in der 
Öffentlichkeit Rechnung trägt. »Sie sind 
Ausdruck einer Entwicklung, die ein 
Verständnis von Staat und Verwaltung 
herbeiführt, das deren Autonomie und 
»souveräne«Handlungsfähigkeit mehr 
und mehr in Zweifel zieht, und die in 
einer »Enthierarchisierung der Bezieh¬ 
ung zwischen Staat und Gesellschaft« 
mündet.«(vgl. Zilleßen) Nur unbedarfte 
empfinden jedoch fröhlich-ungetrübtes 
Frohlocken wenn in diesem Zusam¬ 
menhang von einer Enthierarchisierung 
gesprochen wird, denn schon bald wird 
klar worum es vorallem geht: »Der S taat 
kann seine wachsenden Aufgaben nur 
dann erfüllen, wenn er die gesell¬ 
schaftlichen Akteure, betroffene oder 
sich betroffen fühlende Einzelpersonen 
und Organisationen in die Vorbereitung 
politischer oder administrativer Ent¬ 
scheidungen einbezieht«, (vgl. Zilleßen) 
Was sich aus der Perspektive starrer, 
klassischer Verwaltungstechnokraten 
geradezu »revolutionär« ausnimmt, 
stellt sich bei kritischer Betrachtung als 



Foto: Paolo Brenzin» 


jtvo 

tetion zu vermeiden und anden 
die betroffenen Bürgerinnen, und 
Widerstandspotential erneut su 
einzubinden. 

Im gesamtstaatlichen Konto? 



7 — VII eine € 
An- und Einbindung der Mensc 
einen S taat, der zumindest Partie 
okkupierende Durchdringungski 
Akzeptanz bei den Bürgerinnen 
ren hat oder zumindest zu ve 
droht. Neben der Funktion sp 
Projekte (z.B. Flughafenerweit 
möglichst konfliktarm durchzu- 


geht es auch immer um »Akzeptanz¬ 
management« im Gesamtsystem. Me¬ 
diationsverfahren sind in diesem Sinne 
Teil einer Befriedungsstrategie. Sie 
haben die Funktion, Konflikte zu ent¬ 
spannen und entstandene Risse im 
Funktionssystem des Staates zu kitten. 
»Dieses Erleben (der Mediation, d. 
Verfasser) kann der verbreiteten Staats- 
nnd Politikverdrossenheit entgegen¬ 
wirken und demokratiefördemde Wir¬ 
kung zeitigen. Es geht um eine Neubc- 
lebung von Bürgerengagement in die 
Angelegenheiten des Staates und um 
den Aufbau langfristig harmonisch^ 
Beziehungen zwischen gesellschaftlich 


[ 8 ] SF 1/99 








relevanten Interessengruppen.« »Wich- 
tig ist, daß die sich zu Wort meldenden 
Bürger nicht zurückgewiesen, sondern 
als Teil der AJctivdemokratie (!) be¬ 
trachtet werden. Das Ziel sollte sein, 
Protest in Diskussion zu verwan¬ 
deln..,.«^!. Naßmacher) 

Die vor diesem Hintergrund statt¬ 
findenden Mediationsverfahren sind als 
Großversuche zu werten, bei dem Psy¬ 
chologen, Sozial- und Politikwissen¬ 
schaftler eine Doppelrolle innehaben. 
Ihnen kommt neben ihrer Funktion als 
forschende und den Prozess analysie¬ 
rende Wissenschaftler die Rolle der 
»neutralen Dritten« zu. Sie sollen mittels 
ihrer spezifischen Fähigkeiten »im 
Bereich der Prozeßgestaltung/RhetoriL 
aber auch in den Bereichen sozialer und 
politischer Kompetenz «Positionen ein- 
nehmen, die von allen Beteiligten ak¬ 
zeptiert werden. Der zentralen Figur 
des Mediators obliegt vor allem die 
S teuerung eines Annäherungsprozesses. 
Gemeinsam soll eine Lösung erarbeiten 
werden, die für alle Beteiligten glei¬ 
chermaßen akzeptabel erscheint. Diese 
von den Befürworterinnen der Media¬ 
tionsverfahren immer wieder pro¬ 
klamierte »win - win« Situation setzt 
voraus, daß es, neben den offensicht¬ 
lichen Gegensätzen, eine gemeinsame 
Intcresscncbene geben könnte. Schwie¬ 
rig wird es, wenn sich die Interessen der 
»Konfliktparteien« zu sehr gegenüber¬ 
stehen und eine gemeinsame Ebene nur 
auf allgemeinstem Niveau herzustellen 
ist. Fast alle Autorinnen sehen in solch 
einerSituation einen weiteren wichtigen 
Grund für ein eventuelles Scheitern des 
Mediationsverfahren. 

Das perfide an einem Mediations¬ 
verfahren ist jedoch, daß es schwierig 
ist, von von Beginn an auf dieUnverein- 
barkeit der Interessen zu verweisen. 
Diesozial-psychologische Wirkungdes 
Verfahrens beginnt in diesem Sinne 
schon vor dem eigentlichen Prozedere. 
Wer möchte sich schon nachsagen 
lassen, daß er/sie nicht gesprächsbereit 
sei? Wer sich von vornherein von dem 
Mediationsangebot distanziert, läuft 
Gefahr als engstirnig und unkooperativ 
zu gelten, während sich die Gegenseite 
die Attribute vcrhandlungswillig, offen 
und demokratisch ans Revers heften 
kann. 

SolhccincMediaüonsrundezustande 
kommen, beginnt die Phase der psy¬ 
chologischen und gruppendynamischen 


Prozesse, in deren Verlauf nichtnur das 
zu erörternde Ergebnis, sondern eben 
die Dynamik der Zusammenarbeit den 
wesentlichen Punkt darstellt. »Die 
Entwicklung eines »Wir-Gefühls« gilt 
vielen als Grundprinzip von Media¬ 
tionsverfahren, dasdieEntwieklungder 
inhaltlichen Zusammenarbeit -und ein 
produktives Ergebnis der Mediations¬ 
runde- fördern soII.«(vgl. Pfingsten) 
Dieses »gemeinsame Miteinander«, das 
in einer speziell geschaffenen Atmos¬ 
phäre stattfindet, soll nicht nur die 
Wahrnehmung des »Gegners« zum 
»Gegenüber« verändern, sondern letzt¬ 
lich die eigene Position aufweichen. 
Explizit geht es in den Beschreibungen 
des Mediationsverfahrens »nicht um 
die Aufgabe der eigenen Position«, 
sondern darum, die Interessen des »Ge¬ 
genüber« zu verstehen und zu »respek¬ 
tieren« und die eigene »Position ver¬ 
rückbar zu machen«. Es greift damit 
direkt in das Konfliktverhalten wider¬ 
standsbereiter Menschen ein, indem es 
Einfluß nimmt auf die Sicht der Dinge, 
auf dieEbeneder Wahmehmungebenso 
wie auf die Verarbeitung von Informa¬ 
tion und Erfahrung. Gegen diese Ver¬ 
änderungen wäre vielleicht nichts zu 
sagen, wenn sie nicht unter diesen 
Bedingungen stattfänden, zumal es sich 
- losgelöst betrachtet- um ganz normale 
psychodynamische Prozesse handelt. 
Deutlich sichtbar werden Verfahrens¬ 
und Gesprächstechniken, die u.a. im 
Kon Oikttraining der Partnerschaftsthe¬ 
rapie ihre Anwendung finden. 

Ganz anders jedoch steilen sich die 
Dinge dar, wenn es sich nicht um Kon¬ 
flikte auf-zumindest formal- egalitärer 
Ebene handelt, sondern Interessen¬ 
widersprüche zwischen “Oben” und 
“Unten”, zwischen staatlicher Exe¬ 
kutive und Bürgerinnen gegeben sind. 
Es könnte auch so ausgedrückt werden: 
Durch den »neutralen« Mediator werden 
egalitäre Sprach- und Verhandlungs- 
Strukturen in einem speziellen Rahmen 
angestrebt, die aber in keiner Weise 
durch die gesellschaftliche Realität 
gedeckt sind. Gleichberechtigung -im 
Idealfall Machtgleichheit- wird somit, 
bezogen auf die Mediationssituation, 
zur Fiktion im besten Sinne, -ohne das 
sich etwas an der umgebenden Herr- 
schaftssituation geändert hätte. Die 
gegebenenfalls veränderte Sicht der 
eigenen Interessen und der eigenen 
Position wäre unter diesen Bedingungen 


die Folge einer mehr als fraglichen 
Dynamik, beruhend auf fiktiven Vor¬ 
aussetzungen. Unteremanzipatorischen 
Kriterien sind die künstlichen Beding¬ 
ungen innerhalbeiner Mediationsrunde 
nich t nur zweifelhaft, sondern schädlich. 
Sie verdecken die eigentlichen Macht 
und Herrschaftsbedingungen, die neben 
der Auseinandersetzung um das je¬ 
weilige Projekt eine entscheidende 
Rolle spielen. 

In jedem Fall bedeutet die »Pro- 
fessionalisierung«des Konflikts und die 
angestrebte »kooperative« Konfliktbe¬ 
wältigung, das die Austragungsebene 
verändert wird. Sie wird sozusagen auf 
ein »höheres Niveau«gehoben, und dies 
sowohl auf Makro- als auch auf der 
Mikroebene emanzipativer Beding¬ 
ungen. Nicht mehr direkte Aktion und 
direkter Widerstand, der wiederum 
weiteren Erfahrungsspielraum für 
andere Menschen und vor allem das 
Spüren der eigenen Kraft bedeuten 
würde, sondern die abgehobene und 
den Menschen entrückte Diskussions¬ 
runde soll zum Austragungsort gesell¬ 
schaftlicher Konflikte werden. Und 


Viele Zeitschriften 
kommen nur bis hierhin: 



1. Frustrations lappen 

2. bewegungsmelancholischer Schlund 

3. auswegloses Analyseganglion 

4. spätpatriarchale Btähzone 


Aber alaslca 
kommt überall hin: 





5. tustschnecke 8- 

6. Perspektivtrichter 

7. feministischer Widerspruchswirbel 

8. Zeitgeisttaster 


alaskir***/' 

internationalistisch - feministisch - links - anders. 
Probeheft bestellen: alaska, Bernhardstraße 12,; 
28203 Bremen, fon/fax 0421 - 720 34 
Heft 223: Postmoderner Internationalismus 
Heft 2245 Antrrassismus und Migration 





genau darum scheint es zu gehen: 
Demonstrationen, Besetzungen, Streiks 
und Aktionen, die eine Sabotage ge¬ 
duldigen gesellschaftlichen Funktio- 
nierens darstellen, könnten als unde¬ 
mokratisch und deshalb inadäquat ab¬ 
gewertet werden. Im Gegensatz dazu 
wird das Mediationsverfahren als 
kooperativ und demokratisch, als die 
sozusagen kultivierte Ebene der Kon- 
fliktbewältigung dargestellt. 

Mediationsverfahren setzen auf ver¬ 
schiedenen Ebenen an: 

-Individualspychologisch und grup¬ 
pendynamisch, durch veränderte Wahr¬ 
nehmung bei den Teilnehmerinnen in 
der Mediationsrunde selbst. Die Teil¬ 
nehmenden werden zudem noch durch 
die Exklusivität ihren Mitstreiterinnen 
entrückt; 

- Durch die Diskreditierung der di¬ 
rekten Protest- und Widerstandsebene 
führt die Teilnahme an Mediations¬ 
verfahren zu einer Erschwerung, oder, 
bei Verzicht, zu dem Verlust an Erfahr¬ 
ung von eigener Stärke und Wider¬ 
standspotential. Weiterhin ist die Ver¬ 
breiterung einer Bewegung über die 
Beteiligung an direkten Protestaktionen 
erschwert. 

- Gesamtgesellschaftlich schaffen 
Mediationsverfahren neue Ein- und 
Anbindungsebenen an die staatliche 
Exekutive -genau an Punkten wo offe¬ 
ner Dissens »droht«und antistaatlich¬ 
antihierarchische Ansätze entstehen 
könnte. 

Mediationsverfahren als Konfiiki- 
management nehmen in den letzten 
Jahren an Bedeutung zu. Ob eine 
Müllverbrennungsanlage in Bielefeld 
1987, das Abfallwirtschaftskonzept in 
Neuss 1992, Sondermülldeponie in 
Amsfeld 1991, der Bau des Gro߬ 
flughafens Berlin, Mediationsverfahren 
dienen immer öfter, als Regulations¬ 
instrumentgegenübersich anbahnenden 
Auseinandersetzungen. »1993 fanden 
bereits mehr Mediationsverfahren statt 
als in den beiden Jahren zuvor: Neun 
Verfahren, von denen sich fünf mit der 
Suche nach Standorten für neue Depo¬ 
nien oder Müllverbrennungsanlagen be¬ 
fassen.«Inwieweit sich Mediations¬ 
verfahren tatsächlich und auf Dauer 
etablieren, bleibt abzu warten. Fest stc ul, 
daß sie unter den genannten Beding¬ 
ungen einer fixierten Machtungleich¬ 
heit, die die entsprechende politische 


und/oder administrative Ebene weiter 
unabhängig vom Ausgang eines Me¬ 
diationsverfahrensentscheiden läßt, für 
die meisten Bürgerinitiativen und Ver¬ 
bände unattraktiv bleibt Die Forderung 
von reformistischer Seite, den Staat im 
administrativen Bereich zu »öffnen« 
und zu »demokratisieren« setzt eine 
kaum wahrnehmbare Bereitschaft und 
Flexibilisierungswilligkeit voraus, die 
sich höchstens unter dem Nachweis der 
Wirksamkeit von Mediationsverfahren 
unter dem Konfliktmanagementskri¬ 
terium einstellen könnte. Eine nach¬ 
weisbar kürzere, billigere Abwicklung 
und Durchsetzung von ökologisch ka¬ 
tastrophalen Großprojekten mittels 
Mediationsverfahren könnte eventuell 
Bewegung in die starren staatlichen 
Strukturen bringen, -wäre jedoch im 
selben Moment schlagender Beweis für 
die Kritik am Verfahren. 


Literatur: 

Barbian, Thomas: Mediation bei 
Umweltkonflikten. Überlegungen zur 

19^93^ re ^ C ^ eT1 ^ nwenc ^ un S' Sowi 22, 

Erläuterungen zur Beschluß Vorlage »Me¬ 
diation - eine Zukunftsregion imoffenen 
Dialog. Vorschlag für das weitere Ver¬ 
fahren im Zusammenhang mit der 
Diskussion um den Flughafen Frankfurt 
am Main«. 

Ftetkau, Hans Joachim Ausbildung und 
Trauung von Mediatoren. In: Media tion 
als politischer und gesellschaftlicher 
Prozess. Loccumer Protokolle 73/93 

Holtkamp/Schubert: Verhandlungslösungen 

m Mediationsverfahren. Gegenwarts- 
künde 4 

Naßmacher, Hildrud: Mehr Bürgemähe 

durch neue Beteiligungsmöglichkeiten. 
Politische Bildung H. 1/98 

Pfingsten, Karin: Betrachtungen zum Ein¬ 
satz psychologischer Forschungsansätze 
ui Medtationsforschung und Praxis. In: 
Mediation als politischer und gesell¬ 
schaftlicher Prozess. Loccumer Proto 
kolle 73/93 

Presseerklärung des AKU-Wiesbaden 
Mitgl. der Bis gegen die Flugha- 
fenerweiterung 

Presseinformation Hessische Landesre¬ 
gierung: MediationeineZukunftsregion 

im offenen Dialog. 13. Mai 1998 
Zilleßen, Horst in: Umweltpolitik als Mo- 
demisiemngsprozeß, Leske+ Budrich 
Opladen 1993 


Dezember 1 996, 


C 


Pölhö ist ein Heines Dorf mit ur¬ 
sprünglich 3,600 Einwohnerinnen,die 
der TEOtadlischen i Sprachgruppc an¬ 
gehören, Formal wird Polhö zu der 
PRIistischen Gemeinde Chcnalhö ge 
zählt Es befindet sich in den Altos von 
Chiapas und ist zwei Fahrstunden von 
San Crisiöbal de Las Casas entfernt. 
Vor 1994 war Polhö priistisch domi¬ 
niert, doch im Zuge des Aufstandes der 
EZLN haben sich die Bewohnerinnen 
nach und nach mit den Forderungen 
“Freiheit, Gerechtigkeit und Gleich¬ 
heit!” identifiziert Nach dem Wahl- 
betrugbeidenOemeindcwahlcn im Juli 
1994, bei der die PRD-lastigcn Wahl¬ 
urnen verbrannt wurden, haben die 
Polhöerlnnen den offiziellen Sieg der 
PRI nicht anerkannt und das Amt des 
Gemeindevorstehers selbstbcstimmt 
besetzt Das ging vier Monate gut, bis 
das Dorf auf Anordnung des Gouver¬ 
neurs von Chiapas, Ruiz Ferro, geräum t 
und dabei 159 Menschen in den Knast 
von Cerro Hueco gesperrt wurden. Der 
andere Teil der Gemeinde hat in einer 
vierstuendigen Vollversammlung im 
Konsens entschieden, autonom zu sein 
und zu bleiben. Und so haben sic sich 
am 19,Dezember 1994 zur “neuen auto¬ 
nomen Gemeinde in Rebellion Polhö/ 
Chtapas/Mexico” 'erklärt. Bis Mitte 



[10] SF 1/99 





1 .Bericht 


Auf der autonomen Ratsversammlung 
von Polhö wurde entschieden, dass sich 
die Flüchtlinge in Campamentos rund 
um Polhö ansiedeln können, bis sie 
wieder in ihre Heimatdörfer zurück¬ 
kehren könnten ... Mittlerweile leben 
insgesamt 16.800 Menschen in den neun 
Flüchtlingslagern rund um Polhö, in 
Acteal und Poconichin. Sie sind auf 
sehr engem Raum konzentriert und von 
Militärcamps umzäunt, die nach Belie¬ 
ben die eh schon knappe und unzurei¬ 
chende Wasserzufuhr verhindern, in¬ 
dem sie den kleinen Fluss, der durch die 
Region fliesst, stauen. Ebenso verhält 
es sich mit dem Brunnen von Poconi¬ 
chin. Die Menschen aus den Campa¬ 


mentos trauen sich nicht, dort Wasser 
zu holen, weil auch dortein Militärcamp 
stationiert wurde, und die Flüchtlinge 
permanent von den Soldaten drang¬ 
saliert werden, - eine der zahlreichen 
Repressalien, denen die Menschen tag- 
taeglich ausgesetzt sind. Die Konzen¬ 
tration der Flüchtlinge und das Über¬ 
leben,das ihnen so schwergemacht wird, 
ist eine Strategie der “Aufstandsbe¬ 
kämpfung”. 

Die studentische Gruppe der UMAM 
war dieses Jahr drei Mal in Folio und 
hat Bestandsaufnahmen der Lebenssi¬ 
tuation der Flüchtlinge vorgenommen. 
Sie haben uns ausführlich berichtet. Es 
ist grausam! 


>a 


1997 ging alles soweit gut, bis sich die 
Situation verschärfte, als priistische 
Autoritäten der umliegenden Gemein¬ 
den Los Chorros und Puebla damit 
begannen, Wegzoölle von den Einhei¬ 
mischen abzuverlangen, um damit ihre 
Aufrüstung (paramilitaerischer Ban¬ 
den) zu finanzieren. Sie planten einen 
Angriff auf die autonome Ratsver¬ 
sammlung von Polhö. Alle diejenigen, 
d i c die Abgabe der Gelder verweigerten, 
waren der Verfolgung und Repression 
ausgesetzt. Ihre Häuser wurden abge¬ 
brannt und viele Frauen wurden ver¬ 
schleppt und vergewaltigt. 60 Familien 
mussten aus Los Chorros fliehen und 
fanden AsylinPolhö. Die Gewalt spitzte 
sich in den folgenden Monaten noch zu, 
und dieparamilitaerischen Gruppen for¬ 
mierten und erweiterten sich. Ende No¬ 
vember 1997 war die Zahl der Vertrie¬ 
benen in dieser Region auf 4.500 Men¬ 
schen gestiegen. Das Massaker von 
Acteal, ein Nachbardorf von Polhö, am 
22.Dezember 1997, bei dem 45 Men¬ 
schen brutal ermordet wurden, bildete 
den“vorläufigen Höhepunkt”. 

Reisenotizen von 






SF 1/99 [11] 





Hier ein kleiner Einblick: 

Die Menschen leben in Plastikmüll¬ 
behausungen, haben kaum etwas zu 
essen und die Kinder sind alle krank. 
Das knappe Wasser (s.o.) ist verseucht 
und wird sowohl als Trinkwasser, zum 
Kochen und auch zum Waschen benutzt. 
Sie haben weder Land, das sie bestellen 
könnten, noch irgendwelche anderen 
Produktionsmittel. Sie sind daher ab¬ 
hängig von Spenden der Zivilgesell¬ 
schaft. Die Bevölkerung hat erklärt, 
dass sie nur die Hilfe akzeptiert, die von 
der Zivilgesellschaft ausgeht, weil sie 
so lange nichts von der Regierung an¬ 
nehmen wollen, bis der klare und 
authentische Wille seitens der Regie¬ 
rung zu erkennen ist, Massnahmen zur 
Entspannung der Region zu ergreifen. 
D.h. sie fordern von der Regierung den 
vollständigen Abzug des Militärs aus 
der Region, zweitens die Entwaffnung 
der paramilitärischen Gruppen und 
drittens die Umsetzung der Vereinba¬ 
rungen von San Andrbs über indigene 
Rechte und Kultur. 



2.Bericht: 


wenn sich derGrosstcil dcrEZLN 
zwei, drei Tage später wieder zu¬ 
rückzog, blieben viele ehemalige Län¬ 
dereien von Orossgrundbcsitzcm in der 
Hand der nunmehr' autonomen - d.h. 
vom Staat unabhängigen - Kollektive! 
Das Militär nahm Rache an der wehr- 


Ein Treffen mit einem Ex-Gefangenem aus der EZLN 


Wir sitzen also bei einer Freundin im 
Zimmer. Ricardo, ein Ex-Gefangener 
und Mitglied der EZLN,beginnt damit, 
uns “seine Geschichte” zu erzählen. 

Eine Freundin übersetzt simultan, so 
dasseinezwarruhige,aber angespannte 
Situation entsteht. Wir werden sehr 
direkt Zeugen eines Teils der Verbre¬ 
chen, die der Staat Mexico an vielen 
“seiner” Bewohnerinnen begeht...Mit 
leiser Stimme beginnt Ricardo zu er¬ 
zählen, dass er im Jahr 1984, mit zehn 
Jahren, zur EZLN ging. Da er noch so 
jung war, verschaffte die EZLN ihm 
eine Ausbildung in der Schule, und an¬ 
schliessend als Maschinenbauer. Man 
hilft sich gegenseitig, wenn man nicht 
viel hat... In den Achtziger Jahren 
bildeten sich in mehreren chiapaneki- 
schen Dörfern Solidargemeinschaften. 
Aus dieser Bewegungentstand das, was 
als die “Zapatistische Bewegung” be¬ 
zeichnet werden könnte, und was z.B. 
zu den “Frauengesetzen” aus dem Jahr 
1993 führte. Ebenfalls 1993 stiess das 
mexikanische Militär mehr oder weni¬ 
ger zufällig auf einAusbildungs- und 


—im Norden i 
Chiapas. Ricardo lässt zwar offen, 
wieweit derCommandante Daniel hi 
für verantwortlich war,berichtet al 
dass es in der Folge zu einem handfes 
Streit zwischen ihm und der Com 
dancia gekommen sei. Daraufhin \ 
Hess Daniel die EZLN und wurde 
der Staatsanwaltschaft vorstellig i 

Z f iSrM TeildergeheimenS ^ 

der EZLN, so z.B. ein paar Nan 
sowie konspirative Adressen in « 
Mexico. Nun folgte “Altbekanntes’ 

Am 1 .Januar 1994 wurde das zenti 

amenkanischeUndTeilNordameril 

durch den Beitritt zur nordameril 
mschenFreihandelszoneNAFTA -i 
gleichzeitig ging die EZLN militäri« 
in die Offensive. 

Seit 1989, der sog. Niederlage j< 
icher Alternativen zur bestehend 
kapitalistischen Weltordnung, ward 
ser Akt der Verzweiflung wohl das er 
(m den Medien wahrzunehmende) S 
nal, dass der Kampf gegen die He 
sehenden noch nicht beendet ist, u 
dass sich immer wieder Widersta 
gegen dicPiäne der Reichen regen wii 


IosenBevöIkerung (von Chiapas und 
eroichteso bald einen Waffenstillstand 
mit der EZLN, der jedoch immerhin die 
Straffreiheit von EZLN-Angchörigcn 
zum Gegenstand hatte. 

Entgegen dieses J Waffenstillstands 
stürmten am 7.Febcuar 1995 maskierte 
SpezialeinheitendesMilitärs zwei Häu¬ 
ser: eins in Mexiko D.F., das andere in 
Veracruz. Ricardo wurde in dem Haus 
in Veracruz “festgenommen” und -wie 
seine Mitgefangenen - schwer miss¬ 
handelt und gefoltert. Als erstes wur¬ 
den ihm die Augen verbunden, dann 
wurde er mehrere Stunden lang geprü¬ 
gelt und getreten, mit kaltem Wasser 
abgespritzt und wieder bis zur Bewusst¬ 
losigkeit geprügelt. Er sollte Namen 
nennen und Geheimes über die EZLN 
verraten,was er jedoch verweigerte. 
Dann wurden er und seine - männl ichcn 
und weiblichen - Mitgefangenen auf 
Pick-up’s unter eine Plane gesteckt. Die 
Soldaten standen auf ihnen und sie wur¬ 
den nach einer mehrstündigen Fahrt zu 
einem Flugplatz verschleppt. Dort wur¬ 
de Ricardo in ein Flugzeug verfrachtet. 

Noch immer waren ihm die Augen 
verbunden und er konnte seine Peini¬ 
ger nicht sehen, die ihm drohten, ihn 
aus dem Flugzeug zu werfen, wenn er 
nicht rede. 

Ricardo machte den “Überlaeufcr”, 
den Ex-Com. Daniel »dafür verantwort- 


[12] SF 99 



lieh, die Adressen “ausgeplaudert” zu 
haben. Nun sitzt er uns gegenüber und 
erzählt uns “seine Repressionserleb¬ 
nisse” und bleibt doch so ruhig dabei. 

Nachdem er - entgegen den Dro¬ 
hungen seiner Folterknechte-auf einem 
Militärflughafen in Mexiko D.F. gelan¬ 
det war, wurde er in ein Militärgefäng- 
nis gebracht. Dort wurde er wiederholt 
gefoltert und zeitweise mit nassen Tü¬ 
chern bedeckt, damit die Elektroschocks 
den gesamten Körper durchdringen 
konnten. Die Militärs bedienten sich 
auch der typisch lateinamerikanischen 
Foltcrmethode, bei der in eine Spru- 
delflascheChili gegeben wird,und diese 
Mischung dann in die Nase - und damit 
. in die Lungen - ihrer Opfer gesprüht 
wird... Dann, irgendwann, liess man 
ihn“in Ruhe”, d.h. er musste insgesamt 
zwei Monate in Isolationshaft zubrin¬ 
gen,mit fünf und mehr Soldaten rund 
um die Uhr in seiner Zelle, die ihn “be¬ 
wachten”. Nach zwei Monaten ohne 
Lebenszeichen von ausserhalb dieser 
Foltcrstätte, wurde er mit seinen Mit¬ 
gefangenen, die selbiges durchmachen 
mussten, zusammengelegt. Es dauerte 
aber noch lange, bis sie Anwallsbesuch 
bekamen, - geschweige denn Verwandte 
oder Freunde sehen konnten. Diese 
Geschehnisse könnten sich in jeder 
lateinamerikan ischen Militärdiktatur 
abgespielt haben, wir sind jedoch immer 
noch in Mexiko, ein Land, in dem die 
* ‘perfekte Diktatur” als eine “Farce einer 
Demokratie” aufgeführt wird,voreinem 
Publikum, das aus Internationaler 
Währungsfond, Weltbank, Vereinte 
Nationen, Europäischer Union und 
anderer Organisationen besteht, die 
diesem Land eine “hoffnungsvolle 
Schwcllcnsituation” attestieren. Die 
“Festnahmen” wurden in der Öffent¬ 
lichkeit als Erfolg der “Ermittlungen 
gegen Terroristen der EZLN” gewür¬ 
digt, über das Schicksal der Gefolterten 
verlautete jedoch keine Silbe ausser 
einem Bild von einer Zelle, das die 
‘gefährlichen Terroristen” hinter Git¬ 
tern zeigte, und ein anderes mit “sicher- 
gestellten” Waffen und Propaganda- 
material. Ricardo und seine fünfzehn 
Mitgefangenen blieben über zwei Jahre 
irn Knast, bevor sie freigesprochen wer¬ 
den mussten, da ihnen keine strafbare 
Handlung nachzuweisen war. In den 
Prozcssvcrhandlungcn wurden sog. me- 
dizinischcund psychiatrischeGutachten 
vorgebracht, aufgrund derer sie diese 


“SonderbehandIung”erfuhren: Ausge¬ 
stellt von Polizeibeamten bescheinigten 
sie eine hohe Gewaltbereitschaft, eine 
extrem hohe “kriminelle Energic”sowie 
gleichzeitig Schizophrenie und Paranoia 
bei allen Arrestierten. 

Letzteres ist nach wissenschaftlich¬ 
psychologischen Gesichtspunkten 
schier unmöglich. Ihre gesundheitliche 
“Begutachtung” führtedie Folterspuren 
auf “Unfälle bei Fluchtversuchen” 
zurück. Erst als ihre Verteidiger glaub¬ 
würdige Gegengutachten beibringen 
konnten, die erst nach eineinhalbJahren 
Prozessdauerzugeiassen wurden, räum¬ 
te das Gericht ein, den Gefangenen 
überhaupt keine S traf tat nach weisen zu 
können, dienureine “banale Hausdurch¬ 
suchung” gerechtfertigt hätte... 

Sie wurden also knapp zwei Jahre 
nach dem Überfall “unidendflzierbarer” 
Militärkräfte und nach der Medienkam¬ 
pagne gegen die arrestierten “EZLN- 
Terroristen” wieder “auf freien Fuss” 
gesetzt. 



13. Dezember 1998: Um 6:30 wurden 
am 13.Dezember priistische Campe- 
sinos auf dem Wegzur Comunidad Los 
Platanos in der Gemeinde EI Bosque 
von maskierten und bewaffneten Män¬ 
nern angegriffen. Dabei starb ein elf¬ 
jähriges Kind und sieben weitere Men¬ 
schen wurden schwer verletzt. Dieser 
Angriff steht im Kontext der sich zu¬ 
spitzenden Gewalt in Chenalhö, einer 
Region in den Altos von Chiapas (Ac- 
teal, eine Comunidad, die aufgrund des 
Massakers am 22.Dezember 1997, bei 
dem 45 Menschen von priistischen Para¬ 
militärs hingerichtet wurden, weltweit 
Aufmerksamkeit erregte, befindet sich 
in eben jener Region). 1998 hat es acht 
(gemeldete) Angriffe aus dem Hinter¬ 
halt an verschiedenen Orten in Chenalhö 
gegeben, bei denen mindestens fünf 



ReisepraRfisclier 
Ratgeber 
und Kultyrfithrer - 
alles in einem! 


Andalusien 

Argentinien - Uruguay 
Arizona 

Aruba-Bonalre-Curagao 
Berlin & Brandenburg mit Kindern 
Bremen 

Connexions - Seibstreise-Handbuch 
Connexions - Langzelturlaub 
Costa Rica, Ei Hierro 
Fahrrad-Reisen 
Finnland, Fuerteventura 
Galicien & Jakobsweg 
Ghana, Island 
Kanada - Der Westen 
Korsika, La Gomera 
Lanzarote, La Palma 
Litauen, Madeira 
Mexikos Norden 
Mexikos Süden 
Mittel-England 
Odenwald mit Kindern 
Oman, Paris Zur Vorbereitung 

Prag & Westböhmen jeder Reise! 

Rheinland-Pfalz mit Kindern ^g gOOM 

Senegal - Gambia 
Teneriffa 

USA - Der Nordwesten 
Venezuela mit Isla Margarita 
West-Kykladen 

Fadengebundenes Paperback 
mit farbigen Klappenkarten, 

Griffmarken, Randsch lagworten. 

DM 19,80 bis 39,80. 



Wir lassen auch 
Geschichte, 
Politik und Soziales 
nicht außen vor! 


Peter Meyer Reiseführer 

Schopenhauerstraße 11 
D-60316 Frankfurt am Main 
Fax +49-69/44 5135 

ÜBERSICHTLICH 
SYMPATHISCH 
ZUVERLÄSSIG 
UMWELTORIENTIERT 
KONKRETE TIPS 
GENAUE KARTEN 
AKTUELLE PREISE 

SF 1/99 [13] 



PHHOSloriHigM-inrTi r 




Menschen ihr Leben verloren und min¬ 
destens 20 Menschen schwere Ver¬ 
letzungen erlitten haben. 

In Los Platanos leben 370 priistische 
Familien, die Ende April diesen Jahres 
die 34 zapatistischen Familien vertrie¬ 
ben haben, die sich seit dem als 
Flüchtlinge in Nachbarorten befinden. 

Die offizielle und somit weit ver¬ 
breitete Version, macht die EZLN für 
den Angriff in Los Platanos verant¬ 
wortlich. Dies’ wird (nicht nur) in La 
Jornada als Versuch seitens der Regie¬ 
rung gewertet, die Consulta und somit 
weiterhin “friedliche” Lösungen zu 
blockieren und zu verunmöglichen. Mit 
einem Comunicado an das Volk von 
Mexiko und an die Völker der Welt und 
an die nationale und internationale 
Presse wehrt sich die EZLN vehement 
gegen die Vorwürfe. Das CCRI erklärt 
die internen Machtkämpfe der ver¬ 
schiedenen Paramilitaerischen Banden, 
die um die Vorherrschaft in Los Platanos 
und Umgebung kämpfen, für schuldig. 
In zehn Punkten wird diese Version 
dargelegt, so wird z.B. aufgeklärt, dass 
die Gemeinde Los Platanos seit einem 
Jahr unter der totalen Kontrolle von 
Paramilitärs, bundesstaatlichen Sol¬ 
daten und Elementen der Seguridad 
publica des Staates Chiapas steht. 
Ausser den eben genannten kann sich in 
der Region keineR frei bewegen. 
Ausserdem weist die EZLN erneut da¬ 
raufhin, dass sie keine Zivi len angrei fen. 


Verantwortlich für den Mord an dem 
Kind und für dieSchwerstverletzten 
erklärt die EZLN die Regierung, da sie 
dieParamilitaersaufbautund finanziert. 

15.Dezember 1998: In einer gemein¬ 
samen Aktion haben 50 Elemente der 
Seguridad publica (S icherheitskräfte der 
Polizei) und ein Dutzend bewaffneter 
Ziviler, Mitglieder einer neuen para¬ 


militaerischen Bande die in den Altos der zweite Angriff durch Elemente der 
von Chiapas operiert, die autonome SiaatspolizeiaufSan Juande la Libcrtad. 
zapatistische Comunidad San Juan de Bei dem Angriff am lOJuni 1998 wur- 
Ia Libertad (offiziell: Union Progreso) den fünf Menschen der Gemeinde ne¬ 
in der Dunkelheit (20:00 Uhr) ange- tötet. Die Geflüchteten haben Angst in 
griffen und für 16 S tunden besetzt ge- ihr Dorf zurückzukehren; siesind sicher, 
halten. Diese Aktion provozierte die dass die Regierung des Staates ein wei- 
Flucht von 43 Familien in die Berge. teres Acteal plant - d ieses Mal in Uniön 
Viele von ihnen befinden sich noch Progreso. 

immer in der Caoada Chabajeval, wo es P.S. zum Thema “Aufstandsbckäm- 
v.a. in den Nächten sehr kalt und nass pfung”: Der Angriff vom Juni war 
ist. Sie haben weder Essen noch Klei- während der Maisernte und der Jüngste 
düng bei der Flucht m itnehmen können, war zur Zeit der Karfceemm 



tote aus verschiedenen in den letzten 
Tagen und Wochen erschienenen Ana¬ 
lysen 

“Em Jahr nach jlcm Acteal -Massaker 
^at Dr. Emesto Zcdillo, Oberkomm an- 
dierender der mexikanischen Armee, 
den Krieg in Chiapas verloren, genauso 
wiedereinstdielJSA in Vietnam,Frank¬ 
reich in Algerien und die Sowjetunion 
m Afghanistan den Krieg bereits ver¬ 
loren hatten, bevor sic ihre Truppen 
vom Kriegsschauplatz abzogen”, 
schlussfolgert Adolfo Gilly in einem 
Beitrag in La Jornada (22.12.98). Im 
weiteren beschreibt er die 4 Stadien der 
Niederlage Zedillo’s in Chiapas: 



5 Jahre nach Beginn des Aufstandes - 1 Jahr nach dem Massaker - 6 Woche ! 1 





1. Das Misslingen, Subcommandante 
Marcos während der verräterischen 
Offensive im Februar 1995 zu fas- 


2. Das Versagen der Regierung, das < 

von ihr selbst Unterzeichnete Ab- i 
kommen von San Andres anzuer- < 
kennen, durch das einen vom Paria- j 
ment bestäti gter und von der Gesell- * 

schaft unterstützter Frieden möglich / 
gewesen wäre, ohne dass eine der * 
Seiten das Gesicht verloren hätte. ' 

3. Das Massaker von Acteal, das dem 

Massaker von My Lai in Vietnam 
gleichkommt. . 

4. Die Situation ein Jahr nach Acteal, f 

wo Widerstand gegen die Regie- fl* 
rungspolitik selbst in den Rängen ^ 
der Armee sichtbar wird. . 

Es sei schwer vorstellbar, dass Armee- r 
Dissidenten die Dreistigkeit besässen 
die Paseo de la Reforma hinunterzu- 
marschieren, wenn sie nicht die Unter¬ 
stützung aus weniger sichtbaren Ecken 
innerhalb der Armee verspürten (ge¬ 
meint ist der von Oberstleutenant 
Hildcgardo Gomez geführte Protest¬ 
marsch von 51 Militärangehörigen am 
19.12.98 durch Mexico City). 


Gesellschaft auch ohne spektakuläre 
Aktionen nach wie vor gross ist. 
Besonders ermutigend: 

Gustavo Esteva, EZLN-Berater bei 
den seit September 1996 unterbroche¬ 
nen Verhandlungen mit der Regierung, 
erklärte, er habe eine neue Generation 
gesehen, die bisher die Fehler der unter t 
sich zerstrittenen Linken vermeide und 

.. ■ ,/'/'■ < 


Dabei wird die massive Militarisie¬ 
rung des Landkreises Chenalho beson¬ 
ders kritisiert. Nach dem Massaker 
wurden dort zusätzlich 2.000 Soldaten 
stationiert. Noch heute befinden sich 


v: 




;</■ 






, ,ft' f LUT 

i . I i 1 jfi 1 i * ji iljf Militärlager in über 10 Gemeinden, 
f I* fl ( f ■ hauptsächlich in derRegion von Acteal 

die Fähigkeit zum Zuhören habe. Das und Polhö. Man spricht von umgerech- 
Treffen in San Cristobal legte die Basis neteinem Soldaten pro Familie in dieser 
fuer die angekündigte landesweite Region. Viele Analytiker sind zu dem 
Befragung zu den Reform Vorschlägen, Schluss gekommen, dass der Einsatz 
diedieParlamentskömmissionzuChia- ' f ' j // 

pas(COCOPA) in der vergangenen Le- .jl'./.t ff j / * 

gislaturperiode erarbeitete und die in //>'' ^(r ' ,/' */ /*’ j 

wesentlichen Punkten dem Abkommen ,/ur ,/r ä/ / / ' 
von San Andres entspricht (vgl. Chia- der neuen Figuren, die nach dem Acteal- 
pas 98 No. 5). Die Zapatisten selbst Massaker von Zedillo berufen wurden 
sicherten in San Cristobal zu, dass sie (innenministerLabastida,Dialog-Koor- 
für die Consulta 5.000 Personen aus dinator Rabasa, Chiapas-Gouvemeur 
ihren eigenen Reihen entsenden könn- Alhores'» Ausdruck einer Verhärtung 


tt<l 1 r /'' / ' / 

'aA/'y/y' * 

der neuen Figuren, die nach dem Acteai- 
Massaker von Zedillo berufen wurden 
(Innenmini ster Labastida, Dialog-Koor¬ 
dinator Rabasa, Chiapas-Gouvemeur 


r y / 

y/'y 


/ 

V 7 


3 


Gerold Schmidt (Poonal No. 365) 
betrachtet die juengsten Entwicklungen 
mit verhaltenerem Optimismus. Unter 
Hinweis darauf, dass in den vergan¬ 
genen Jahren mehrere Versuche der 


ihren eigenen Reihen entsenden könn- Albores), Ausdruck einer Verhärtung / 
ten. Wenn das auf dem Treffen gezeig te der Regierungslinie war. Unter dem /' ,/ 

InteressederzivilenOrganisationenvon Slogan, die Region befrieden zu wollen, */- / 

Dauer ist, müssten diese die Zahl lan- hat die Regierung die Spannungen * /■ 

des weit vervielfachen können. vergrössert, indem sie in Polizei-Militär- ✓ / 

f Operationen vier autonome Munizipa- f / 


,y.yy\. >. - $ 

EZLN gescheitert sind, landesweit eine ^/. ( 

zivile Massenbasis der Zapatistas auf- , /1 1 

1 1’ 11 

* iii 1 ' 1 ii ' 1 ii 1 ' 1 ii 1 ^ ii 1 ' 1 ^ /fi 1 ' 1 
ii ,/' r ," fii'y 1 , ii 


t‘ r ,<■ , 

zubauen, räumt er jedoch ein, dass die 
Stimmung nach dem dreitägigen 
Meinungsaustausch zwischen der 
EZLN-Führung und knapp 3.000 Ver¬ 
tretern der nationalen und internatio¬ 
nalen ZivilgesellschaftMitteNovember 
in San Cristobal unerwartetoptimistisch 
ist. Die Zusammenkunft war ein wich¬ 
tiger Test für das Verhältnis zwischen 
den zivilen Organisationen und den 
Aufständischen. Die Tatsache, dass der 
Andrang in San Cristöbal grösser war 
als viele erwartet hatten, zeigt, dass die 
Mobilisierungskraft der EZLN in der 


j SCPAZ fasst in No.5 (Volume 3) seiner ff*' i/f 

“Special Reports-Reihe /f/ f f * 

i (http://www.nonviolence.org/sipaz/) ft ft f j 
f die Zuspitzung der Situation in den in- J/*j & 

I digenen Gemeinden von Chiapas im f // / yr /£■ 

' Verlauf des letzten Jahres zusammen. ^ ,// ^ 

ir f • .nn-" -^' - 

ii",/" 

I * ' I 








Qch dem Treffen 


SF 1/99 C15] 





litäten demontierte (vgl. Chiapas98 
No.3) und mit der Implementierung des 
im Juli verkündeten Plans zur “Remu- 
nizipalisierung” (= administrative 
Neuaufgliederung von Chiapas) begann 
(vgl. Chiapas98 No.7). Die Wahlen im 
Oktober, routinemässigmitzahlreichen 
Unregelmässigkeiten behaftet, brachten 
einen breiten Wahlsieg für die PRI (was 
neben der wahltaktischen Ausnutzung 
der Überschwemmungskatastrophe 
auch durch die von der EZLN em¬ 
pfohlene Stimmenthaltung begünstigt 
wurde; - Anm. P.C1.). Aufgrund der 
weitgehenden Ignorierung eingebra- 
chter Klagen über Wahlbetrug hat die 
Opposition angekündigt, dass sie zu 
Jahresbeginn, wenn die Neu”gewähi- 
ten” ihr Amt antreten, zur Besetzung 
von Verwaltunggebäuden mobil ma¬ 
chen will. 

Inzwischen haben die Spannungen 
(Drohungen, Morde und andere Gewalt¬ 
akte) in den betroffenen Kommunen 
(z.B .Las Margaritas,El Bosque, Nicolas 
Ruiz und Tumbala) erheblich zugenom¬ 
men. Eine Zunahme paramilitärischer 
Aktivitäten wird von einer Gesetzes¬ 
initiative des Gouverneurs von Chiapas 
“begleitet”, die sich “Amnestie für Ent¬ 
waffnung ziviler Gruppen (sic !) im 
Staat von Chiapas” nennt. Einige Analy¬ 
tiker schlussfolgern, dass dieses Gesetz 
zur Legalisierung der Straflosigkeit für 
Mörder und paramilitaerische Gewalt¬ 
täter eingebracht wurde. Nachdem sich 
die Vermittlergruppe zwischen EZLN 
und Regierung (CONAI) im Juni wegen 
permanenter Angriffe durch die Re¬ 
gierung unter Protest selbst auflöste, 
übt die Bundesregierung Druck auf 
COCOPA aus. 

COCOPA, deren eigentliche Aufgabe 
es sein sollte, die zwischen der EZLN 
und der Regierung ausgehandelten 
Übereinkünfte legislativ umzusetzen, 
soll nach Wunsch der Regierung die 
Vermittlerrolle übernehmen, was die 
EZLN strikt ablehnt. Am 11.12.98, 
wurde von E.I.A. Daes, der Vor¬ 
sitzenden der UNO-Unterkommission 
für indigene Völker, nocheinmal die 
Auffassung bekräftigt, dass die Er¬ 
füllung der Verträge von San Andres 
für die mexikanische Regierung unum- 
- gänglich ist, eine Aufassung, die sich 
im Prinzip mit der Auffassung anderer 
internationaler Nichtregierungsorgani¬ 
sationen deckt. 


Seit dem Massaker von Acteal sind *^ rs ’ ^floriert. Garniert wurde das 
96 Personen, einschliesslich 11 Staats- ^f nue offizieller Geschmacklosig- 
bedienstete, in Haft, wobei der Anklä- durch Helikopter-Überflüge und 

ger die meisten von Ihnen des “orga- Mili taerpatrouiIIen während der 
nisierten Verbrechens” beschuldigt. Der Gedenkfete in Acteal am 22.12.98. Zur 

zuständige Richter hingegen will diese ^ e ™oIlständigimg dieser Liste von 
Anschuldigung nur für 3 Personen Pie ^^ undStr aflosigkcitseischliessIich 
gelten lassen, ungeachtet der Tatsache, ^ och erwä hnt, dass die namentlich 
dass es eigentlich unmöglich ist, dass bekannten 6 Mörder von Jose Tila, jenes 

sich über 90 Personen “zufällig” am GboUndigenas, der unmittelbar nach 
gleichen Ort, zur gleichen Zeit an der f* iner A ^sage bei der internationalen 
Ermordung von Menschen beteiligen. Mensc honrechtstiiission am 21.2.98 

Verwandte der Beschuldigten prote- ^gebracht wurde, nach wie vor auf 

stierten in Tuxtla Guiterrez, der j* eiem Fy ss sind und u.a. dabei bco- 
Hauptstadt von Chiapas, um ihre Frei- fehlet wurden, wie sie mit Angehö- 
lassung zu erwirken, bislang aber ohne n ^ en der S *cherheitskracftc Baskctbal 1 

Erfolg. Es existieren weitere Haftbe« s P^J len » üssen und tranken, 
fehle (laut El Pais insgesamt 32), die pteSituatkm der inzwischen 10 000 
jedoch laut Nationaler (=Regierungs- ^^chtlmgeinChelnaho (ca. 2500davon 
Menschenrechtskommission CNDH) § ehören zu den “Abcjas”) ist unver- 
nichtvollstreckt werden, um “die Span- ändert - Die Kinder in den Flüchüings- 

nungen im Landkreis nicht zusätzlich a ^ ern sind im Begriff in das zweite 
zu erhöhen” (anscheinend tragen die . r Sc bu1ausbildung zu gehen, 
ca. 150 Paramilitärs, die in 10 Gemein- ^?°jas haben i!m Lager von Acteal 
den Chelnahos weiterhin ungestört ^war eine Schulgebäude aus Blech und 
operieren, zur ENTspannung bei; - Plastik errichtet, es fehlt jedoch an Leh- 

Anm. P.C1.). Eine zusätzliche Offen- * ern und an Lfhrmatcrial. Wenngleich 
barung der CNDH: Es existieren auch urc ^ ®IMieferungcn unterstützt, 
Haftbefehle gegen hohe Beamte, die gestaltet sich das Leben in den Lagern 

aber wegen Fluchtgefahr nicht öffent- ^weswegs leicht Zum Gefühl der 

lieh gemacht würden (Gründe, warum utzlosigkeit und Abhängigkeit gesellt 
diese nicht ausgef ährt werden, wurden ^ ch der Ne . id dei j PRI-Anhänger in 

offensichtlich nicht verraten). Chelnaho, die sich bereits beim Gou- 

Diesem Trend entsprechend konzen- ^ erneurv on Chiapas darüber beschwert 
triert sich das von Jorge Madrazo haben > d ^s sie von der Regierung ver- 
Cuellar, Generalstaatsanwalt von Me- nac hlässigt würden und keine humani- 
xico, am 20.12. präsentierte “Weiss- ^ ffilf e bekämen^ 
buch über Acteal” darauf, das Ereignis 
(erneut) als Resultat eines “ethnisch¬ 
religiösen” Konflikts darzustellen, der 
durch die Existenz der “absolut 
verfassungswidrigen” autonomen Ver¬ 
waltung in Polhö und die (dadurch??) 
schon seit längerem herrschende 
Gesetzlosigkeit im Landkreis Chelnaho 
begünstigt worden sei. Darüberhinaus 
verstieg er sich zu der Behauptung, 
dass das Massaker nicht stattgefunden 
hätte, wenn zu diesem Zeitpunkt die 
Armee bereits präsent gewesen wäre 
(gerade, als hätte es am 22.12. vorigen 
J ahres keine S icherheitskräfte gegeben, 
die in ein paarhundert Meter Entfernung 
vom Ort des Massakers “nichts gesehen 
und gehört hauen”). Gonzalo Ituarte, 

Vikar für Gerechtigkeit und Frieden 
derDioezese von SanCristobal, verwies 
darauf, dass das “Weissbuch” die 
Zapatistas als “indirekt schuldig” am 
Massaker bezeichnet und zugleich die 
“direkte Ursache" des Massakers, d.h. 

Existenz und Aktivitäten der Paramili- 



[16] SF 99 








Zapatisten 
starten eine 
neue 
politische 
Offensive 

Landesweite Befragung 
soll Bevölkerung Mexikos 
mobilisieren 

von Ulrich Brand und 
Gerold Schmidt 

(Mexiko-Stadt, 15. März 1999).- In vie¬ 
len Städten und Dörfern Mexikos sah 
man in diesen Tagen Aufrufe an den 
Haus wänden, die auf den 21. März ver¬ 
wiesen. “Mach dich auf!”, “Geh wäh¬ 
len!”, “Organisiere dich!” war da zu 
lesen, obwohl weder Parlaments- noch 
Präsidentschafts wählen an standen. Die 
im Bundesstaat Chiapas aktiven Re¬ 
bellen der Zapalistischen Armee der 
Nationalen Befreiung (EZLN) und ihre 
soziale Basis versuchten ein weiteres 
Mal, in die politische Offensive zu 
kommen. Die Befragung “Für die Rech¬ 
te der indigenen Völker und für das 
Ende des Ausrottungskrieges” sollte 
Menschen in Mexiko und auch in ande¬ 
ren Ländern mobilisieren. Vier Fragen 
galt cs zu beantworten: Soll die indigene 
Bevölkerung mitall ihrer Vielfalt in die 
mexikanische Gesellschaft integriert 
werden, um ein “neues Mexiko” auf- 
zubaucn? Sollen die indigenen Rechte, 
wie sie im Abkommen von San Andres 
im Februar 1996 von der Regierung 
anerkannt wurden, in der mexikanischen 
Verfassung festgeschrieben werden? 
Wie in der Vergangenheit waren die 
Fragen der Zapatisten nicht sonderlich 
konkret gehalten. Abschließend stellten 
sie “einen wahren Frieden mittels Dialog 
und Entmilitarisierung” zur Disposition, 
sowie den Vorschlag, ein imperatives 
Mandat nach dem Prinzip “gehorchend 
befehlen” einzuführen. Mexikos Innen¬ 
minister Francisco Labastida nannte die 

Befragung “absurd”, für die Indigena- 
Kommission der katholischen Bischofs¬ 


konferenz waren die Fragen “parteiisch” 
und trugen nicht zu grundsätzlichen 
Lösungen bei. Dagegen meinte Bischof 
Samuel Ruiz Garcia aus der chiapane- 
kischen Diözese San Cristobal, es han¬ 
dele sich um eine “friedliche Anstren¬ 
gung”, die willkommen sei. Wichtiger 
als die vorhersehbaren Antworten wird 
die Beteiligung im Vorfeld und am Tag 
der Abstimmung sein. (Bei SF-Red .- 
Schluß noch nicht ausgewertet). Mög¬ 
licherweise werden mehrere Millionen 
Menschen an den 6.700 Wahltischen 
im ganzen Land ihre Meinung zu den 
Fragen abgeben. Mehr als 20.000 “Bri- 
gadisten” waren an der Vorbereitung 
der Befragung beteiligt. Davon sind 
5.000 - je 2.500 Frauen und Männer - 
zapatistische Delegierte aus den Ge¬ 
meinden und Dörfern im Einflußgebiet 
der EZLN. Allein 800 von ihnen befan¬ 
den sich in der mexikanischen Haupt¬ 
stadt. Sie wurden am Sonntag auf dem 
Platz vor dem Nationalpalast von der 
Menschenrechtsaktivistin Rosario 
Ibarra empfangen. Getreu ihrer aktuel¬ 
len Devise “als einzige Waffe das Wort” 
und mit schwarzen Mützen maskiert 
führten sie unter anderem Diskussions¬ 
veranstaltungen an der staatlichen Uni¬ 
versität UNAM durch. Auch ein Fu߬ 
ballspiel gegen mexikanische Altprofis 
stand auf dem Programm. Der Regie¬ 
rung büeb nichts anderes übrig als die 
Aktion zu dulden. Sie versuchte jedoch, 
die Bedeutung der Befragung herunter¬ 
zuspielen. Die “Abkommen über indi¬ 
gene Rechte und Kultur”, die im chia- 
panekischen Ort San Andres unter¬ 
zeichnet wurden, sind die einzigen 
festen Vereinbarungen zwischen Re¬ 
gierung und EZLN. Doch sie bilden bis 
heute den entscheidenden Streitpunkt, 
denn die mexikanische Regierung hat 
nie Anstalten gemacht, sie in die Tat 
umzusetzen. Dies war zusammen mit 
der zunehmenden Militarisierung des 
Bundesstaats Chiapas der Grund dafür, 
daß die EZLN die direkten Gespräche 
abbrach. Die Idee der landesweiten Be¬ 
fragung wurde im Juli 1998 von der 
EZLN in ihrer 5. Erklärung des Lakan- 
donen-Urwaldes vorgeschlagen und auf 
einem Treffen mit 3.000 Teilnehmern 
in Chiapas im November desselben Jah¬ 
res beschlossen. Die Zapatisten haben 
deutlich gemacht, daßesihnen vorallem 
um die Selbstorganisationsprozesse im 
ganzen Land geht: Mobilisierung und 
Dialog sind die entscheidenden Be¬ 


griffe. “Dialog” meint dabei die so¬ 
genannte Zivilgesellschaft, nicht in 
erster Linie die Regierung 

W eitere Infos beim N achrichtenpool Latein- 
amerika; Dieffenbachstr. 18, 10967 
Berlin; Tel: +49-30-789 913 61; 

Fax: 789 913 62/789 13457 
Email: poonal@ipn-b.de; 

Website: www.berlinet.de/poonal 


mi AUSVERKAUF!!! 
wU / 0 Ermäßigung aut alle Aufkleber 
(„gegen den Strom“ von „Anarchie“ 
bis „Zukunft“). 115 verschied. Motive. 
Prospekt bei P.R.O. Peter Rose. 
Herzogstraße 73,80796 München. 
Wir drucken und entwerfen auch 
nach Euren Vorlagen und Ideen. 
Telefon 089/3081235 


M/Z - 

Materialien und Informationen zur Zeit 

Politisches Magazin für 
Konfessionslose und AtheistINNen 



Schwerpunkte der letzten Hefte: 

M/Z 1/98 Religion und Ökonomie * 
NS-Euthanasie und Bioethik u.a. 

M/Z 2/98 Medizin * Kirche und Staat in 
England u.a. 

M/Z 3/98 Sektendebatte * Militärische 
Schwüre auf Volk und Gott u.a. 

Viermal jährlich für DM 26,50 
3 ältere Hefte zum Kennenlernen für DM 10 
Bitte anfordern bei: 


Alibri Verlag 

Postfach 1 67, 63703 Aschaffenburg 
Fon / Fax : 06021 / 1 5744 



SF 1/99 [17] 








c 

O 

■ Mn 

o 

< 

ö 

n 

o 

0 

m 

\ 

0 ) 

a 

o 

0 ) 

o. 


w 

■ Mn 

s 

o 

CD 

o 

■ ■■n 

T5 


Die Prinzipien von PGA 

»Wenn Du nur kommst, um mir zu 
helfen, dann kannst Du wieder nach 
Hause gehen. Wenn Du aber meinen 
Kampf als Teil Deines Überlebens¬ 
kampfes betrachtest, dann können wir 
vielleicht Zusammenarbeiten« Diese 
Aussage einer australischen Urein¬ 
wohnerin ist das übergeordnete Motto 
des Manifestsdes Netzwerkes »People’s 
Global Action« (PGA), das erst im 
Februar 1998 gegründet wurde. Diese 
weltweite Aktion gegen den “Freihan¬ 
del und die WTO (Welthandelsorga¬ 
nisation) versteht sich nicht als Orga¬ 
nisation mitMitgliedschaft, sondern als 
losen Zusammenschluß bereits beste¬ 
hender Basisbewegungen auf allen fünf 
Kontinenten. Das Ziel ist, eine größt¬ 
mögliche Anzahl von Menschen und 
Organisationen zu aktivem Handeln zu 
bewegen. 

Bei PGA wirken Organisationen mit 
wie die brasilianische Landlosenbe- 
wegung “Movimento Sem Terra” 
(MST), die mexikanischeZapatistische 
Befreiungsfront (FZLN), die Maoribe¬ 
wegung auf Aotearoa (Neuseeland) und 
die Bäuerinnen- und Bauernbewegung 
des indischen Staates Karnataka, KURS. 
Die Basisbewegungen der “People’s 
Global Action” haben sich auf vier 
Prinzipien geeinigt, nämlich: 

- eine eindeutige Ablehnung von 
Institutionen wie WTO und Freihan¬ 
delsabkommen wie NAFTA (Nord- 
amerikanisches Freihandclsabkommen) 
und die Europäische Union, 

- eine klare Konfrontationshaltung, 


weil Lobbyismus nichts bringt und 
Institutionen nicht reformierbar sind, 

- den Aufruf zum gewaltfreien zivilen 
Ungehorsam und zur Bildung lokaler 
Initiativen (beispielsweise alternative 
Wirtschaftsformen), 

- eine dezentrale und autonome 
Organisationsstruktur. 

Der in den Prinzipien genannte ge¬ 
waltfreie zivile Ungehorsam schließt 
auch Aktionsformen nicht aus wie die 
diejenigen von KRRS in Indien, die 
eine Fabrik der Saatgutfirma Cargill 
gestürmt und anschließend in Brand 
gesteckt haben, oder Fastfood-Ketten 
wie Kentucky Fried Chicken und 
McDonald’s zerstört haben - nur dürfen 
auf keinen Fall Menschen dabei zu 
Schaden kommen. Schließlich ist die 
zerbrochene Fensterscheibe eines La¬ 
dens nichts im Vergleich zu dem was 
der Kapitalismus an Mord und Zer¬ 
störung tagtäglich anrichtet. 

Das Zusammenlaufen 
verschiedener Bewegungen 

Um gegen den Kapitalismus anzuge¬ 
hen, braucht es eine starke Vernetzung. 
Die Gruppen und Basisbewegungen, 
die sich im Netzwerk von PGA zusam¬ 
mengeschlossen haben, eint die Ein¬ 
sicht, daß ihr Kampf vor Ort mit anderen 
Bewegungen in anderen Ländern ver¬ 
netzt werden muß. Durch eine solche 
Vernetzung werden unmerklich er¬ 
staunliche Prozesse in Gang gesetzt 
ähnlich einer explosiven Mischung in 
der Chemie. Gruppen aus verschiedenen 
Kontinenten, die vorher nicht mitei¬ 
nander kommuniziert haben, unter¬ 
halten sich plötzlich über Grenzen 
hinweg. 

Ein britischer Aktivist von Reclaim 
the Streets London (RTS) beschrieb 
diesen Prozeß folgendermaßen: “Falls 
es eine wichtige Lektion gibt, die Gras- 
wurzelakti vistlnnen in England gelernt 
haben, ist es, daß alles Interessante durch 
Konvergenzen gekommen ist. Konver¬ 
genzen von Bewegungen, Ideen, Kul¬ 
turen, Strategien etc. RTS ist in vielen 
Hinsichten nichts weiteres als ein Zu¬ 
sammenlaufen der Anti-Straßenbe¬ 
wegung und den Kampagnen gegen 
den Criminal Justice Act, dies wiederum 
war ein Zusammenlaufen von Bewe¬ 
gungen von Hausbesetzerlnnen, travel- 
lers (Roma und Sinti), ravers, Rechts¬ 



anwälten und anderen Dcmonstrantln- 
nen. Manchmal sind solche Konver¬ 
genzen nur dadurch entstanden, daß ein 
paar Leute alte Taktiken in einen neuen 
Kontext importierten, zum Beispiel die 
Idee der Baumbesetzung aus den USA, 
die dort gegen die Abholzung von 
Wäldern eingesetzt wurde und in Eng¬ 
land erfolgreich gegen den S traßenbau 
eingesetzt wurde. RTS hat sich bei 
Protesten mit den Liverpool Dockers 
auch schon kreativ solidarisiert. Poli¬ 
tische Strategien in unserer Zeit - ob 
lokal oder global | hängen nicht davon 
ab, intelligente Analysen zu erstellen, 
Sondern inspirierte Synthesen hervor¬ 
zurufen, es geht |nicht darum Bewe¬ 
gungen zu addieren, sondern sie mit¬ 
einander zu multiplizieren, nicht ge¬ 
meinsame Forderungen zu schreiben, 
sondern Zusammenstöße zu erzeugen.” 
Dennoch ist PGA kein Ersatzinstrument 
für die Auseinandersetzungen (Kämpfe) 
vor Ort Es muß zuerst etwas zum 
Koordinieren und Vernetzen da sein. 

Das zapafisfrsche “Netz 
lokaler Kämpfe” 

Die zapatistische Idee des “Netzes 
lokaler Kämpfe” ist nicht neu, sic wurde 
jedoch im Rahmen der “Internationale 
der Hoffnung” des interkontinentalen 
^apatista-Netzwerks nicht weitgehend 
genugumgesetzt. Das interkontinentale 
Netzwerk PGA kiann Bewegungen in 
Asien und Afrika leichter ansprechen 
als Chiapas-Solidaritätgruppcn. Wobei 
zugegebenermaßen die Kontakte zum 
afrikanischen Kontinent bei PGA sehr 
dürftig sind. Dies liegt vor allem daran, 
daß die Kommunikation innerhalb von 
POA fast ausschließlich über e-mail 
läuft (aufgrund von Kosten und Schnel¬ 
ligkeit), und die Telefonanschlüsse in 
vielen Staaten des Südens nicht üppig 
verteilt und sonderlich stabil sind. Dies 
schafft ungesunde Hierarchien, sind cs 
doch hauptsächlich weiße Männer des 
Nordens, die über einen Intcmctzugang 
verfügen und damit auch einen Wissens¬ 
vorsprung gegenüber anderen haben, 
den sie als Macht mißbrauchen können. 
Andererseits sind Diskussionsprozcssc 
in einem interkontinentalen Netzwerk 
per e-mail am einfachsten zu orga¬ 
nisieren, denn das Komitee von PGA, 
das auf den Konferenzen gewählt wird 
nnd auf der Grundlage der Prinzipien 




4 











Entscheidungen in gemeinsamer Dis¬ 
kussion fällt, ist auf allen fünf Konti¬ 
nenten vertreten. 


PGA ist keine NGO 

Das Netzwerk PGA ist etwas Neues auf 
dem Parkett der seit der Rio-Konferenz 
von 1992 herbeigeredeten inter¬ 
nationalen Zivilgesellschaft. Der be¬ 
deutendste Unterschied zu den 
bisherigen Nichtregierungsorganisa¬ 
tionen (NGOs) ist die kompromißlose 
konfrontative Haltung und die Ab¬ 
lehnung von Lobbypolitik, wie sie in 
den Prinzipien verankert ist. Dies hat 
auch einen Einfluß auf behäbige 
nördliche NGOs, die in den letzten 
Jahren immer stärker professionalisier 
wurden, sich bei Konferenzen immer 
mehr auf das Erarbeiten von Ver- 
bcsserungsvorschlägen für Abkommen 
und Konventionen konzentrierten und 
eine Regicrungsbcratungsfunktion 

übernahmen. 

Bei den Aktionen gegen die Ver¬ 
handlungen des MAI (Multilaterales 
Abkommen über Investitionen) in der 
OECD in Paris war auch eine Verän¬ 
derung bei der Strategie der NGOs zu 
beobachten. Mit Erfolg: die inter¬ 
nationale Koordin ierung von NGOs und 
Basisbewegungen hat unbestreitbar m il 
dazu beigetragen, daß das MAI bei der 
OECD gescheitert ist und nun unter 
anderem Namen in der WTO unter¬ 
sucht. 


Synergien in der MAI- 
Kampagne 

Die Anti-MAI-Kampagne ist auch ein 
Beispiel von spannender Zusam¬ 
menarbeit zwischen verschiedenen 
Bewegungen. In der BRD wurde unter 
Studierenden in vielen Städten eine 
massive Kampagne gegen das MAI 
dadurch angestossen, daß Maria Mies 
beim Bundeskongreß Universität und 
Gesellschaft (BUG) im Januar 1998 in 
Berlin einen Vortrag hielt. Es wurden 
Diskussionskreise und Lernprozesse 
initiiert, bei denen Studierende sich 
intensiv mit Fragen rund um Kapita¬ 
lismus und die Rolle des Staates K 
schäftigtcn und sich immer wieder auf 
Seminaren austauschten. 


In Frankreich bildete sich ein breiter 
Protest von Kulturschaffenden über das 
“Observatoire de la Mondiaiisation” 
(Observatorium der Globalisierung) bis 
hin zu “Droits devant!!”, die sich für die 
Migrantlnnen ohne Papiere (Sans Pa¬ 
piers) einsetzen. Mitglieder von People’s 
Global Action waren bei den Aktionen 
gegen das MAI in Paris mit dabei und 
haben an den Strategielreffen der NGO- 
Verireterlnnen teilgenommen. Sie 
haben auch an vorherigen Treffen (eines 
fand im Mai 1998 in Genf statt) ein 
klein wenig mit dazu beigetragen, daß 
ein Gesinnungswandel unter den NGOs 
stattfand: weg von Verbesserungsvor¬ 
schlägen | la Sozial- und Umwelt¬ 
klauseln hin zu einer konfrontativen 
Haltung, das MAI-Abkommen egal wie 
fmd in welchem Gremium es verhandelt 
wird, grundsätzlich abzulehnen. Dies 
drückteSusanGeorgeineinem Brief an 
die OECD im November 1998 aus. Die 
OECD hatte NGOs zu einem Treffen 
am 2. Dezember 1998 eingeladen, um 
über das MAI zu diskutieren, und war 
überraschend auf völlige Ablehnung 
gestoßen. Mehrere NGOs Unter¬ 
zeichneten den Brief von Susan George, 
gratulierten ihr dazu, auch WEED (NGO 
in Bonn) zog die Anmeldung für das 
OECD-Treffcn zurück und schließlich 
ging nur WWF (World Wide Fund for 
Nature) hin. Kurz darauf verkündete 
die OECD das offizielle Scheitern des 
Abkommens in einer Presseerklärung. 


Repression 

Ein Netzwerk wie PGA, das unkal¬ 
kulierbare Wirkungen hat, ist für die 
Herrschenden gefährlicher als die 
beteiligten Aküvistlnnen selbstglauben. 
Für viele Aktivistinnen kam die Repres¬ 
sion gegen ein junges Netzwerk, das 
erst seit Februar 1998 existiert, über¬ 
raschend. Während den Aktionen im 
Mai 1998 erfolgten mehrere hundert 
Verhaftungen erfolgten. Auchein harm¬ 
loses Seminar über “Globalisierung und 

Widerstand” im August 1998 in Genf 
wurde von der Polizei behelligt, sämt¬ 
liche Teilnehmerinnen verhaftet und 
ihre Zelte durchsucht. Beunruhigt hatte 
die Staatsorgane wohl die Tatsache, 
daß sich hier Leute einfach so aus etwa 
19 verschiedenen Ländern trafen, zum 
Beispiel aus Israel, der Ukraine, aus 
Bangladesch, aus Nicara gua und den 


Niederlanden. Im Vorfeld des “Geneva 
Business Dialogue” griffen die Behör¬ 
den abermals hart durch: Um eine inter¬ 
nationale Koordinierung zu verhindern, 
wurden Anfang September das Büro 
von “People’s Global Action” und 
mehrere Wohnungen von PGA-Akti- 
vistlnnen in Genf durchsucht, Ältliche 
Computer, Disketten und Dokumente 
vorübergehend beschlagnahmt 

Geneva Business 
Dialogue 

PGA wurde sogar beim “Geneva Busi¬ 
ness Dialogue” im September 1998 in 
Genf im Plenum namentlich erwähnt, 
einem Treffen zwischen 450 Konzern- 
chefs und Vertreterinnen von verschie¬ 
denen UNO-Organisationen, organisiert 
von der In temationalen Handelskammer 
(ICC). Ihr Präsident, Helmut O. Mau- 
eher, ist gleichzeitig Chef des Multis 
Nestle und des Industrielobby verbandes 
“European Round Table of Indus- 
trialists” (ERT). 

In der offiziellen Erklärung des 
Geneva Business Dialogue zeigten sich 
die Konzemchefs beunruhigt durch die 
Zunahme von Organisationen, die sich 
nicht so leicht wie Gewerkschaften oder 
Nichtregierungsorganisationen befrie¬ 
den lassen würden und sie bekannten 
sich dazu, diese neuen Organisationen 
gezielt bekämpfen zu wollen. 

Die Nichtregierungsorganisationen 
entschlossen sich, der ICC in Paris 








während den MAI-Verhandlungen 
einen Besuch abzustatten. Die General¬ 
sekretärin der ICC, Maria Livanos 
Cattaui, weigerte sich, mit den 200 
Demonstrierenden zu sprechen. Die 
Aktivistinnen besetzten kurzerhand 
repräsentativen Saal mit Kronleuchtern 
im ICC-Gebäude. Mit solch radikalen 
NGOs hauen selbst die Sicherheits¬ 
kräfte, die den Treppenaufang be¬ 
wachten, nicht gerechnet. Die Aktivis¬ 
tinnen hielten gleich eine Presse¬ 
konferenz ab, und ein Vertreter aus 
Bangladesch präsentierte die passenden 
antikapitalistischen Wortedazu. Beider 
Aktion am darauffolgenden Tage be¬ 
kräftigte Agnes Bertrand vom “Obser- 
kvatoire de la Mondial isation” den 
fWunsch nach Fortsetzung der Zusam¬ 
menarbeit mit dem interkontinentalen 
Netzwerk “People’s Global Action”. 


Kritik 

Das alles klingt fast viel zu schön um 
wahr zu sein. Ganz ohne Widersprüche 
istauch ein interkontinentales Netzwerk 


Literatun .•*. ' . ’ 


Peter Wähl, WEED, November 1998: 
“NGO-Mültis, MacGreehpeace und 

in: Peripherie n Zeitschrift ftlr PoUlflit : 

: . und Ökonomie in der Dritten Welt (Nr. 
71,18. Jg.; September 1998; S.55-68). 
iti"Nr,221;, Melanie 

des Erfolgs der Dracula-Strategie ist 

zeigen sich Veränderungen in der 
Video von TV5. TV Suisse Romande, Üb«t ‘ 

Kritik des PGA-Manifests: De Fabelvan de 


MitgHed "sind’' äte 


nicht zu haben, auch wenn viele Inter- 
nationalistlnnen die Notwendigkeit 
eines solchen Zusammenschlusses oft 
betonen und auch bevor es PGA gab 
betont haben. Doch was hat eine in¬ 
dische Bäuerin mit der alleinerziehen¬ 
den Mutter in Westeuropa, die Sozial¬ 
hilfe bezieht, gemein? Die Ablehnung 
des “Neoliberalismus”, die negativen 
Auswirkungen der “Globalisierung”? 
Im konkreten Alltag ist eine solche 
Solidarität schwer umzusetzen und noch 
schwerer in einer leicht verständlichen 
Sprache in Flugblättern zu vermitteln. 

Und auch das Manifest der PGA, die 
Grundlage, auf die sich die vielen 
Basisbewegungen und Gruppen, die 
sich der PGA zugehörig fühlen, bezie¬ 
hen sollen, läßt einiges zu wünschen 
übrig. Die “Analyse” im PG A-Manifest 
ist sehr ökonomistisch, in der Regel 
wird die Benennung kapitalistischer 
Herrschaftsverhältnisse vermieden und 
abstrakt vom “Neoliberalismus” ge¬ 
sprochen, ohne den Begriff näher zu 
definieren. Die Erwähnung von Patri¬ 
archat und Geschlechterverhältnissen 
ist aufgesetzt und unvollständig. Die 
Rolle des Staates im Globalisierungs¬ 
prozeß ist vollkommen unterbelichtet. 
Der Neoliberalismus erscheint so 
fälschlicherweise als eine Dichotomie 
zwischen den “guten” Unterdrückten 
und den “bösen” Konzernen, ohne die 
vielschichtigen Dimensionen von 
Herausbildung und Festigung von 
Hegemonie in der Gesellschaft und die 
eigene Verstricktheit des Individuums 
in Herrschaftsverhältnisse zu erfassen. 
Hinzu kommt, daß sich innerhalb eines 
Netzwerkes, das kein Zen tralsekretariat 
hat eine informelle Hierarchie heraus¬ 
bilden kann von Leuten, die aktiv die 
Informationen sammeln und (selektiv) 
verbreiten, eine Hierarchie die viel 
undurchschaubarer ist als der Vorstand 
einer Partei, und manchmal nicht we¬ 
niger mächtig, wenn die basisdemo¬ 
kratische Kontrolle zu schwach ist. 

Problematisch ist bei der fehlenden 
eingehenden Benennung von Herr¬ 
schaftsverhältnissen - böse Zungen 
würden von “Flachwasseranalyse” 
sprechen die Fokussierung auf die trans¬ 
nationalen Konzerne. Hier fehlt eine 
eindeutige Abgrenzung von Positionen, 
die mitder Argumentation vom “bösen” 
Finanzkapital eine Nähe zu antisemi¬ 
tischen bis hin zu nationalistischen 
Positionen haben könnten. 


Ein mögliches Forum für 
einen | neuen 
Internationalismus 

Auf jeden Fall steht die interkonti¬ 
nentale Zusammenarbeit erst am An¬ 
fang. Mangels anderer Alternative ist 
es trotz aller Widersprüche notwendig 
und lohnend, das Netzwerk PGA als 
mögliches Forum für einen neuen 
Internationalismus zu nutzen, gerade 
weil die unglaubliche Dynamik inner¬ 
halb von PGA seit'Februar 1998 schon 
erstaunliche Beispiele von neuer Zu¬ 
sammenarbeit zwischen Gruppen in 
verschiedenen Lindem zutage gefördert 
hat Die Fallstricke des Internationa¬ 
lismus lauem auch hier, und lassen sich 
auch nicht von heute auf morgen 
beseitigen. Diese Herausforderung gilt 
es jedoch gerade im Hinblick auf die 
Gipfelvorbereitung in Köln 1999 anzu¬ 
nehmen, da die bisherige bundesweite 
Kölnvorbereitung fast gänzlich die 
internationale Vernetzung ausgcklam- 
mert hat. Dar internationale Aktionstag 
am 18. Juni 1999, der von einem breiten 
Bündnis von Bewegungen wicRcclaim 
the Streets vorbereitet wird, wird zur 
Zeit von den Gruppen in den beiden 
bundesweiten Pleha, die sich in Köln 
tmffen, kaum beachtet. Die Texte aus 
dem Vorbereitungsprozeß werden 
selten in eine andere Sprache übersetzt, 
mit Ausnahme der Papiere bei den 
Europäisc hen MMrsch c n. 

Schwierig sind jedoch dicPlanungcn 
im Rahmen der Interkontinentalen 
Karawane, die im Mai und Juni durch 
mehrere Länder Europas ziehen soll 
und die etwas ‘Von oben aufgesetzt” 
wirkt, da sie von Indien aus angeregt 
und nicht gemeinsam mit Basisbewc- 
gongen in Westeuropa von unten ent¬ 
wickelt wurde. Mit einem vernünftigen 
Diskussionsprozeß unter den Gruppen 
in den verschiedenen Ländern könnte 
vielleicht auch dieser Eindruck etwas 
abgemildert werden und die PGA- 
Karawane zusammen mit der “Geld 
oder Lebens-Karawane zu einer ländcr- 
übergreifenden Mobilisierung für Köln 
und darüber hinaus beitragen. Immer 
wieder wird betont, daß cs darum geht, 
Strukturen und. Netze aufzubaucn, die 
den Juni 1999 überdauern , und Ansätze 
für neue Perspektiven jenseits des 
gegenwärtigen Systems aufzuzcigcn. 

Rike Müller 




Termine ;.a1 

zu Köln §j| 

Aktionen zum EU-Gipfel und 
zum G7-Welfwirfschaflsgipfel IgjJJl 


M mail: caravan@stad.dsl.nl oder icc99 
r: "' v •’ , •_ •>„ VjB @gmx.de, http://stad.dsl.nl/~caravan/ 

; / 4 ;K, . V : ,; -Y* ■ 23.5.-2.6.99 Fahrradkarawane “Geld oder 

'\' V |i^jyyUJL|kd| ■ Leben”Abfahrl an Pfingsten (23. Mai 

,, " y f ' ' jlf. 1999), von Berlin/Dresden über Han- 

YYY'YYii \ f l'l nover (Expo 2000) nach Köln, sowie 

' I- - k \:, r von Genf über Basel nach Köln (zwei 

: ■■-'Y'Y ; .' lg Routen)Kontakt:WIWA Wendland c/o 

|| Jobst Quis, Molden 3A, D-29465 

Wmmmffjmm Schnega;e-mail: wiwawend@ni ail.na- 

nÜflynR sIMBHHI dir.org 

MMf- 19.5.99 Europäische Märsche gegen Er- 

' . werbslosigkeit, Ausgrenzung upd Ras- 

sismus. Demo zur Ankunft in Köln 

Am 3. und4. Juni wird unter dealsehem 

Vorsitz der EU-Gipfel m Köln sein. net oder g- g 0etz @iink-m.de;hitp:// 

Tage später, vom 18.-20. Juni 1999, home.link-m.de/ggoetz/eurom/aktion 

wird ebenfalls in Köln der G 7 Gipfel, 99 .htm 

diejäMicheZusammenkunftderStaats- 28.5.-20.6.99 (eventuell nur 28.5.-7.6.) 
und Regierungschefs dersieben größten Camp zu den beiden GipfelnGruppen/ 

Industriestaaten plus Rußland (manch- Personen aus dem linksradikalen Ple- 

mal auch G 8 genannt), veranstaltet n^.sowievonBündnisKöiny^lS. 5 .- 

n . - * ■ .j.- -■ 7.6.)Kontakt: Bündnis K bi 99 sowie 

Genau zwischen den beiden Gipfe n, w ^ R . Frankft)rt(Rhein . M ain-Bündnis 

am 13. Juni, werden die Wahlen zum KöM9)i c/o Cafe Exzess> Leipziger 

Europaparlament staufinden. Der yyer Str . 9 i t 60487 Frankfurt/Main, Tel./. 
G 7 wirdderletzte Wellwirtschaftsgipfel Fax+49-69/774670, e-mail: WIR 

in diesem Jahrhundert und von daher in Frankfmt@wbox.de 

besonderemMaßesymbolischaufgela- 29.5.-2.6.99 EU-AltemativgipfeiForen; 
den sein, Alternative Wirtschafts- und Beschäf- 

dgün^spolitik, Bildung,Frauen, Umwelt 
Vorbereitung für Köln: (Anti-Atom), u.a. Org.: Bündnis Köln 

3.-9.5.Tabor,TschechiscKeRcpublikGGG- 99 

Seminar: zu Globalisierung, Gender, 30.5. Fast 
und Gentechnologie, mitbesonderem antifasc 

Blick auf Osteuropa. Diskussionen u.a. Europa" 

zu Aktionen in Osteuropa, zu den EU-/ BO, Kor 

G7-Gipfeln. ! ' 1 68,1017 

7-8.5. Basel, Schweiz: Kongreß zum MAI 756. Fa 

(Multilaterales Abkommen 1 über Inve- MHPdefsi 
stitionen), mit Susan George u.a. Kon- staltung 

takt Erklärung von Bern, Regional- 99 und a 

gruppe Basel 1 2.6. Köln. P< 

5.5. KasselKongrcß/Unitag zu EU-/WWG- Rüstung 

Gipfel. 11 bis 20 Uhr, Gesamthoch-M damitve 
schule Kassel Kontakt: AStA GhK, letzung* 

Internatref., Nora-Platiel-Str.2, 34127 Köln v Si 

Kassel Tel 0561/8042886, Fax -5, e~ 62, 50* 

mail: asta-ghk@hrz.unlkassel,de Fax ; °l 

15.-30.5,99 Friedensmarsch 2000 für nu- 6.4.6. Kolr 
kleare Abrüstung, von feen Haag; (NL) 
nach Brüssel 

nationales AbkomuÄ^ einer ei 

Atomwaffen bis 2000 Kontakt: e-mail: Kontakt 

international® mo therearth.org; http:// schütz 

www.motherea#tfr,qfg/|Äh^ ^ 

(Eine unvollständige Aufzählung): 

22.5. -22,6,99 InterContinental <?^avan Wß 0228/40 
(ICQIiuerkontmentak Karawane' für flU HHP 

Solidarität und Wid^Än&|S^F^ es Bet 

Global Action)Karawanemit bis zu 500 3.6.4.6.KÖ; 

Leuten aus Indien und anderen Staaten ggf 
Kontakt: (europäische K'öordmati||;fni t ■ 

Anlaufstellen in inifaeril 
EuroDusnie, PA box 
Leiden, Tel/Fax +3 


schaft); Osterweiterung der EU;ggf. 
Institutionelle Reform der EU; Kontakt: 

iitilff ■ 

||^|®^|p|||a^S|^chäfibdeoder:httprf| 

it®Ä^ 

j^Mles, Tel.:0G32/2/2$5-61 11, Fax: 

Europa 

@dg 10.cec.be; Internet :http://www. 
eür opa .eu .int/mdex-de.htm 
3,6,99 fSHy eeferi'dein^'EllfrGlpfelOr^,.: 
Linksradikales Plenum, c/o AStA Uni 
Köln 

3.6.-6.6.99 EU-Gegenkongreß 7 Foren: 
Ökonomie, Antirassismus/Migration, 
EU-lmperialismus, Antifaschismus, 
Repression, ökologie/neue Technolo¬ 
gien,PatTiarchat/BevölkerungspoHtik. 
Org,: Linksradikales Plenum, c/o 
AStAUni Köln 

3.6. -6.6.99 Internationales FrauenLesben- 
Camp gegen die Gipfel Europaweite 
Demo am 3.6., eventuell Demo gegen 
den Frauenabschiebeknast in Neuss, am 
5.6.99 

6.6. -18,6. Köln: Aktionen von ai-Köln 

währenddes G7-TreffensinKöln.Kon- 
takt: amnesty international Beziij^|51n, 
Sigrid Becker,Deutz-Kalker-Str. 62, 
50679 Köln |||§|| 

8.6. Berlin: Diskussionsveigis^^ng 
“Frauen auf dem globalisierten Arbeits¬ 
markt” mit Christa Wichterich (NRO 
FrauenForum, Bonn) in derReihe 
“BLUEday s - Nachhaltiger Weltmarkt¬ 
tango”, 19.30 Uhr, B ildungs werkBerlin 
der HB S, Zeughof str. 20. Kontakt: Blue 
21 c/o FDCL, Gneisenaustr.2; 1Ö961 
Berlin, Tel: 030/6946101, Fax: 030/ 
6926590; E-Mail:b2 I@be4inet.de; 
http://www.berlinet.de/blue21 

10.6. Köln: Tages Veranstaltung “Miliia- 
risierung der Weltordntmg und Demo¬ 
kratie?”, Veranstaltung zum G7-Gipfel 
Kontakt: Komitee für Grundrechte und 
Demokratie, Aquinostr. 7-11 (HH), 
50670 Kln, Tel :0221/9726930, Fax: 
0221/9726931; E-Mail: Grundrechte- 
komitee@t-online.de;http://www. 
friedenskooperative.de/komitee.htm 

12.-18.6. Frankfurt/Koblenz: Ökumenischer 
Pilgerweg zum Erlassjahr 2000 im 
Rhein-Main-Gebiet, Thema: “Weil 
wenige reich sind, sind viele arm” von 
Fankfurt/M. über Wiesbaden nach Ko¬ 
blenz, anschl. weiter hach Köln zur 
y Y Menschenkette der' ErlassjÄrkam- '; 

riat Mainz, Alois Bauer, Bischofsplatz 
2, 55116 Mainz, Tel.:06131/253-263, 
Fax: 06131/253-558 

16.6. Köln: ca. 10 bis 16 Uhr 30: Veran- 
4 staltung über; Kritik;an Globalisierung 

und Alternativen dazu. Org.: MariaMies 
(KomiteeWiderstand gegen das MAI, 
Köln), Helena Norberg-Hodge (ISEC), 










IflÜSlä 

im i 


Vandana Shiva (IFG), Ort: eventuell 

5.6. Köln: ca. 17 Uhr: Internationale 
Anhörung von Frauen aus verschiedenen 
verschiedenen Berufen zu 1 
"ökonomischen Rechten” der Frauen. 
Ort: eventuell VHS Köln. Kontakt: NRO 
Frauenforum,c/o AutorinncnBüro Cöln, 
Friesenstr. 73-75, 50670 Köln, Tel.: 
0221/2571071, Fax: 0221/2571075; E- 
'jMäil;ab«@a(la.woEiiaii.tle 
7./18.6.99 Altemativgipfel zum Welt¬ 
wirtschaftsgipfel, Org.: WEED (Welt¬ 
wirtschaft, Umwelt und Entwicklung - 
NGO), Bonn 

16 .: - Forum der “Illegalen” (Kein Mensch 
sind hier weil ihr dort 
seid” - Forum zur Zukunft der Arbeit 
(medico international) 
ä. Juni 99 Internationaler Aktionstag 
Kreative Aktionen in Finanzzentren 
(z.B. Blockaden), ähnlich wiedieGlobal 
Street Parties im Mai 1998: autonom 
organisiert, jedoch global koordiniert. 
Org.: Bündnis verschiedener sozialer 
und ökologischer Bewegungen.Kontakt: 
Reclaim the Streets, London: Tel. +44/ 

171/28146 21; e-mail:rts@gn.apc.org; 

http://www.gn.apc.org/rts/; Diskus¬ 
sionsliste unter: J18 d iscussion @ gn.apc. 


Linksradikales Anti|-HU~/WWG- Plejium 
Köln; c/<HASt&jVntifaschismusrefcrat, 
üniver siMssttad e 16.50937 Köln.Tel: 
tt&l /4702992,Fax: 0221 /4705071; 
Kontaktlhttgl/i w w w. uni - koeln.de/ 
st ud ent en/asta/internat/cu -wwg. 

D& LiitksMdikale Anti-EU-/WWG~ 
Plenum Köln ist ein eigenständiger loka- 
ler Zusammenhang zur Vorbereitung 
auf die Poppelgipfel und arbeitet unab- 
bängig von I weiten” und re form i> 
Bündnissen. Wir 
machen keine V erbesserungs Vorschläge 
für einen sozial und ökologisch abge- 
EU-Irn^erialismus unter deut¬ 
scher, .„^itming, sondern greifen G- 8 

■ und die EÜ als supranationale Herr¬ 
schafts- und Ausbeutungsstrukturen an. 
Im Plenum arbeiten bisher mit: Leute 
ai3s d'oi-, Alb'ffptiven Li s te, Anti- 
Euthänasicgmppb Köln, Antifaschis¬ 
musreferat im Uni-AStA, AStA PH, 
Anti-AKW-Aktivistinnen und Ökolo¬ 
gische Linke Köln 

Gruppe 99/MaV (Menschen mit anderen 
VoTStellungenicj/o Infoladen Köln, 
Ludolf-Camphausen-Str. 36, Köln 

Frauen/Lesben-Plemim zu den Gipfeln c/o 
Infoladen KölrkLudolf-Carnphatisen- 
Sii. 36, Köln; e-mail: Infoladen.Koeln 
@link-lev.de(Frab Rucola)treffen sich 
etwa zweimakimonatlich; arbeiten 
inhaltlich: in ydtechicdenen Arbeits- 
kreisen, tauschen neueste Infos aus, 
planengem eins änje Infoabende, Aktio¬ 
nen, bundesweite'jT reffen u.v.m. Offen 
für alle Frauen/Lesben 

* Erlaßjahr 2000-kampagne (“Jubilee 
2000”): Kontakt: Kampagne “Erlaßjahr 
2000” c/o Südwind, Lindenstr. 58-60, 
53721Siegburg, Tel: 02241/591226, 
Pax: 02241/591227;http;//www.erlass- 
jahr2000.de/koelfj.htinl, e-mail: bucro- 
@erlassjahr200Q.jic.Dic internationale 
Kampagne forderieinen weitreichenden 
Schuldenerlaß filr'die armen Länder der 
Erde im Jahr. 2000 und die völker¬ 
rechtlich verbindliche Neugestaltung 
internationaler Finanzbeziehungen im 
Sinne eines fairen Interessenausgleichs 
zwischen Schuldhcm und Gläubigem 
(“Internationales. ■ Insolvenzrccht”). In 
Deutschland wir^ die Kampag ne von 
über 200 Organisationen, Gruppen, 
Gemeinden, Kirchen, Verbänden und 
Kommunal gemeijiden getragen. 

Berliner Vorbereitul| für Köln: 

Berliner Gipfolstihsiferlnnen, c/o Interna¬ 
tionalist Humboldt-Uni- 

versität zu BctlM Unter den Linden 6, 
10099 BöBlin^_4mail: biwak@gmx. 
netmailing^Eisrei EU+WWG-L: list- 
scrv@lwifeleu,dd 


. ■. ■ 


Broschüre zu EU* und Weltwirtschaftsgipfel 
Köln 1999 


„kölngehen - Erkundungen zu 
Globalisierung und Internationalismus" 

Kapitalistische Globalisierung - 
Krisen, Strategien und Institutionen 
Herrschende Diskurse über politische Regulierung 
Internationalismus quo vadis? Reflexionen 
über vergangene und aktuelle Kampagnen 


Herausgeber: BUKO 
Arbeitsschwerpunkt Weltwirtschaft 
72 Selten 

Preis: 6,- DM zuzügL Versandkosten 
ab 10 Stück 4,50 und ab 50 Stück 4,- DM 
Bestelladresse: 

BU KÖ-Geschäftsstelle 
Nemstweg 32-34 • 22765 Hamburg 
Tel. 040/3931 56 • Fax 0 40/390 75 20 


lÄ> Gröne 











Marbach a.Neckar: Im Verlauf der 
alternativen Unterschriftensammlung 
kam es in der Stadt zu lumultartigen 
Zuständen. Erboste CDU-Anhänger 
verübten zwei Mal gewalttätige Über¬ 
griffe gegen Unterschriftensammler der 
Initiative. Der Grund der Aufregung 
bestand vermutlich darin, dass die 
Unterschriftenlisten der Initiative dem 
äußeren Erscheinungbild nach den 
Listen der CDU nachempfunden waren. 

Inhaltlich waren die Aussagen der Listen 
allerdings kaum zu verwechseln, da sich 

die Initiative nicht gegen die doppelte 
Staatsangehörigkeit, sondern gegen die 
doppelte Staatshörigkeit und für die 
I ntegration der CDU aussprach. Das Er¬ 
gebnis ist für die CDU erschütternd. 
Zahlreiche Bürger unterstützten dieFor- 
derung der “Initiative gegen die doppelte 
Staatshörigkeit”, die CDU durch ge¬ 
eignete Maßnahmen in den Kreis der 
zivilisierten Menschcit zu re-integrie- 
rcn. Zwar wurde seitens der CDU unter¬ 
stellt, cs sei vor allem auf irrtümlich ab¬ 
gegebene Unterschriftenspekuliert wor¬ 
den. Angesichts der Eindeutigkeit der 
Forderungen der Initiative heißt dies 
nicht weniger, als den Marbacher Bür¬ 
gerinnen und Bürgern zu unterstellen, 
sic würden Unterschriften leisten, ohne 
vorher den unterschriebenen Text ge¬ 
lesen zu haben, oder sie seien gar des 


Lesens nicht mächtig. Derartige Unter¬ 
stellungen werden seitens der Initiative 
schärfstens zurückgewiesen. DerCDU- 
Ortsvorsitzende Roland Liebl wandte 
sich an die örtliche Polizei und versuchte 
auf diese Weise, die unliebsame Kon¬ 
kurrenz aus dem Weg zu räumen. Der 
CDU-Gemeinderatsfraktionsvorsi- 
tzende Dr. Bogner erklärte gegenübe: 
der Polizei: “Mit allem habe ich ge¬ 
rechnet, nur damit nicht.” Die Reaktion 
der CDU zeigt, dass es ihr bei ihrer Un¬ 
terschriftensammlung weder um Argu¬ 
mente noch um differenzierte Positionen 
geht, sondern allein darum »rassistische 
bis rechtsextreme Ressentiments für 
sich zu mobilisieren. Wieanders ließe 
es sich erklären, dass die CDU-Ver¬ 
antwortlichen unterstellen,ihre Klientel 
würde Positionen gleichsam in blinder 
Wut unterschreiben,ohne diese zuvor 
auch nur gelesen zu haben.Der schlechte 
Eindruck derCDU an diesem Vormittag 
wurde sowohl durch das handfeste Ver¬ 
halten einiger ihrer Anhänger unter¬ 
strichen als auch durch dieTatsache, 
dass mehrere Unterschriftensammler 
der CDU bei einem Sprachtest nur 
unzureichende Kenntnisse der deut¬ 
schen Sprache bewiesen. Ihr Verhalten 
gegenüber Andersdenkenden ließ auf 
fundamentalistische Denkfiguren 
schließen, so dass dieser Personenkreis 



insgesamt nur wenig Anzeichen füreine 
Integrationsbereitschaft in eine demo¬ 
kratische Gesellschaft erkennen ließ.Die 
Initiative und das Autonome Zentrum 
Marbach werden auch weiterhin zuge¬ 
gen sein, wo rassistische und rechts¬ 
extreme Stereotypen in Wort, Bild und 
Tat das friedliche Zusammenleben in 
unserer Gesellschaft zu gefährden 
drohen. Vielleicht hat die CDU aber 
auch ihre Lektion gelernt. 



Autonomes Zentrum Marbach e.V. 



Bonn: Aktion “Taube” gegen die 
CDU-Unterschriftensammlung. Mit 
einer ungewöhnlichen Aktion haben am 
heutigen Samstag (6. Februar1999) etwa 
50 Menschen auf dem Bonner Mün¬ 
sterplatz die Unterschriftensammlung 
der Jungen Union und der CDU gegen 
die doppelte Staatsbürgerschaft massiv 
behindert. Bereits an den vergangenen 
beiden Samstagen hatten die Christ¬ 
demokraten ihre rassistische Kampagne 


SF 1/99 [23] 











nicht ungestört durchführen können. 
Nachdem vor zwei Wochen Unter¬ 
schriftenlisten entwendet und die Stände 
der Jungen Union umgekippt worden 
waren, konnten die Nachwuchskonser¬ 
vativen am vorigen Samstag ihre Hetz¬ 
propaganda nur in einem abgesperrten 
und von der Polizei scharfbewachten 
Areal unter das begehrte Volk bringen. 
Beide Male begleiteten lautstarke Pro¬ 
teste die Untersehriftenaktion. Heute 
nun ließen sich die Gegendemonstrant- 
Innen etwas Neues einfallen. Wiederum 
war um den Stand der Jungen Union 
und derCDU eine Absperrung errichtet 
worden, die von einer Hundertschaft 
der Bonner Polizei abgesichert wurde. 
Zunächst wurde nur gepfiffen und ge¬ 
rufen. Plötzlich jedoch kippte die 
Stimmung: Die Gegendemonstrant- 
Innen begannen die Christdemokraten 
und ihre staatlichen Helferinnen zu ver¬ 
höhnen. Unter der Parole “Deutsch¬ 
deutsch-, Deutschländerwürstchen!” 
(skandiert wie “Nie, nie, nie wieder 
Deutschland!”) prasselte mehrfach ein 
Regen aus Bock- und Siedewürsten auf 
Junge Union, CDU, Polizei und unter- 



'Anarchismus 


Ist Anarchie möglich?“ 

Auf diese und viele andere Fragen 
antwortet Alexander Berkman und 
gibt damit eine leicht verständliche 
Einführung in das anarchistische Denken, 


Alexander Berkman 
ABC des Anarchismus 

127 S,, Broschur, 14,- DM 
ISBN: 3-931786-00-5 


Postfach 11 59, 71117 Grafenau 
Tel: (070 33) 442 73 
Fax (070 33) 452 64 
e-Mail: TrotzdemuSF@t-online.de 



Ordnungshüterinnen griffen nicht ein, 
wohl weil das Werfen von Würstchen 


noch nicht für eine Festnahme wegen 
Landfriedensbruchs ausreichtDanach 
mußten sich der rassistische Pöbel und 
die ihn beschützenden Steuergelder auf 
zwei Beinen weiteren Spott gefallen 
lassen. Die Stimmung nahm zuweilen 
Formen wie im Fußballstadion an. Ein 
paar Kostproben der Gesänge und Paro¬ 
len: “Keiner geht mehr, keiner geht 
mehr rein!” (als die Gegendemon- 
strantlnnen kurzzeitig den Zugang zum 
Unions-Stand versperrten; analog zum 
Fußball-Gesang “Einergehtnoch,einer 

geht noch rein!”).., 

Ihren Höhepunkt erreichte die Ge¬ 
genaktion jedoch, als die Demonstrant- 
Innen unter dem Ruf “Brecht das Brot 
und verteilt es unter den Armen!” mas¬ 
senweise Brotkrumen vor den Zugang 
zum CDU-S tand und in die Absperrung 
warfen. Das nämlich lockte eine Unzahl 
von hungrigen Tauben an, die vorüber¬ 
gehend für ein ziemliches Chaos sorg¬ 
ten, unterschriftswillige Bürgerinnen 
und Christdemokraten augenscheinlich 
unangenehm auf die Pelle rückten, den 
Zugang zum Stand versperrten - und 
die Polizei vor ein Problem stellten: 
Verscheuchen nützte nichts, Zertram¬ 
peln wäre überzogen gewesen, und 
Festnehmen ließen sich die Tauben na¬ 
türlich auch nicht. Den Brotwerferlnnen 
wiederum konnte man so etwas wie 
einen “Verstoß gegen das Versamm¬ 
lungsgesetz” nichtemsthaft vorwerfen. 
Also gaben sich die Uniformierten 
endgültig der Lächerlichkeit preis, als 
sie von zwei Demonstranten die Per¬ 
sonalien aufnahmen - wegen “nicht- 

gcnehmigterTaubenfütterung”. Wieein 

Prozeß wohl aussieht, der bei einem 
Widerspruch gegen das zuerwartende 
Ordnungsgeld geführt werden müßte? 
die Autonome Taubenstaffel Bonn 


Tortenfront 

San Francisco - The Biotic Baking 
Brigade (BBB) schlug erneut mit einem 
Tortenattentat zu als einer Ihrer Akti- 
visten eine Tone ins Gesicht des neo- 
liberalen Wirtschaftswissen schaftlers 
Milton Friedman warf. Es geschah auf 
einer Konferenz zum Thema “Priva¬ 
tisierung der Erziehung”, die Friedman 
organisiert hatte. Der Zwischenfall 
ereignete sich gegen 18:30 Uhr, kurz 
bevor der frühere ÄußcnministerGeor- 
ge Schultz (unter Reagan) seine Begrü¬ 
ßungsansprache an die Konfcrcnz- 
teilnehmerhaltenkonnie. Dcr27jährige 
Torten werfet Al Decker näherte sich 
Friedman während der einigen Anhän¬ 
gern die Hände schütte] tc mi t den Wor¬ 
ten: "Mr. Friedman, it's a goodday io 
pie! n und warf die geschmackvolle 
Kokusnußcremetortc in dessen Gesicht. 
Decker wurde fostgenommen und er¬ 
wartet eine Anklage wegen Körperver¬ 
letzung und Schlägerei. 

Die BBB isteinejbiozcntrischcs Kol¬ 
lektiv, das in Nord-Kalifornien operiert, 
mitdemZiel,diejenigen Leute mit Deli¬ 
katem zu blamieren und zur Verant¬ 
wortung zu ziehen, die Verbrechen be¬ 
gangen haben. Letzten Sommer bewarf 
die Gruppe Charles Hurwitz, CEO of 
MAXXAM Corporation, der dafür 
verantwortlich ist, dass der Hcadwatcrs 
Forest abgeholzt wurde und der den 
Amerikanischen Steuerzahler während 
des Savings & Loan Skandals 1980 1,6 
Millionen Dollar kostete. Diesen 
Sommer bewarf BBB den Earth First’Icr 
Barry! Chemey für sein einem Wobbly 
undUmweltaktivistcn widerliches Ver¬ 
halten. Decker, der auch als Special 
Agent Apple of ttic BBB bekannt ist, 
erklärte, “Wir halten Mil ton Friedman 
für Verbrechen gegen die Menschlich¬ 
keit für schuldig, weil er diese Konferenz 


£24] SF 1/99 







organisiert hat, die den öffentlichen 
Bildungsauftrag privatisieren will. 
Friedman giltals einer der herausragen- 
desten neoliberalen Ökonomen, er 
un terstützt die Pol itik der G lobal isierung 
und des “freien Handels”, die Armut, 
Ungerechtigkeit, Hunger und öko- 
logoische Zerstörung mitsichgebracht 
haben. Der globale Markt hat die Erde 
an den Rand des Kollapses geführt. 
Was kann ich als junger Amerikaner 
unter einem neoliberalen Wirtschafts¬ 
system anderes erwarten als eine de¬ 
pressiv stimmende McWelt? 

Ich bin Zeuge geworden wie meinen 
Milaktivisten übel mitgespielt wurde, 
weil sie den Headwaters Forest ver¬ 
teidigen wollten: sie wurden verhaftet, 
ins Gefängnis geworfen, geschlagen, 
mit Pfeffer besprüht und kürzlich sogar 
getötet. 

Mit Mil ton Friedman werden Gou¬ 
verneur Pete Wilson und der Finanz¬ 
magnat Steve Forbes auf dieser Kon¬ 
ferenz erwartet, ich glaube diesen drei 
Figuren dürfte es gefallen ein wenig 
ihre eigene Medizin zu schmecken.” 


A UFRUFZUR SOLIDARITÄT!!! 
VERHAFTUNG VON 
ANARCHISTEN IN 
GRIECHENLAND 

In den letzten 3 Monaten ist die 
Schülcrlnnenbewegung in vollem 
Gange gewesen und immer noch sind 
rund 700 Schulen besetzt. Die Schü¬ 
lerinnen protestieren gegen die Schul¬ 
reform, die seit letztem Sommer durch 
das Gesetz 2525 eingeführt werden soll. 
Dieses Gesetz verknüpft dieBildung mit 
den Bctricbsbcduerfnissen und mündet, 
nach wie vor, in eine Intensivierung des 
Prüfungssystems und einen immensen 


Leistungsdruck. Die Schülerinnen 
sollen sich strenger bemühen, während 
sich obligatorisch das klare Ziel einer 
Karriere für die Minderheit und einer 
sozialen Absage fiierdieueberwiegende 
Mehrheit vor Augen stellt, was an¬ 
schliessend je nach dem in unqualifi- 
zierte Arbeitsstellen, Arbeitslosigkeit 
bzw. rechtzeitige Einberufung in die 
Armee’ interpretiert werden soll. Am 
wesentlichsten betrifft die Schülerinnen 
jedoch der absolute Verlust ihrerFreizeit 
bzw. ihre voellig unsichere Zukunft 
Diese Kaempfe haben sich zum grossen 
Teil radikalisiert und die Schulbe¬ 
setzungen zusammen mit andauernden 
Strassenschlachten undStrassenblocka- 
den haben sich bisher für die Regierung 
ziemlich störend erwiesen. Die Anar¬ 
chistinnen haben sich aktiv in den 
meisten Städten mit den Schülerinnen 
solidarisiert und das hat zu ihrer Kri¬ 
minalisierung geführt. Neben einer 
Reihe von Ermittlungen (nichtnurgegen 
Anarchistinnen natürlich) wurde am 
Freitag, den 15. Januar, der anarchi¬ 
stische arbeitslose Pädagoge Vassilis 
Evangelidis festgenommen, u.a. wegen 
eines Brandanschlages angeklagt und 
er gelangte in U-Haft. Seit Dienstag, 
dem 19.1. ist er in den Hungerstreik ge¬ 
treten. Seine Erklärung dazu: „Ich bitte 
um nichts. Ab heute trete ich in den 
Hungerstreik, als Widerstand gegen die 
Verhaftung, die fuer mich der staatliche 
Reppresionsapparat beschlossen hat. Ich 
werde ins Gefängnis gefuehrt, weil ge¬ 
gen mich u.a. wegen eines Brandan¬ 
schlags ermittelt wird. Dieser Vorwurf 
ist konstruiert und beruht auf falschen 
Aussagen. Ich lehne sie ab und kaempfe 
um meine Freilassung. Ich solidarisiere 
mich mit der Schülerinnenbewegung, 
mi t der Angst derWiderstand leistenden 
Schülerinnen. Ihr Kampf ist mit dem 
Kampf um Abschaffung dieses Ausbeu- 
lungs- und Unterdrückungsregimes eng 


verbunden. Denn die Schulen sperren 
die Jugend ein, um Untertanen, maschi- 
nenähnliche Menschen herzus teilen, die 
gerne auf die Sehnsucht nach Freiheit 
verzichten sollen. 

Freiheit für den gefangenen Genossen 
V. Evangelidis 


Der Fall Kostas Mitropetros 

In U-Haft befindet sich auch seit dem 
18.11.98 der 25-jährige Anarchist 
Kostas Mitropetros. Er wurde wegen 
einer Reihe von schweren Verbrechen 
angeklagt (u.a. Brandstiftung), weil er 
während der Demo und der anschlies¬ 
senden S trassenschlacht verhaftet wur¬ 
de, die dem Mordversuch einer Nazi- 
Truppe an drei Mitgliedern einer linken 
Gruppierung folgten. An den drei vo¬ 
rigen Tagen hatte es Strassenschlachten 
in ganz Griechenland gegeben, da mas¬ 
senweise an dem Kampf der arbeits¬ 
losen Lehrer teilgenommen wurde. An 
jener Demo, am 18.6.98, wurden sowohl 
ein Fernsehwagen, als auch ein Bul¬ 
lenwagen abgefackelt und die Büros 
der sozialdemokratischen Regierungs¬ 
partei PASOK angegriffen. Unser Ge¬ 
nosse ist ein sehr aktiver Anarchist, hat 
sich öfter mitvielen sozialen Kaempfen 
solidarisiert und stellt insofern eme 
Bedrohung für die Herrschaft dar. Es 
läuft schon in vielen Städten eine 
Kampagne um seine Freilassung, 

“Makhno ist unser Zar, 
Makhno ist unser Gott" 


Ein paar bösartige Bemerkungen zur 
110-Jahr-Feier von Nestor Machnos 
Geburtstag. 

Am 9.und 10.Dezember 1998 


SF 1/99 [25] 


organisierte die staatliche Universität 
von Zaporozhye gemeinsam mit den 
örtlichen Behöreden eine Feier zu Ehren 
des anarchistischen Revolutionärs 
Nestor Makhno an seinem Geburtsort 
Gulyai-Polye. Bestandteil der Feier w'ir 
eine von der Universität organisierte 
wissenschaftliche Konferenz und ein 
von den örtlichen Behörden organi¬ 
siertes öffentliches Fest. 

Genossen der anarchistischen Zei tung 
“Dikoe Pole” in Zaporozhye, hatten 
uns eingeladen ein Positionspapier 
beizusteuem. Wir schickten ein Fax, da 
die Genossen vor Ort aber zu locker 
damit umgingen, war es nicht bei den 
offiziellen Unterlagen enthalten - aus 
demselben Grund kamen wir auch einen 
Tag zu spät in Zaporozhye an, von wo 
aus die Gäste nach Gulyai-Polye ge¬ 
bracht wurden, so dass wir die wissen¬ 
schaftliche Konferenz verpassten. 

Nachträglich sah es so aus, als hätten 
wir nicht viel verpasst. 

Wir kamen am Abend des erste.i 
Tages an und fanden die Teilnehmer in 
einem feinen Restaurant sitzen, die 
Anarchisten aus der Ukraine und aus 



fam Cbrmky- 
Wege zur inWIekluellen 
felbvh/erfekligung 


Postfach 11 59, 71117 Grafenau 
Tel: (070 33) 442 73 
Fax (070 33) 452 64 
e-Mail: TrotzdemuSF@t-online.de 


Wege zur intellektuellen 
Selbstverteidigung 

Medien, Demokratie und die 
Fabrikation von Konsens 

Das Buch Hg. v. Mark Achbar, 1996 
280 $., mit ca. 200 Abb., 39,- DM 

Das Video Manufacturing Consent 

Noam Chomsky und die Medien 
164 min., 49,95 DM 


Rußland fein säuberlich von den 
Studenten getrennt. 

Unter den Anarchisten befanden sich 
unsere RKAS-Genossen aus Dnepro- 
petrovsk. 

Die Anarchisten ihrerseits waren 
ebenfalls in zwei Gruppen aufgeteilt: 
auf der einen Seite die “hardcore” 
Anarchosyndicalisten der RKAS mit 
ihren Freunden, auf der anderen die 
“chaotischen” Radikalökologen, die 
sich, aus welchem Grund auch immer, 
"Anarchogrüne" nennen. Insgesamtka¬ 
men diese beiden Gnippen aber ganz 
gut miteinander klar. 

(...) Nach dem Essen und nachdem 
die Unterbringung geregelt war, 
schlugen wir vor, daß sich RKAS und 
"Anarchogrüne" zusammensetzen, um 
sich besser kennenzuleren und ihre 
Ansichten auszutauschen. 

Anschließend tagte die RKAS-Dde- 
gation noch separat, um ein neues Pro¬ 
gramm zu verabschieden. 

Am nächsten Tag erwartete uns das 
Fest. 

Am Morgen nahmen wir unsere 
Fahnen und gingen zum Platz vor dem 
Kuhurgebäude im Zentrum. Als wir 
ankamen war der Platz bereits voller 
Leute und Musik wurde gespielt. 
Lautsprecher machten es unmöglich, 
die Ergebnisse der lokalen 
Dichterprominenz zu überhören, die 
sich das Thema gestellt hatten: 

“Makhno ist unser Zar, 

Makhno ist unser Gott”. 

Am Flaggenmast des Platzes wehte 
die gelb-blaue Fahne des ukrainischen 
Staates. 

Unsere Verwunderung wich dem 
Ärger als Kossaken aus Zaporozhy e m it 
ihrem Banner voller christlicher Sym- 
bole erschienen, Ihre Führer, die Ata- 
manen, kamen in ausländischen Wa¬ 
gen vorgefahren. Sie wurden gemein¬ 
sam mit den lokalen Autoritäten zum 
Zentrum des ‘'Volksfestes".. 

Gegenüber diesem Hintergrund er¬ 
schien die Delegation von Lehrern mit 
ihren Schülern, die alle gelb-blaue 
Fähnchen schwenkten, fast schon brav 
und bieder. 

Zu uns 10 Anarchisten kamen die 
Leute und einige äußerten ihre Zustim¬ 
mung: 

“Gut! Makhnos Fahnen, gut!” 
Einige wollten wissen, was Anarchis¬ 
mus ist und kauften Literatur. Auch ein 


paar junge Kossaken kamen: “Was 
macht ihr hier?”. Eine gute Frage, auf 
die wir antworteten "Und was macht ihr 
hier?". Nach einer Diskussion gingen 
sie. 

Was für ein Tag: diese selbstzufrie¬ 
denen Gesichter, diese goldenen Schul¬ 
terklappen, diese Petlyura und Gaida- 
mac Uniformen, diese Flaggen der 



Feinde von Nestor Machno! All das hat 
sovielen in der Machnobcwcgung das 
Leben gekostet und kommt nun wieder 
an die GbeiflächeJ um die Erinnerung 
an den Anarchisten Machno zu be¬ 
schmutzen und zu untergraben. Wäh¬ 
rend wir, ganze lö Leute stark, an der 
Seite sitzen, zu schwach, um die Mikro¬ 
phone und das Podium zu übernehmen, 
um diese Lügen zu denunzieren und die 
historische Wahrheit u nd an arc h is ti sehe 
Inhalte zu proklamieren. 

Die lokalen Repräsentanten und die 
Kossaken berichteten freudig über die 
Verdienste Nestorj Machnos als Käm¬ 
pfer für die Unabhängigkeit der Ukraine 
ohne auch nur ein Wort über seine Rol lc 
als Anarchist und Revolutionär zu 
verlieren. Anschließend zogen die 
Kossaken in Formation, die Zivilisten 
in Gruppen oder allein zum örtlichen 
Museum um der Eröffnungszcrcmonic 
einer Machno-Ausstellung bei zu woh¬ 
nen, die wir als gut bcurtei len und deren 
Einleitung durch die Angestellten des 
Museums hervorragend war. 

Aber was für ein Ärger: ein Tag der 
ein Anarchotaghätte sein sollen, wurde 
zum staatstragenden Feiertag. 

Sergey Shevchcnko, FAD-RKAS 
“Nestor Makhno ", Donctsk 


[26] SF 1/9 9 


TI ilTTIirTTTTMTOnr 






Solidarität für 
Leonard Peffier 

Seil dreiundzwanzig Jahren sitzt Leo¬ 
nard Pcllicr im Gefängnis, obwohl es 
keine glaubhaften Beweise dafür gibt, 
daß er für den Tod von zwei FBI-Agen¬ 
ten im PincRidgcReservat 1975 verant- 


Gesundheit 

Leonard Peltier leidet derzeit an den 
Folgen einer mißlungenen Oberkiefer- 
Operation, die 1996 in der medizi¬ 
nischen Einrichtung Springfield vorge- 
nommen wurde. Seitdem leideterstän- 
dig unter furchtbaren Schmerzen im 
Kiefer, die nie nachlassen. 

Als Kind trat Leonard in einen Nagel 


Strahlenbehandlung am Kiefer. Ohne 
diese würde er sterben. Unter großem 
Druck stimmte er schließlich zu, obwohl 
er nach der Operation noch extrem 
schwach war und Untergrößen Schmer¬ 
zen litt. Währenddessen steckte man 
ihn in das »Loch«, eine Zelle von 1,80 
mal 2,40 Metern. Es wimmelte dort von 
Kakerlaken und Ameisen; zum Schrei- 



wonlich war. Seine Anträge auf Revi¬ 
sion wurden abgelchnt, obwohl das FBI 
und die Justizbehörde nachweislich 
Beweise gefälscht und Zeugen mani¬ 
puliert und sein erstes Verfahren auf 
eine Art und Weise geführt haben, die 
die Jury schon vor Beginn der Anhörung 
voreingenommen sein ließ. Er wurde 
nur deswegen verurteilt, weil jemand 
für den Tod der FBI-Agenten bezahlen 
sollte, und er sollte verhaftet werden, 
weil er als einer der Anführer des AIM 
(American Indian Movement) bei CO- 
INTELPRO [geheime FBI-Kampagne] 
anvisiert worden war. 

Die Clinton-Administration hat schon 
vor langer Zeit zugesagt, Leonards Gna¬ 
dengesuch unvoreingenommen noch¬ 
mals zu prüfen. Seitdem aber weigern 
sich der Präsident und seine Mitarbeiter 
strikt, Fragen zu diesem Gesuch zu 
beantworten. Ohne Zweifel kann jetzt 
nur noch der Wille des Volks Leonards 
Freilassung bewirken. Da Leonard 
aufgrund ärztlicher Fehlbehandlung 
schreckliche Schmerzen hat, wird seine 
Freilassung immer dringender. Dem 
Leonard Peltier Verteidigungskomitee 
liegt ein aktueller Bericht über seinen 
Gesundheitszustand vor, aus dem die 
folgenden Informationen stammen. 


und bekam Tetanus. Seither hatte er 
immer Probleme mit dem Kiefer. Zu¬ 
dem war der Kiefer einmal gebrochen 
und heilte nie mehr vollständig. Aus 
diesem Grund wurde er 1996 nach 
Springfield verlegt, um dort operiert zu 
werden. Dr. Collins, einer der Gefäng¬ 
nisärzte, hatte für die Behandlung die 
Mayo Klinik in Rochester empfohlen, 
da Springfield nicht die notwendige 
Ausstattung hätte. Diese Empfehlung 
wurde im Gefängnis ignoriert. DieOpe- 
ration hätte Leonard beinahe nicht über¬ 
lebt; er lag danach vierzehn S tunden im 
Koma, und der Zustand seines Kiefers 
ist bedeutend schlechter als vor dem 
Eingriff. 

Leonard kann sein Essen nicht kauen, 
weil sein Kiefer unbeweglich ist. Er 
kann auch seinen Mund nie ganz schlie¬ 
ßen oder öffnen. Essen kann er nur zu 
sich nehmen, indem er es durch eine 
Zahnlücke quetscht und dann mit der 
Zunge gegen die Vorderzähne preßt. 
Im Gefängnis weigert man sich, sein 
Essen zu pürieren. All dies führt bei 
ihm zu Kopfschmerzen und furchtbaren 
Schmerzen im Kiefer. 

In Springfield war er weiteren Mi߬ 
handlungen ausgesetzt. Nach der Ope¬ 
ration sagte man ihm, er benötige eine 


ben - auf dem Betonboden - gab man 
ihm nichts als einen 2 Zentimeter langen 
Bleistift, und nur ein Anruf pro Monat 
war ihm erlaubt. Isoliert wurde er nicht 
etwa, weil sein Verhalten disziplina¬ 
rische Maßnahmen erfordert hätte. 
Nach einem Monat wurde Leonard 
klar, daß die Operation ein völliger 
Mißerfolg war. Er weigerte sich, sich 
wieder nach Springfield bringen zu las¬ 
sen, da ihn dort unmenschliche Zustände 
und ärztliche Inkompetenz erwarteten. 
Dies liegt zwei Jahre zurück, und noch 
immer wartet er darauf, in der Mayo 
Klinik behandelt zu werden. Dr. Keller, 
einer der dortigen Spezialisten,erkiärte 
sich zu der Operation bereit, aber im 
Gefängnis weigert man sich, Leonard 
dorthin zu verlegen. Leonard weigert 
sich, Verlegungspapiere zu unterschrei¬ 
ben, in denen nicht ausdrücklich von 
seiner Verlegung in die Mayo Klinik 
die Rede ist, da er fürchtet, erneut nach 
Springfield gebrachtzu werden. Derzeit 
greifen wir zü Rechtsmitteln, damit Leo¬ 
nard die nötige Versorgung erhält. Bitte 
helft uns, Druck auf das Bureau of 
Prisons, das Gefängnis in Leavenworth 
und den Kongreß auszuüben, damit 
Leonard unmittelbar in die Mayo Klinik 
verlegt werden kann. 


SF 1/99 [27] 


TilllMi'iiilg Willi III TT 









Leonard mußte die Marion Control 
Unit [z.T. brutal durchgesetztes Hoch¬ 
sicherheitsprogramm], einen Mordver¬ 
such und dreiundzwanzig Jahre un¬ 
menschlicher Behandlung und physi¬ 
scher Gewalt erdulden, obwohl dieUS- 
Regierung zugibt, sie wisse nicht, wer 
für den Tod der zwei FBI-Agenten ver¬ 
antwortlich ist. Mehr denn je ist es 
wichtig, daß Leonard endlich frei¬ 
kommt. 

Aufruf 

Am 6. Februar jährte sich Leonards 
Verhaftung in Kanada, deshalb riefen 
wir international zu Kundgebungen an 
diesem Tag auf. Darüber hinaus wollen 
wir unseren Druck verstärken und so 
viele Menschen wie möglich für Leo¬ 
nards Leiden sensibilisieren. 


in seinerNähe mithelfen möchte, vtfjl 

-Täcoma Office P.O. Box5464Tacoma, 
WA 98415-0464, USA 

' ofPrisons, Präsident Clinton und Kon¬ 
ti* der Mayo Klinik medizinische Ver¬ 
sorgung erhält und daß er endlich be- 

Msk, Director, Bureau of 

•' ■ 320 l! First' Street Washington 

Wärdeu Booker Leaven worth Prison 
PCXBox 1000, Leavenworth, KS 66048, 
USA 001-913-682-8700 
Das Gnadengesuch betreffend: Pres. Bill 
Clinton The White House 1616 Pen- 
sylvania Ave Washington DC 20500, 
USA 

e-mail: President® whitehouse.gov 
U.S. Pardon Attorney Roger C. Adams 500 
First St NW Ste4O0 Ref: Leonard Felder 
# 89637-132 Washington DC 20530, 
USA 

Anhörungen zu den Ereignissen im Fine 
Ridge Reservat 1972-76 und zum Fall 
Leonard Peltier: 

Sen. BenNighthorse Campbell Chairperson, 
Select Committee on Indian Affairs SH 
838 Ist & C Sts NE Washington DC 
20510, USA 

e-mail: administrator@campbell. se- 
nate.gov 

Sen. Orin Hatch Chairman Xudicial Affaiis 
SD-»lst&CStsNEWashingtonDC 
20510, USA 


Anhang 

Dankesbotschaft an 
Leonard Peltier und das 
Leonard Peltier Defense 
Committee von Mumia 
Abu Jamai, 

21. Januar 1999 
Ona Move! 

Wir alle danken Leonard Peltier und 
seinen vielen Unterstützen! weltweit 
für den prinzipientreuen Beistand kürz¬ 
lich in Frankreich. Ich weiß das sehr zu 
schätzen - wir alle tun das. Als ich vor 
langer Zeit in Philadelphia bei einigen 
College-Sendern Kommentare sprach, 
bekam ich von AIM-Aktivisten oft 
Bänder mit Berichten zugeschickt, über 
die ich dann umgehend auch meine 
Hörer informierte. Ich erfuhr, daß die 
US-Regierung einen brutalen und un¬ 
erbittlichen Feldzug gegen die Urein¬ 
wohner führt Ein unschuldiger Lakota- 
Aktivist, Leonard Peltier, wurde wäh¬ 
rend dieses Feldzugs von der Regierung 
verfolgt, bis man ihm schließlich einen 
Mord anhängte. Seit nahezu einem 
Vierteljahrhundert hält dieser sanfte 
Krieger, dieser Künstler und Sohn seines 
Volkes den brutalen Angriffen der US- 
Regierung stand, Angriffen auf ihre 
eigenen »Gesetze«, ihre eigene Ver¬ 
fassung und ihre eigene Rechtspre¬ 
chung. Am 6. Februar 1999 sind es 
dreiundzwanzig lange und einsame 
Jahre für Leonard Peltier inUS-Gulags. 
Dreiundzwanzig Jahre seit der unzwei¬ 
felhaft illegalen Auslieferung an die 
USA durch Kanada. Dreiundzwanzig 
Jahre in einem Yankee-Eisenkäfig für 
das »Verbrechen«, Widerstand gegen 
die amerikanische Unterdrückung zu 
leisten. Jetzt, da ein neues Jahrtausend 
beginnt, ist nicht mehr der Moment, um 
die abscheuliche Ungerechtigkeit, die 
Leonard Peltier erfahren mußte, unge¬ 
schehen zu machen. Am Anfang des 
neuen Jahrtausends aber muß ein Akt 
der Gerechtigkeit stehen, Gerechtigkeit 
für die Oglala. 

Freiheit für Leonard Peltier! 

Freiheit für Move 9! 

Lang lebe John Africa! 

Im Geiste von Nat Turner 
und Crazy Horse! 

Ona Move! 

Mumia 



Totalverweigerung I 

Am 23. Januar fand in Frankfurt ein 
weiterer Prozeß gegen den Total Ver¬ 
weigerer und SF-Autor Torsten Frocsc 
(vgl, SF 66 & SF 65} statt. Torsten halte 
Anfang der 90er deri Kriegsdienst total¬ 
verweigert und war bereits zu einer 
Haftstrafe auf Bewährung verurteilt 
worden. Die erneute Einberufung zum 
Zivildienst wurde danach von ihm 
wiederum nicht befolgt. Als Reaktion 
betrieb das Bundesamt für Zivildienst, 
BAZ, eine erneute Klageerhebung 
gegen ihn, obwohl dicssclbst die S taats- 
anwaltschaft mit Hin weis auf das Verbot 
einer Düppelbestrafung zuerst abge¬ 
lehnt hat. Nachdemj sie a ^ er P cr Klagc- 
erzwingongsverfahren dazu gezwungen 
worden war, forderte sic im Prozeß am 
23,01. eineHaftstrafc von zehn Monaten 
ohne Bewährung wegen Dicnstflucht 
und negativer Soziälprognosc. 

Allerdings folgte der Richter nicht 
dem Antrag der Staatsanwaltschaft, 
sondern dem von Torsten Frocsc und 
seinem Verteidiger: Einstellung des 
Verfahrens, da Torsten bereits wegen 
totaler Kriegsdienstverweigerer ver¬ 
urteilt wurde und! ansonsten eine - 
verbotene - Doppelbcstrafung vorläge. 

Weitere Infos über: DFG/VK - 
Frankfurt, 069 - 43 14 40, Fax 499 00 
07; E-mail: dfgvk@t-onlinc.dc/VK 


[28] SF 1/99 





Infoladen 

Buchspenden für seine Bibliothek und 
das Archiv sucht der Infoladen Tierra y 
Libertad, Thiergartener Str. 4, 08525 
Plauen, Fax 03741-229 063 




Männerrundbrief 

Der Männerrundbrief soll wieder er¬ 
scheinen. Nach dem Rückzug der 
Hamburger Redaktion hat sich jetzt eine 
Gruppe von "Männern aus verschie¬ 
denen autonomen Zusammenhängen”, 
aus Münster entschlossen, den Män¬ 
nerrundbrief weiterzuführen, -Februar/ 
März 1999, voraussichtlicher Titel: Wer 
braucht den Männerrundbrief? Ein¬ 
drücke der linksradikalen Männer¬ 
bewegung, Beiträge, Kommentare, 
Bestellungen oder Spenden sind er¬ 
wünscht und werden benötigt-Kontakt: 
Redaktion Männerrundbrief, c/o Info¬ 
laden Bankrott, Dahlweg 64, 48153 
Münster. 


| Totalverweigerung II 

I Weiterhin wegen Totalverweigerung in 

Haft sitzt seit dem 5. November Jörg 
Eichler, der zweite Wahlverteidigervon 
Torsten Froese. In diesem Fall wird von 
der bayerischen Staatsanwaltschaft in 
trauter Eintracht mit den beteiligten 
Richtern jeder Antrag auf Haft¬ 
verschonung abgeschmettert, obwohl 
sich Jörg Eichler selbst gestellt hatte. 
Begründet wird die U-Haft mit 
angeblich fehlender Meldeadresse so¬ 
wie mit Fluchtgefahr ins Ausland, da 
Jörg Eichler Post aus Polen bekommen 
haue. Hinzu kommen noch eine Reihe 
von verschleppten nicht bearbeiteten 
Anträgen, widerrechtlich geöffnet 
V erteidigerpost etc., etc. W ie die Total- 
vcrwcigcrcr-Ini tiative Frankfurt erklärt, 
zeichne sich das Verfahren durch eine 
“Willkür in allen Instanzen aus”, da 
Nian inzwischen nicht einmal mehr 
versuche, “den Entscheidungen einen 
scheinbar rechtmäßigen Anstrich zu 
geben”. 

Infos hierzu: Totalverweigerer- 
Initiativc Frankfurt, Tel & Fax 069 - 
430 57 771 


§ 129 gegen Passauer 
Antifa 

Seit März 1997 läuft gegen 39 Passauer 
Antifaschinnen ein Ermittlungsver¬ 
fahren nach § 129 StGB (Bildung einer 
kriminellen Vereinigung). Trotz fast 
zweijähriger Ermittlung und der Durch¬ 
suchung einiger Wohnungen im Mai 
1998 wurden den Betroffenen, die bisher 
auch keine Akteneinsicht erhielten, bis 
heute noch keine konkreten Anschul¬ 
digungen mitgeteilt. 

Allerdings versuchen Verfassungs¬ 
schutz und Staatsanwaltschaft massiv 
Informationen über bestehende Struk¬ 
turen und Zusammenhänge zu erfor- 
schen.Inzwischen ist eine bundesweite 
Solidaritätskampagne angelaufen, die 
das bisher weitgehend unbeachtete 
Vorgehen von VS und Staatsan¬ 
waltschaft öffenüich machen will. Für 
das Verfahren und die Öffentlich¬ 
keilsarbeitbenötigen diePassauer natür¬ 
lich neben Solidarität auch Geld: 

Antifaschistische Aktion Passau, 
Große Messergasse 8, 94032 Passau. 

Unter der gleichen Adresse ist auch 
eine Broschüre der Roten Hilfe Passau 
zu bekommen, die die Vorfälle doku¬ 
men liem. 


Chiapas 

Mittlerweile gibtes über20000Flücht¬ 
linge in Chiapas, viele hundert Tote, 
Verschwundene, hunderte von Ge¬ 
fangenen, Die Militärdichte ist die 
höchste Mexikos. Die Dichte der para¬ 
militärischen Banden ebenso. Die Gro߬ 
grundbesitzer greifen mithilfe ihrer po¬ 
litischen Integration in die PRI, die 
Regierungspartei, politisch, und mithilfe 
der Weißen Garden militärisch ein und 
vertreiben die Indigenas von frucht¬ 
barem Boden. 

Dieser “Krieg niederer Intensität”, 
der einfach nur Elend, Hunger und Tod 
produziert, droht schon 1998 in einen 
Vernichtungskrieg gegen die indigene 
Bevölkerung umzuschlagen. 

Eine für Mexiko beispiellose Hetze 
wird gegen die internationalen Men- 
schenrechtsbeobachterlnnen von regie¬ 
rungstreuen Medien entfacht. Hunderte 
von Ausländerinnen werden ausge¬ 
wiesen. 

In dieser militärisch und politisch 
äußerst angespannten Situation tritt die 
EZLN mit der 5. Erklärung der Selva 
Lakandona an die Öffentlichkeit. 

In dieser Erklärung ruft sie auf, eine 
mexiko weite Befragung über die Rechte 
der indigenen Völker, über das Ende 
des Ausrottungskrieges und über das 
Verhältnis von Regierung und Regierten 














durchzuführen. 

Die EZLN ruft große Teile der Be¬ 
völkerung auf, die Befragung organi¬ 
satorisch mit vorzubereiten und sich an 
ihrer Verwirklichung vor Ort, d.h. in 
jedem Dorf, in jeder Stadt Mexikos, zu 
beteiligen. 

5000 Zapatistas, 2500 Frauen und 
2500 Männer werden immer zu zweit, 
ein Mann und eine Frau, durch ganz 
Mexiko ziehen und in jedem Ort Ver¬ 
sammlungen abhalten und die4 Fragen, 
über die es zu entscheiden gilt, vor¬ 
stellen. 

Am 21. März wird in ganz Mexiko 
die Abstimmung sein. 

Es ist davon auszugehen, daß es nicht 
nur ein sehr großes Wagnis für die 
Zapatistas ist, aus den autonomen 
Gebieten herauszugehen, sich als Za¬ 
patistas zu erkennen zu geben, sondern 
daß damit auch direkt Gefahr für Leib 
und Leben der Zapatistas verbunden 
ist. Das gilt natürlich nicht nur für 
Chiapas, sondern eben auch für gat " 
Mexiko. Deshalb werden die Gruppen 
begleitet von möglichst vielen Men¬ 
schen, die versuchen werden, ihnen 
durch ihre Anwesenheit Schutz zu 
geben. 

Falls diese Befragung gelingt, haben 
es die Zapatistas geschafft, nicht nur 
den militärischen Würgegriff der 
Regierung zeitweise abzuschütteln, 
sondern auch wieder politisch in die 
Offensive zu kommen. 

Wir halten diese Befragung für eine 
der wichtigsten Initiativen der Za¬ 
patistas, weitet sie doch den Kampf für 
die Rechte der indigenen Völker, den 
Kampf für ein Leben in Würde für Alle, 
den Kampf um Freiheit, Gerechtigkeit! 
Frieden und Demokratie auf ganz 
Mexiko aus. 



Okolin X 28/29 


ROTGRÜN. Kriegsregierung & Modernisierung der 
Atomenergie ★ Meiga & ZEGG: Die 'weiche' Diktatur 

★ Agenda 21 & Nachhaltigkeit ★ Flughafen Ffm: 
Ausbau, Terror & Mediation ★ Euthanasie: Töten 
wird normal ★ Tauschringe & Antisemitismus & 
Antimilitarismus, Gelöbnisse & Bismarck ★ 1998: 
Antifa-Aktionen * 1999: Anti-EU & Anti-WWG 
AUTORINNEN: Asselhoven ★ Becker ★ Bierl ★ 
Capitain ★ Ditfurth ★ Düperthal ★ Ebermann ★ Grünze! 

★ Heidenreich ★ Hirsch ★ Hochschul Antifa HH ★ Koch 

★ Kuhnert ★ Meier ★ RoZ Politik/Jura ★ Wroblewski ★ 
Schuh ★ Zieger ★ u.a. 

Ich bestelle: □ Probeheft ( Doppelheft! ) 10 DM (ind, PN) □ Abo 45 DM 
(6 Ausg./Abojabr}. Außerdem: □ Infos ü. Ökologische Unke (bundesweit) 7 DM 
Kontakt: Ökologische Linke, c/o Manfred Zieran, Neuhofstr. 42, 60318 Frankfurt/Main 



Das bundesweite Y A-B ASTA -NETZ 
wird di« Befragung aufmerksam ver¬ 
folgen und von hier aus mit zahlreichen 
Aktivitäten solidarisch begleiten. 

Wir rufen alle Menschen zur Soli¬ 
darität mit den Zapatistas und der Be¬ 
fragung auf» 

Wir rufen Alle dazu auf, den Kampf 
der Zapatistas gegen die Armut und für 
ein Leben in Würde für Alle, für Freiheit, 
Gerechtigkeit, Frieden und wirkliche 
Demokratie auf allen möglichen Wegen 
zu unterstützen. 

Bundesweites Ya-Basta-Nctz 


Zum Beispiel: Stoff Ökosteuern... 

Demokratisierung von Flächenyßohstoffverbrauch! 




M 


»I 


Perspektiven ** 
radikaler, * 
emanxlpatorlscher (Ii 


4-6mal jährlich. 

Beiträge zur Theorie omonzipatorischor Umwelt- 
schutzarbeit Praxis. Tormino. Einmischung in cTo 
akfuele Umweltschulzdebatte. Umweltschutz 
Teil geseßschaftllchor Bewegung. 

Abo (eimehl. Beilage 'Ö-Punkte'): 40 DM/ Jahr. 
I Aktuelle Ausgabe 0 DM in Briefmarken. 

5 Pfojektwerkstatt, tudwigstr. 1135447 Reiskircben 

nwaltxcha txarb eit 


[30] SF 1/9 9 










Kommune- 

Gründungsfreffen 

Das Bedürfnis, in einer Kommune oder 
Gemeinschaft zu leben, nimmt seit An¬ 
fang der 80crJahre stetig zu. Vor allem 
in den 90cm machen sich immer mehr 
Menschen auf, nach Alternativen zu 
bestehenden Lebens- und Arbeitszu¬ 
sammenhängen zu suchen. Sie wollen 
nicht mehr "mitspielen” in der be¬ 
stehenden (Zwei-Drittel-) Gesellschaft, 
in der sich die vermeintlich Starken mit 
ihren Vcrwcrtungsinteressen rück¬ 
sichtslos durchsetzen. In einer Gesell¬ 
schaft, in der die sogenannten (so- 
zialen)Randgruppen keine Lobby und 
kein Gehör finden, in der Ellenbogen¬ 
mentalität gefördert und solidarisches 
Handeln "bestraft”wird.Sie wollen den 
anhaltenden Atomisierungs- und Ver- 
cinsamungstendenzen eine Zukunfts¬ 
vision cntgcgensteüen, die meint: 
Abbau kapitalistischerund patriarchaler 
Machtstrukturen, ökologisches, sozial- 
verträgliches und kollektives Wirtschaf¬ 
ten, gemeinsamer Besitz an Grund, 
Gebäuden und Produktionsmitteln 
sowiesolidarisches Miteinander. Nicht 
mehr die überkommenen Macht- 
Strukturen in Beruf, Familie und Freizeit 
"dulden”,sondern Träume undWünsche 
nach einem gemeinschaftsorientierten 
Leben mit Gleichgesinnten umsetzen! 
Zu Pfingsten 1999 lädt die Kommune 
Niederkaufungen zu einem Großtreffen 
auf ihrem Hof ein. Das zur Tat auf- 
fordernde Motto "Los geht’s!” bietet 
den Rahmen für Gruppengründungen 
für die vielen Vereinzelten nach Alter¬ 
nativen und Gemeinschaft Suchenden. 
Bestehende Gemeinschaften stellen sich 
vor. Zukunftswerkstätten laden ein, sich 
über die eigenenMoti ve, in einer Gruppe 
leben zu wollen, klarer zu werden. An 
zwei Tagen werden workshops orga¬ 
nisiert zu Themen wie: 
Entscheidungsfindung in Gruppen, ge¬ 
meinsame Verantwortung für Kinder, 
kollektives Arbeiten, ökologische und 

sozialverträgliche Produktion, gemein¬ 
same Ökonomie,Konfliktbewältigung 

und Utopien. Aber das Treffen lebt vor 
allem durch das Engagement und die 
Beteiligung der Besucherinnen. Sie 
sollen ihre Themen, Wünsche und 
Ängste formulieren und somit Gleich¬ 
gesinnte finden, mit denen sie sich vor- 
stellcn können eine Gemeinschaft zu 


gründen. "Los gehfs” in Kaufungen 
bietet in erster Linie den Rahmen und 
die Atmosphäre so dass Gruppengrün¬ 
dungsprozesse beginnen können, frei 
nach dem Motto von Hölderlin "Wir 
sind nichts - was wir suchen ist alles!” 
"Los geht’s!” Selbstbestimmt leben - 
Gruppen Gründen auf dem Hof der 
Kommune Niederkaufungen (bei 
Kassel) 

Termin: 

Pfingsten 1999,20. bis 24. Mai 1999 
Infos zum Treffen über: 

Kommune Niederkaufungen, 

Kirchweg 1,34260 Kaufungen 

tel: 05605 - 80070 

fax: 05605 - 800740 

e-mail: Kommune@tonline.de 

homepage:http://home. t-online.de/, 

homeAcommune 

Bonbons machen 
(Rlbos echte) 

Um Karamelbonbons zu machen 
nehme rnensch Zucker (am besten 
braunen) und Wasser in gleichen Teilen, 
gebe das ganze in einem Topf auf den 
Herd und warte bis das Wasser verkocht 
ist und der Zucker anfängtzu schmilzen. 
Ist der gewünschte Bräunungsgrad, 
erreicht lösche rnensch mit etwas 
Wasserab und warte bis der entstandene 
Karamel sich wieder gelöst hat. Mensch 
füge jetzt noch ein gutes Stück Butter 
oder auch etwas Sahne hinzu und nach 
Geschmack Rum. Auf ein Blech gießen, 
erkalten lassen, schneiden und 
einwickeln. 





Shoah ist ein hebräisches Wort 
Es bedeutet: großes Unheil, Katastrophe. 

Shoah heißt ein neunstündiger Dokumentarfilm 
des französischen Journalisten und Filmemacheis 
Claude Lanzmann. Zwölf Jahre lang hat er Augen¬ 
zeugen des Holocaust aufgespürt und befragt 

Das Buch Shoah gibt alle Fragen und alle Ant¬ 
worten des Films wieder. Antworten der Täter. 
Und die Antworten ihrer Opfer. 

Nachdem es jahrelang in Deutschland vergriffen 
war, erscheint das Buch jetzt im Trotzdem Verlag 
neu. 


Claude lanzmann: Shoah 

Mit einem Vorwort von Simone de Beauvoir 

Trotzdem Verlag, Grafenau, Mai 1999 
ca. 2S0 Seiten, ca. 36 DM 
ISBN 3-922209-87-4 

http://www.txt.de/trotzdem 


Das Recht auf Eigentum bildet 
das Zentrum des Katalogs ele¬ 
mentarer Menschenrechte, weil 
Menschsein als Eigentumstitel 
an sich seihst definiert ist* 

U. Krug/C.Kunze zu Menschenrechten 
und neuer Wert-Ordnung 


BaIiamas 


Nr. 28, Frühjahr 1999: 

Von Menschen- und 
Völkerrechten 

Zum Stand der kurdischen Sache 

• Vom Mißgeschick des Demo¬ 
kratieretters: Pinochet • Eine 
kursorische Geschichte der UCK 

• Nachhut und Avantgarde: Ru¬ 
mänische Bergarbeiter • Hessen¬ 
wahl: Jugend gegen Ausländer 

• Über den „Dritten Weg" «Vom 
Verschwinden des Gebrauchs¬ 
werts zur politischen Ökonomie 
der Gerechtigkeit • u.a.m. 

Pro Heft 7,50 DM (auch Briefmarken) 
Abonnement 22,50 DM für drei Ausgaben 
Bahamas, Postf. 620628, 10796 Berlin 
Fax/Fon: 030 / 623 69 44 












I 


l ! 

\ I 

i ! 

i ■ 


i 



i 


i 



Vivir la Historia 
Die Geschichte leben 



Konfrontiert mit der eigenen Geschichte. Archiv-Fotos aus dem Film Foto: ISKA 
Die Zivilsationsbringer” ziehen das Publikum bereits vor der Vorführung an. 


Ein ungewöhnliches Vorhaben rea - 
lisierlen die Dokumentarfihner Uli 
Stelzner und Thomas Walther in 
Guatemala. Während 4 Wochen 
präsentierten sie ihren Film ”Die 
Zivilisationsbringer" unter denk - 
bar schwierigsten politischen Um - 
ständen in einem Land, in dem die 
Erinnerung und die Meinungsfrei - 
heit erst noch erkämpft werden 
muss. Ein Vermittlungsversuch. 

I. Rückwärtsgänge 

”Um dem Dampfwalzeneffekt der 
Informationsautobahnen entgegen¬ 
zuwirken, müssen Querstrassen, 
Naturwege und Fusspfade entste¬ 
hen, in deren Furchen die Samen 
der Verschiedenheit spriessen und 
kleine Bäche fliessen werden, um 
die Erinnerung der Völker zu be¬ 
wässern”, so umschreibt der aus 
Burkina Faso stammende Regisseur 
Gaston Kabore die zunehmende 
Notwendigkeit der Begegnung von 
Filmautoren und Zuschauern. Die¬ 
ses universal geltende Gedanken¬ 
gut machte sich auch die Medien¬ 
gruppe ISKA aus Kassel zu eigen, 
um einen von ihr produzierten Do¬ 
kumentarfilm in Guatemala zu zei¬ 
gen, einem Land, in dem das vor¬ 
sätzliche Unwissen und die abso¬ 
lutistische Arroganz der Macht 
jahrzehntelang die Erinnerung an 
die Geschichte zu verwischen ver¬ 
mochte. 

In dem 1997 fertiggestellten Film 
"Die Zivilisationsbringer”weben al¬ 
te und junge deutsche Auswanderer 
der mächtigen deutschen Kolonie 
ihre Geschichte in Guatemala zu ei¬ 
ner Erfolgsstory, die das koloniale 
Denken und Handeln dieses Jahr¬ 
hunderts schonungslos offenlegt. 
Der Film verdeutlicht den fliessen¬ 
den Übergang vom deutschtümeln- 
den Gedankengut hin zu national¬ 
sozialistischen Herrenattitüden, ent¬ 
flechtet die folgenreichen Auswir- 

E32] 


kungen deutscher Präsenz auf Gua¬ 
temalas Ökonomie und offenbart 
die ungebrochenen politischen Ver¬ 
strickungen mit den jeweiligen 
Machthabern. Vor allem ist es aber 
ein Film über die Beziehung zwi¬ 
schen Deutschen und den anderen: 
die indigenas*. Das bis dato unbe¬ 
kannte historische Archivmaterial 
und die im Film interviewten Deut¬ 
schen halten der guatemaltekischen 
Gesellschaft einen Spiegel vor. Sie 
entlarven sich und das System: Dis¬ 
kriminierung, Paternalismus und 
Rassismus als Machtpfeiler ziehen 
sich wie ein roter Faden durch das 
Jahrhundert. 

Während der Fertigstellung des Fil¬ 
mes endete in Guatemala der lan- 
gandauemde Bürgerkrieg. Der da¬ 
mit eingeleitete Versöhnungspro¬ 
zess - und das ist das hochgesteck¬ 
te Ziel der ehemaligen Konfliktpar¬ 
teien - soll in einen dauerhaften und 
gerechten Frieden münden. Ähn¬ 
lich wie in Südafrika ist die Vor¬ 


raussetzung dafür die Aufarbeitung 
der Geschichte, die: Wiedcrancig- 
nung des historischen Gedächtnis¬ 
ses. Das Bestreben der Autoren des 
Films bestand von Beginn an darin, 
viele unbekannte Bilder - und na¬ 
hezu unbekannte Aspekte der Ge¬ 
schichte - nach Guatemala zurück¬ 
zubringen. Dass das Engagement 
gegen die Kultur des Vergessens 
kein gesellschaftlicher Konsens ist, 
zeigt die Ermordung des Erzbi¬ 
schöfe Gerardi, dem Verantwortli¬ 
chen der Wahrheitskommission der 
Katholischen Kirche. Zwei Tage 
nach der Veröffentlichung des vier¬ 
bändigen Berichts! wurde er von 
bisher Unbekannten ermordet. In¬ 
sofern lag bereits im Vorfeld in den 
Vorstellungen des Films in Guate¬ 
mala viel Brisanz, ein Testfall für 
die Meinungsfreiheit und den poli¬ 
tischen Dialog. Das Projekt von IS¬ 
KA hieß also: Begegnung. Eine 
Wiederbegegnung, die es ermögli¬ 
chen sollte, den Film einer breiten 


r Tin 11 ifüiiti in Bit ege \ iipes i? riWil sessi ~ r 






Öffentlichkeit vorzustellen und 
Diskussionen zwischen gesell¬ 
schaftlichen Kräften zu eröffnen, 
die bisher in Guatemala nicht mög¬ 
lich waren. Vivir la historia- die 
Geschichte leben. 

II. Entführte Geschichte(n) 

Der Krieg hinterliess in Guatemala 
Zerstörung, Entwurzelung, gebro¬ 
chene Identitäten und eine gespal¬ 
tene Nation. Jahrelang herrschte ei¬ 
ne Kultur des Todes und der Angst. 
Die wenigen guatemaltekischen 
Filmemacher Journalisten und Kul¬ 
turschaffenden gehörten lange zu 
den verfolgtesten Regimekritikem, 
viele gingen ins Exil. El silencio, 
das Schweigen machte sich breit. 
Nie gelang es in Guatemala, was in 
den Nachbarländern El Salvador 
und Nicaragua den revolutionären 
Prozess beschleunigte: die Produk¬ 
tion eigener Filme, die nicht nur die 
Repression der Regime dokumen¬ 
tierten, sondern auch den Wider¬ 
stand in Bilder, Worte und Poesie 
fassten. Das Medium Film als sub¬ 
versives Element im Befreiungs¬ 
kampf. In Guatemala wurden na¬ 
hezu alle Dokumentarfilme der 
80iger und frühen 90iger Jahre von 
ausländischen Filmemachern ge¬ 
dreht, wenige Anstrengungen wur¬ 
den jedoch unternommen, die Bil¬ 
der und Zeugnisse zurückzubrin¬ 
gen, Frühere Filme der Autoren 
Stelzner und Walther über die 
Überlebenden des Terrors und den 
Widerstand der Flüchtlinge konn¬ 
ten nur hinter verschlossenen Türen 
und in kleinen Zirkeln gezeigt wer¬ 
den, denn der andauernde militäri¬ 
sche Konflikt setzte der Meinungs¬ 
freiheit selbst im Demokratisie- 
nangsprozess eindeutige Grenzen. 
Ähnlich erging es dem Spielfilm 
”Die Tochter des Puma” des schwe¬ 
dischen Regisseurs Ulf Hulberg. 
Der 1993 in einem mexikanischen 
Flüchtlingslager und nur mit Lai¬ 
en darstellem gedrehte Spielfilm 
über die Grauen der achtziger Jahre 
konnte erst 1995 - halb legal und 
unter polizeilicher Observierung - 
öffentlich gezeigt werden. 1996 ge¬ 
lang es dem Schweizer Andreas 
Hoessli mit dem Dokumentarfilm 



Repro: ISKA 




”Devils don't dream” über den Re¬ 
formpräsidenten Jacobo Arbenz, 
dessen Andenken seit seinem Sturz 
1954 von den Militärdiktaturen ver¬ 
drängt, verheimlicht und gnadenlos 
verfolgt wurde, die Kinos zu fül¬ 
len. Allen Filmen gelang es trotz 
grosser Schwierigkeiten, Ungese¬ 
henes sichtbar zu machen, das Hi¬ 
storische Gedächtnis am Leben zu 
erhalten und den Mantel des 
Schweigens zu brechen. 

III. Strittige Weltbilder 

Nach mehrmonatigen Vorbereitun¬ 
gen mit der Universität San Carlos 
und einer Unabhängigen Künsler- 
vereinigung kommt es in Guatema- 
ta-Citys zur lange erwarteten Pre¬ 
miere von “Die Zivilisationsbrin¬ 
ger”. Einige Stühle der deutschen 
Filmprotagonisten bleiben unbe- 


Repro: ISKA 


Unter dem Joch des Kaffees 
Repro: ISKA 












Foto: ISKA 


setzt, die Deutsche Botschaft dage¬ 
gen ist zahlreich vertreten. Das gu¬ 
atemaltekische Publikum sucht feh¬ 
lende Sitzmöglichkeiten auf den 
Gängen des Kinos. Der Film endet 
mit symbolträchtigen Bildern bun¬ 
ter Holzkreuze eines Friedhofs am 
Meer. Der Unbekannte am Strand 
reflektiert: ”Ich bin nicht sicher, ob 
wir Guatemalteken uns darüber be¬ 
wußt darüber sind, wer wir in der 
Vergangenheit gewesen sind. Der 
Schmerz, der von Kugeln und 
Bombenlärm verletzte Wind hat es 
uns nicht erlaubt, unser eigenes 
Antlitz zu erhören. Wir sind ein 
imaginäres Land, eine Nation, die 
erst noch geschaffen werden muss. 
Wir waren der Bedrohung, der 
Übermacht der Technik, der Ent¬ 
wicklung, der Zivilisation ausge¬ 
setzt, einer vermeintlichen Zivili¬ 
sation, die nicht fähig war, die un¬ 
selige anzuerkennen.” Mit diesen 
Worten endet die zweistündige fil¬ 
mische Reise und verdeutlicht die 
inhaltliche Entwicklung: nicht mehr 
die Deutschen sind das Thema, 
sondern ein Land in der Stunde 
Null nach Jahrzehnten der Ausein¬ 
andersetzung. Doch diese filmi¬ 
sche Entwicklung haben die anwe¬ 
senden deutschen Filmprotagoni¬ 
sten -allesamt mächtige und ein¬ 
flussreiche Familien - nicht mit¬ 
vollzogen. Sie haben deutschen Fil¬ 
memachern ihre nostalgischen Le- 
[34] 


bensgeschichten anvertraut und se¬ 
hen ihren intimen und vertrauens¬ 
vollen Diskurs in direktem Zusam¬ 
menhang mit den Konflikten Gua¬ 
temalas montiert. Das ist Verrat und 
verletzt die ethischen Verhaltensre¬ 
geln unter Landsmännem. ”Dieser 
Film wird nicht zur Versöhnung 
beitragen” lautet ein erster Kom¬ 
mentar der Betroffenen. Während 
im Film alle Misstände je nach po¬ 
litischer Konjunktur mal den inte¬ 
grationsunwilligen “indios”, den 
Kommunisten und den hetzenden 
Pfarrern in die Schuhe geschoben 
werden, sind die schuldigen Unru¬ 
hestifter diesmal die Regisseure. 
Dass sich die Diskussion nicht zu 
einer deutsch-deutschen Auseinan¬ 
dersetzung im Land ihrer Projek¬ 
tionen entwickelt, dafür sorgen die 
anwesenden Guatemalteken.Viele 
sind sichtlich betroffen angesichts 
des offen artikulierten Rassismus 
und vieler neuer historischer Fak¬ 
ten. Die Diskussion kreist um Fra¬ 
gen der Macht, der Identität und die 
Bedeutung von Geschichtsbewus¬ 
stsein, selten kommt es zu Ressen¬ 
timents oder einseitigen Schuldzu¬ 
weisungen. Die schwierig zu ge- 
staltene ethnische Einheit Guate¬ 
malas, die eigene Identität und das 
starke Bedürfnis nach Aufarbeitung 
der schmervollen Vergangeneit 
kennzeichnet auch die Diskussio¬ 
nen in den darauffolgenden Wo¬ 


chen in verschiedenen Landestei¬ 
len. Die Reaktionen verdeutlichten, 
dass die Wunden des Krieges noch 
längst nicht verheilt sind. Der Film 
bilanziert die Konflikte Guatema¬ 
las in diesem Jahrhundert und trifft 
bei seiner Annäherung an die Wirk¬ 
lichkeit auf Sensibilitäten aller Ak¬ 
teure. Auch die Autoren werden 
von Kritik nicht ausgenommen. So 
verursachte der spanische Titel des 
Films “Los civilizadores” (Die Zi- 
vilisatoren) Irrtationen zuhauf und 
verursachte emotionsgeladene Wi¬ 
dersprüche. Zwei Wochen nach der 
Premiere kommt es zu einem Dis¬ 
kussionsforum mit Historikern und 
Filmschaffenden,! bei dem zwei 
deutsche Familien Protestbriefe ge¬ 
gen die Machart des Films verle¬ 
sen, eine Rechtsanwältin verlangt 
sogar Entschädigu ngszah lungen. 
Zu diesem Zeitpunkt war der Film 
jedoch schon längst ein Politikum. 

IV. Film ist subversiv 

Für die Ohnmachtsstruktur ist jed¬ 
wede dynamische Demokratie, die 
zu einer Veränderung der Wirklich¬ 
keit führt, eine Gefahr.(Eduardo 
Galeano) 

Schon nach der Premiere kam es 
zu konkreten Drohungen angesichts 
der bevorstehenden Aufführungen 
in Coban, der Hauptstadt des Kaf¬ 
feeanbaugebietes, wo die meisten 
Deutschen ansässig waren. Eine der 
einflussreichsten 'deutschstämmi¬ 
gen Familien, deren Familienge¬ 
schichte einen wichtigen roten Fa¬ 
den des Films ausmacht, hatte ge¬ 
droht, den Film so in Coban nicht 
laufen zu lassen. 

Die örtlichen Veranstalter planten 
die Vorführung im Govemeurspa- 
last im Zentrum der Stadt. Auf¬ 
grund des politischen Drucks kam 
es am Tag der Aufführung zu di¬ 
versen Krisensitzungen beim Gou¬ 
verneur - und der Film lief dann 
doch. In Anwesenheit von Vertre¬ 
tern der UNO, der Mission der Ver¬ 
einten Nationen für Guatemala 
(MINUGUA) und mit Begleit¬ 
schutz für die Regisseure drängten 
sich nahezu 500 Leute in den Saal. 
Das offizielle, im UNO-blau gchal- 







tene seidene Friedenstuch mit der 
Aufschrift Frieden schafft Mög¬ 
lichkeiten zierte vorsichtshalber 
den Rednertisch. Viele Deutsch¬ 
stämmige - in den meisten Fällen 
nicht anerkannte Kinder Deutscher 
mit Keckchi Frauen - waren anwe¬ 
send, zusätzliche Brisanz gewnn 
die Veranstaltung durch die Tatsa¬ 
che, dass weite Teile des Films in 
dieser Region gedreht worden wa- 
, ren. Erwartungsgemäss kam es zu 

I einer kontroversen Diskussion in 

I angespannter Atmosphäre. Beob¬ 

achter sprachen von einer histori¬ 
schen Veranstaltung, wo die deutli¬ 
chen ethnischen und wirtschaftli¬ 
chen Konflikte der Region zum er¬ 
sten Mal ausgesprochen wurden. 
Lange prägte hier die Zugehörig¬ 
keit zu einer bestimmten Rasse den 
Diskurs, welcher die ethnische 
Komponente des Krieges erahnen 
üess. Erst beharrliche Stimmen 
führten zu sozialen und ökonomi¬ 
schen Fragen, wie die immer noch 
vorhandenen feudalen Strukturen 
h> der Landwirtschaft, Erblast der 
Einführung des Kaffees durch deut¬ 
sche Kapitalisten. 

Konsens nach eineinhalbstündiger 
Debatte war, dass die demokrati¬ 
sche Aufarbeitung der Konflikte die 
Sprache der Gewalt ersetzen muss. 
Dank der Kühnheit einer Redak¬ 
teurin wurde der Film und die 
anschliessende Diskussionsveran¬ 
staltung parallel im Fernsehen 
übertragen und aufgrund des Im- 
Paktes am Tag darauf zur besten 
Sendezeit wiederholt. 

Am Tag der Rückkehr aus Alta Ver- 
a Paz wurden dem Team die für die 
Dauer des Aufenthalts geliehenen 
Vorfühigeräte im Wert von 12.000,- 
| DM gestohlen. Nach Meinung von 
Journalisten war es kein Zufall, 

| dass das Team seit diesem Morgen 
°hne Begleitungschutz unterwegs 
'var und die Polizei erst nach 3 
Stunden auftauchte, und das erst 
n ach bemühter Intervention der 
deutschen Botschaft. Es war, wie 
e in Kommentator in der Presse 
schrieb, das bekannte Haar in der 
Suppe, welches den Polemiken in 
üen Debatten, Foren und in der 
Presse angesichts guatemalteki¬ 
scher Verhältnisse folgen musste. 


IV. The winner is... 

Es kam in 3 Wochen zu 23 Auf¬ 
führungen mit 2500 Zuschauern in 
Kinos, Kirchen und offenen Plät¬ 
zen, ohne das TV-Publikum zu 
berücksichtigen. Kopien des Films 
verbleiben für die weitere Verwer¬ 
tung im Land, es soll auch eine 
Maya-Kechi-Fassung entstehen. 
Das Medium Dokumentarfilm hat 
gezeigt, dass es für die gegenwärti¬ 
ge gesellschaftliche Situation Gua¬ 
temalas ein geeignetes Medium 
sein kann, Geschichte emotional 
aufzuarbeiten und Diskussionsräu¬ 
me zu öffnen vermag. Grossgrund¬ 
besitzer, Plantagenarbeiter, indige- 
nas,Ex-guerrilleros, rechtslastige 
Historiker, linksliberale Intellektu¬ 
elle und vereinzelt sogar Armeean¬ 
gehörige sehen und diskutieren 


Diskussion in Worte:"Ereignisse 
wie diese Filmvorführung müssen 
wir instrumentalisieren, damit in 
Zukunft niemand mehr schweigen 
muss. Damit die historischen Be¬ 
gebenheiten, die hier zaghaft und 
zeitweise ängstlich artikuliert wur¬ 
den, atmen und leben können. Und 
das ohne Gefahr zu laufen, dass die 
Mächtigen die Erinnerung mit ei¬ 
nem Stein zertrümmern. Bischof 
Gerardi, der sich für die Wahrheit 
und Versöhnung Guatemalas einge¬ 
setzt hat, wurde laut kriminalisti¬ 
schen Untersuchungen durch einen 
Schlag mit einem schwerem Stein 
auf den Kopf zum Schweigen ge¬ 
bracht. 

* (die mehrheitliche Maya-Bevöl¬ 
kerung) 

Foto: ISKA 



zum ersten Mal eine Interpretation 
ihrer Geschichte unter einem Dach. 
Das ist vielleicht das Hauptver¬ 
dienst des Filmes: er hat gezeigt, 
dass es Möglichkeiten gibt, die ver¬ 
schiedenen gesellschaftliche Kräfte 
zusammenzubringen, Konflikte of¬ 
fen zu diskutieren und die politi¬ 
sche Konjunktur der Öffnung krea¬ 
tiv zu beleben. Dass unkonventio¬ 
nelle Formen der Kommunikation - 
eben die Suche nach den Quer¬ 
strassen, Naturwegen und Fusspf- 
aden - notwendig und machbar 
sind, damit die Menschen nicht zu 
immobilen "Empfangsstationen” 
und zum Stillstand verurteilt sind, 
dass Begegnungen die Kultur des 
Vergessens ersetzen können. Eine 
Zuschauerin fasste es nach einer 


"Die Zivilisationsbringer - 
Deutschtum in Guatemala” 

1997, 130 min., Farbe /SW, beta 
SP, dt. und span. Fassung 
Regie: Uli Stelzner und Thomas 
Walther 

Produktion und Vertrieb: ISKA, 
Oberste Gasse 24, 34117 Kassel 
Tel. 0561/772894, Fax 
0561/14153, e-mail: 

iska@asco.nev.sub.de 

ISKA bittet um Spenden für den 
Verlust der Vorführgeräte: 

Verein medienspezifischer Kuitur- 
ISKA 

Kasseler Sparkasse, BLZ 520 503 
53, Kto. 101 65 30 

Stichwort “Guatemala” r __-, 






Photo: Sveinung/Porsgunn - Eröffnungspodium bei der Konferenz in Lissabon 1998 


Die duale 
Macht 

von Janet Bieh! 


Wie bereits in SF-65 angedeutet, 
enthält das Kapitel "Duale Macht" 
mit die umstrittensten Gedanken¬ 
gänge und Vorschläge in Janet 
Biehls Buch "Libertärer Kommu¬ 
nalismus ", das als Grundlage für 
die LKonferenz zum Libertären 
Kommunalismus in Portugal diente . 
Der SF druckt dieses Kapitel mit 
der ausdrücklichen Einladung zur 
Diskussion nach . 

“Eine Kraft in sich fühlen”. Das ist es, 

was viele derzeit suchen - häufig in 


Sekten oder Psychogruppen, manchmal 
auch in politischen Zirkeln. Man nimmt 
an Gruppenaktivitäten teil und danach 
heißt es: “Ich fühle diese Kraft in mir.” 
In den Sekten geschieht das nach einem 
religiösen Ritual. In Selbsthilfegruppen 
sprechen die Menschen über ihre Sucht, 
um danach “eine neue Kraft” zu fühlen. 
In einer Bürgerinitiative treibt Wut die 
Leute zu einer Protestaktion, und auch 
danach fühlen sie sich “stärker als zu¬ 
vor”. Sogar wenn freischwebende Ein¬ 
zelne sich in spirituelle Placebos flüch¬ 
ten - aufbauender Singsang, auf dem 
Boden liegen, die Augen schließen, die 
Tagtraum-Übungen der “geleiteten Ima¬ 
gination” - können sie sich “gestärkt” 
fühlen. 

Kraft - ein Gefühl der Macht - kann 
abernichtdurch Tagträume oder Rituale 
gewonnen werden, nicht einmal durch 
direkte Aktionen, in denen sich nur eine 
Protesthaltung ausdrückt. So etwas mag 
ein Lustgefühl vermitteln, vielleicht 
auch die Illusion, über Macht zu verfü¬ 


gen, doch echte politische oder gesell¬ 
schaftliche Macht leitet sich daraus nicht 
ab. 

Macht ist mehr als eine geistige oder 
psychologische Befindlichkeit. Sic ist 
etwas Solides, Fassbares, ein gesell¬ 
schaftliches Fäktum, und muss als sol¬ 
ches gesehen werden. Wenn der Natio¬ 
nalstaat und die Konzerne Gewalt aus- 
üben^annhingtdasmitihrcrinstitutio- 
nalisierten Macht zusammen, ihren Poli- 
zeitruppen, Gerichten und Armeen. Wer 
über die tatsfichlicheEx istenz der Macht 
hinweggeht, der verabschiedet sich aus 
der Realität und versinkt in einem ätheri¬ 
schen Nirwana der Psyche. 

Michel Foucault hat der Linken, oder 
dem was von ihr noch geblieben ist, 
keinen Dienst damit erwiesen, dass er 
die Machtals ein allgegenwärtiges Phä¬ 
nomen hinstellt, von Natur aus böse 
und Feind jeder Freiheit. Denn das hieße 
ja zwangsläufig, die linkslibertäre Be¬ 
wegung müsse nicht nur Staat, Hierar¬ 
chie und Kapitalismus abschaffen, son- 


[36] SF 1/99 








*m&< 5no» 


Teilnehmerinnen der 1.Konferenz für Soziale Ökologie in Lissabon 


Wm 









die Bewaffnung des Volkes als conditio 
sine qua non einer freien Gesellschaft. 

Wer heute eine schlüssige radikale 
Position einnehmen will und dabei die 
Forderung naehBewaffnung des Volkes 
fallen lässt, sorgt dadurch für die Fort¬ 
existenz des Staates. Der Libertäre 
Kommunalismus wirdalso in derTradi- 
tion der sozialistischen und anarchisti¬ 
schen Bewegungen dafür eintreten, die 
staatlichen Heere und Polizeikräfte ir¬ 
gendwann durch eine Bürgermiliz, oder 
Bürgerwehr, zu ersetzen. Die Befehls¬ 
gewalt über diese Bürgerwehr muss al¬ 
lein bei den Bürgerversammlungen lie¬ 
gen. Sie selbst ist eine demokratische 
Institution, ihre Offiziere werden ge¬ 
wählt. 

Je größer und zahlreicher nun die 
kommunalen Föderationen werden, de¬ 
sto mehr wächst auch ihre latente Macht 
und somit ihre Fähigkeit, eine Gegen¬ 
macht zum Staat darzustellen. Indem 
sie von diesem Potential Gebrauch ma¬ 
chen, entwickeln sich natürlich Span¬ 
nungen zwischen ihnen und der Staats¬ 
macht. Diese Spannungen, diese poten¬ 
tielle Gegenmacht, müssen aber von 
den Bürgern als etwas Positives angese¬ 
hen werden. Den Bürgern muss bewusst 
werden, dass hier im eigentlichen Sinn 
wieder der uralte historische Konflikt 
zwischen Gemeinde und Staat ausbricht, 
dass es zwischen Staat und Föderation 
keine Harmonie geben kann. 

Dieser Machtzuwachs der kommuna¬ 
len Föderation versetzt sie schließlich 
in die Rolle einer Dualen Ma£ht> von der 
dann die Forderung nach voller Macht 
für das Volk ausgeht. In diesem Augen¬ 
blick wird die soziale und politische 
Lage instabil. Es kommt wahrscheinl ich 
früher oder später zu einer Konfron¬ 
tation über die Frage, wer die Macht 
haben soll - die kommunalen Födera¬ 
tionen oder der Staat. Entweder geht 
die Macht an das Volk und seine Kom¬ 
munen über, oder aber sie verbleibt 
beim Staat und den Praktikern der 
Staats raison. 

Am Ende werden die Föderationen 
vermutlich mit militanten Mitteln ver¬ 
suchen, ihre eigenen Strukturen an die 
Stelle des Staates zu setzen. Es ist zu 
hoffen, dass bis dahin die libcrtär-kom- 
munalistische Bewegung die Mehrzahl 
der Menschen für sich und für ihr 
Gescllschaftsmodell gewonnen, also die 
staatlichen Institutionen gewissermaßen 


“ausgehöhlt” hat. Ist die Autorität des 
Staates erst einmal in den Augen der 
Menschen dclcgitimiert, dann kann sie 
hoffentlich auch ohne große Schwie¬ 
rigkeiten beseitigt werden. 

Paris erlebte es im Jahre 1789, und 
St.Petersburg 1917, wie die Staats- 
autoritätangesichtseiner revolutionären 
Konfrontation zusammenbrach. Jede 
dieser allmächtig erscheinenden Mo¬ 
narchien war in Wirklichkeit so bar 
jeder Macht,dass sieunter dem Ansturm 
des revolutionären Volkes einfach zer¬ 
bröckelte. Entscheidend dafür war 
jedoch, dass in beiden Fällen das Militär 
-d.h. die einfachen Soldaten - sich der 
Revolutionsbewegung anschlossen. 
Was in der Vergangenheit möglich war, 
kann emeut geschehen, vor allem wenn 
eine effektive, bewusste, inspirierte 
revolutionäre Bewegung am Werk ist. 

Die Spannung verschärfen 

In der Zeit des Aufbaus der Dualmacht 
dürfen die Spannungen zwischen den 
Föderationen und dem Nationalstaat 
weder nachlassen noch übertüncht 
werden. Die libertär-kommunalistische 
Bewegung muss diesen Dissens, die 
Opposition zum Nationalstaat, vielmehr 
ausdrücklich betonen und verschärfen 
(eine waghalsige Abenteuerpolitik darf 
dabei natürlich nicht betrieben werden). 
Andernfalls wird aus der kommunalen 
Föderation keine Gegenmacht, sondern 
sie endet als Staatsorgan, zum Beispiel 
als parlamentarische Partei. 

Es ist wirklich sehr wichtig, dass das 
Spannungsverhäitnis zwischen der Fö¬ 
deration und dem Nationalstaat bestehen 
bleibt.LeiderkönnteneinigeMitglieder 
der Bewegung dieses Ziel aus den Au¬ 
gen verlieren und auf Ab werbe versuche 
deretablierten Gesellschaft hereinfallen, 
etwa auf das Angebot einer Belohnung, 
eines einträglichen Amtes. Im Gegen¬ 
zug erwartet man dann, dass die Bewe¬ 
gung wieder mehr auf einen staats¬ 
orientierten Kurs gebracht und somit 
kompromittiert wird. Einige mögen 
empfänglich genug für derartige Ver¬ 
suchungen sein und somit zum Verrat 
an der Bewegung verleitet werden. 

Zwar kann der Verrat auch aus ei¬ 
gennützigen Motiven heraus begangen 


werden, er dürfte aber eher gänzlich 
unbeabsichtigt erfolgen - durch Men¬ 
schen, die im guten Glauben handeln 
und vermeinen, die Grundlage der Be¬ 
wegung zu festigen. Man muss sich das 
etwa so vorstellen: In vielen Natio¬ 
nalstaaten gibt es verschiedene Regie¬ 
rungsebenen - so in Kanada die Provin¬ 
zen, in den USA die Bundesstaaten, in 
Deutschland die Linder. Viele davon 
haben sich Kompetenzen gegenüber 
dem jeweiligen Nationalstaat bewahrt, 
und so glauben denn manche Libertäre 
Kommunalsten fäisc hl ic herwei se, hier 
hätte man es bereits mit eigenständigen 
dezentralen oder lokalen Mächten zu 
tun, deren Bürger lokale Kontroll- 
kompetenzen besäßen. 

Man stellt sich dann vor, diese Zwi¬ 
schenebenen entsprächen - auch wenn 
das Volk noch nicht zur Herrschaft ge¬ 
kommen ist -potentiell einer lokalen 
dezentralisierten Regierung. In aller 
Unschuld wird dann der Vorschlag cin- 
gebraeht, die Bewegung möge doch 
über die rein kommunale Ebene hi¬ 
nausgehen und auch für diese Regie¬ 
rungen Kandidaten aufstcllcn. Das Ar¬ 
gument wirkt schon deshalb verführe¬ 
risch, weil man ja von dem “höheren” 
Amt aus besseren Zugang zu den 
Massenmedien hätte und somit mehr 
Menschen erreichten könnte. 

Die Bewegung verlöre aber ihre 
Identität und Integrität, würde sic sich 
um solche Ämter bewerben. Provi nzen, 
Bundesstaaten, Linder und dergleichen 
sind keinesfalls Institutionen des Vol¬ 
kes, sondern stellen selbst kleine Natio¬ 
nalstaaten dar. Ihre Institutionen sind 
solche des repressiven Staates, ihre 
Funktion ist die eines Kanals, über den 
der Zentralstaat seine Macht ausübt und 
seine Maßnahmen exekutiert. Sobald 
die kommunale Föderation im Begriff 
ist, sich als Dualmaeht zu etablieren, 
werden diese Zwischen ebenen sich auf 
die Seite des Staates schlagen. 

Für alle Ämter oberhalb der kom¬ 
munalen Ebene gilt grundsätzlich: Sic 
dienen nur dem Staat als Vehikel, und 
ihr Besitz - ja schon der bloße Kampf 
darum - würde genauj die Spannungen 
zum Staat lindem, die die Bewegung 
eigentlich anheizen müsste. Indem sich 
in solchen Wahlkampagnen der Unter¬ 
schied zwischen Kommune und Staat 


[38] SF 1/99 



scheinbar auflöst, würden die Ziele der 
Bewegung wieder verschwimmen und 
so ihre Aufklärungsarbeit ad absurdum 
geführt. 


Bewerbung um 
Staatsämter 


Wenn die Weltgeschichte, von ihren 
Anfängen bis heute, eines gezeigt hat, 
dann den unvermeidlich korrumpie¬ 
renden Charakter der Staatsmacht. Wer 
ein Staatsamt bekleidet, aus dem macht 
- trotz aller idealistischen Motive - das 
Amt geradezu zwangsläufig eine Kre¬ 
atur des Staates. 


spräche. Als sie dabei, vor allem in 
Europa, auf so viel Unterstützung sties- 
sen, dass einige ihrer Mitglieder sich 
plötzlich in Wählämtern wiederfanden 
- und zwar nicht nur auf regionaler, 
sondern sogar auf gesamtstaatlicher 
Ebene - “vergaßen” viele dieser Amts¬ 
inhaber ganz schnell ihren ursprüng¬ 
lichen Dezentralismus und verfolgten 
statt dessen attraktive und privilegierte 
“politische” Karrieren, und auch ihre 
Parteien warfen ihre basisorientierten 
Grundsätze über Bord und versuchten 
sich in Koalitionen mitdenbourgeoisen 
Alcparteten. 

Zur Begründung wurde zunächst 
meist vorgebracht, dass diese Wahl¬ 
feldzüge dazu beitragen sollten, die 


ferner gerückt waren, machten geltend, 
die Grünen Kandidaten könnten nach 
ihrer Wahl eine Top-down-Dezentrali- 
sierung betreiben, also den unteren 
Ebenen von oben herab Macht über¬ 
tragen. 

Diese Argumente brachten Grünen 
Kandidaten zahlreiche Stimmen für 
angesehene und lukrative Ämter. Ein¬ 
mal im Amt, brachten sie sogar Gesetze 
ein, die den Geist der Grünen atme¬ 
ten,die den Staat reformieren und die 
Auswirkungen des Kapitalismus auf 
Mensch und Um weltabihildem sollten. 
Doch den radikalen Zielen kamen sie 
nicht um ein Jota näher, ebensowenig 
vermittelten sie den Menschen eine 
radikale Sichtweise auf den Staat 





'Mmmm 




Jlsi! MHH 









Alsum 1980 herum die ersten Grünen 
Bewegungen entstanden, waren sie 
ausdrücklich dezcntralistisch einge¬ 
stellt. Im ihrem strahlenden jungen 
Idealismus waren sie begeisterte Ver¬ 
künder lokaler Demokratie und Mit¬ 


neuen Ideen im Bewusstsein der Öf¬ 
fentlichkeit zu verbreiten. Man machte 
glauben, ja man versprach geradezu, 
Grüne Amtsträger würden sich aus¬ 
schließlich volkspädagogisch betätigen. 
Man würde Lehrer der Menschen sein, 
nicht Diener des Staates. Andere, denen 
ihre ursprünglichen Ideale schon etwas 


Vielmehrwurdendie Parteiprogramme 
um so gemäßigter, je mehr Staatsämter 
an Parteimitglieder gingen. Am Ende 
liefen dieReformbemühungenderGrü- 
nen nur noch darauf hinaus, den Staat 
humaner erscheinen zu lassen, stärker 
dem Gemeinwohl verpflichtet. 


Photo: Svcinung/Porsgunn 


- Nachbereitende Sitzung des IAC (International Advisory Comitee) in Lissabon 





Solches Verschwinden des Radikalis¬ 
mus blieb übrigens nicht auf die Grünen 
Parteien beschränkt. Auch in der 
Geschichte ist es - Prinzipien hin oder 
her - den wenigsten Revolutionsführem 
jemals gelungen, sich den kor¬ 
rumpierenden Einflüssen des Staates 
zu entziehen. Einmal im Besitz staat¬ 
licher Amtsgewalt, verloren überzeugte 
Sozialisten, Kommunisten, ja selbst 
Anarchisten ihre moralische und poli- 
tischeIntegrität Diese “Rück-Bildung” 
ist wirklich die Regel; sie ist vorher¬ 
sehbar und anscheinend unvermeidlich. 
Folglich ermöglicht eine Übernahme 
von Staatsämtem keineswegs die poli¬ 
tische, anti-staatliche Schulung der Öf¬ 
fentlichkeit und den Ausbau der Demo¬ 
kratie des Volkes; vielmehr ist damit 
eine “Schulung” in Staatsraison und 
einePerpetuierung derStaatsmachtver- 
bunden.Es kann sogar so weitkommen, 
dass unter Mithilfe solcher Ämter die 
Staatsgewalt gegen das demokratische 
Aufbegehren des Volkes vorgeht, auf 
dessen Seite man ja einmal gestanden 
hatte. 

Ausgelöst durch die Blüte der Grünen 
Bewegung in den80er Jahren,sind stän¬ 
dig immer neue “Dritte Parteien” ent¬ 
standen, haben “unabhängige” politi¬ 
sche Bewegungen die Forderung nach 
“Basispolitik” vorgebracht. In den USA 
beispielsweise gab es u.a. die Labour 
Party und die New Party. Da meint 
dann auch so mancher libertär-kommu- 
nalistische Aktivist, man solle sich doch 
mit diesen Parteien zu einem Bündnis 
zusammenschließen, um auf diese 
Weise Mitkämpfer zu gewinnen und 
den Einfluss der Bewegung zu stärken. 

Sobald sich aber Libertäre Kommu- 
nalisten diesen scheinbar unabhängigen, 
in Wirklichkeit von Natur aus reformis¬ 
tischen Parteien anschließen, bekom¬ 
men sie immer nur ein Argument zu 
hören: Wenn es statthaft ist, für ein 

Gemeindeamtzu kandidieren,dann darf 
es auch ein “höheres” Amt sein, denn 
schließlich könne man von dort aus viel 
mehr bewirken. Und durch eine Bewer¬ 
bung um den Gouvemeursposten oder 
ein Abgeordnetenmandat könne die 
libertär-kommunalistische Bewegung 
auch viel mehr Aufmerksamkeit für ihr 
Ideengut erregen. 

So werden sich die Mitglieder der 


Bewegung immer wieder aufs Neue in 
Erinnerung rufen müssen, dass die Be¬ 
wegung kein Vehikel zur Ämterbe¬ 
schaffung ist und erst recht nicht dazu 
dienen soll, kosmetische Verschöne¬ 
rungen am Staat anzubringen oder ihm 
ein “menschliches Antlitz” zu ver¬ 
schaffen. Der Libertäre Kommunalis¬ 
mus ist ein unablässiger Kampf, in dem 
es nicht um Reparaturen an den vor¬ 
handenen Unterdrückungsmechanis¬ 
men, sondern um die Errich tung radikal 

emanzipativerBürgerinstituiionengeht. 

Dieser Kampf gegen den Staat muss 
vom ersten Tage an geführt werden und 
darf niemals nachlassen. Gerade mit 
der Forderung nach kommunalen Fö¬ 
derationen, nach Kommunalisierung 
des Eigentums und einer Politik der di¬ 
rekten Demokratie strebt die Bewegung 
nicht nach reformistischen Scheinsie¬ 
gen, sondern will eine komplette Neu¬ 
gestaltung der Gesellschaft. Ihr Fernziel, 
die “Commune der Communen”, kann 
sie nur erreichen, indem sie tagtäglich 
daran arbeitet, eine direkt-demokra¬ 
tische Dualmacht - als Gegenmacht zum 
Staat -aufzubauen. 


Das Bürgermeisteramt 


Sailen Libertäre Kommunalisten sich 
zum Bürgermeister wählen lassen? 
Nach Meinung einiger unserer Sympa¬ 
thisanten wäre das mit dem Kampf um 
Bürgerversammlungen unvereinbar, da 
auch dieses A mt der Exekutive angehört 
und somit strukturell wie moralisch die 
verkleinerte Ausgabe eines Gouver¬ 
neurs, Premierministers oder Präsi¬ 
denten ist. Nach dieser Logik dürfte es 

libertär-kommunalistische Kandidaten 
nur für lokale “Legislativen” wie etwa 
Stadtverordnetenversammlungen ge¬ 
ben. 

Doch es ist die Kommune an sich, 
nicht nur ihr Parlament, die im poten¬ 
tiellen Spannungsverhältnis zum Staat 
steht, von dessen Geschichte sich ihre 
eigene wesensmäßig unterscheidet. 
Entscheidendes Kriterium eines kom¬ 
munalen Amtes - ob Bürgermeister, 
Stadtrat oder Stadtverordneter - ist der 
kommunale Kontext. Präsident, Mi¬ 
nister, Parlament eines Landes stehen 
hingegen sämtlich im staatlichen Kon¬ 


text. Einem Bürgermeister sicht die 
Allgemeinheit viel genauer auf die Fin¬ 
ger als einem Staats- oder Landesfun¬ 
ktionär, ebenso wie seine Machtaus¬ 
übung viel stärker kontrolliert wird. 

Es ist also bei einem lit>ertär-komm u- 
nalistischen Wahlprogramm etwas 
qualitativ anderes, ob es dabei um ein 
Bürgermeisteramt geht oder aber um 
die Position eines Ministerpräsidenten 
oder gar Staatspräsidenten. Die Be¬ 
wegung mag ruhig für Bürgermeister¬ 
ämter kandidieren, sollte sich aber 
vornehmen, aus dem Bürgermeister 
einen Vorsitzenden und aus dem Stadt¬ 
parlament einen Föderationsrat zu 
machen, in den die Bürgerversamm¬ 
lungen der Stadtbezirke ihre Delegierten 
entsenden können. 

Die Integrität des Libertären Kom¬ 
munalismus folgt allein 1 aus dem Her¬ 
ausarbeiten und Betonen der dialek¬ 
tischen Spannung zwischen der kom¬ 
munalen Föderation und dem Natio¬ 
nalstaat. Sein Lebensgesetz befiehlt 
ihm, gegen den Staat zu kämpfen, ihm 
die Macht zu entreißen und ihn so 
letztlich zum Verschwinden zu bringen. 
Nur wenn dieses Spannungsverhälmis 
im praktischen Handeln kompromisslos 
deutlich gemacht wird, kann dieBewc- 
gung ihren Sinn und ihre radikale 
Identität bewahren. Alles andere ist eine 
Verfälschung des Libertären Kom- 
raunalismus und somiteine Gefährdung 
seiner Identität. Menschen, die darauf 
aus sind, sollten sich lieber einer der 
etablierten Parteien anschlicßcn. 




übersetzt von Helmut und 
Sonja Richter 

Nachdruck aus: Janet Bichl: Der libertäre 
Kommunalismus, Trotzdem-Vcrlag, 
Grafenau 1998 


[40] SF 1/99 



Radikale Städte und die 
Umwälzung der 
Gesellschaft 

Ein fnterwiew 
mit Janet Biehi 
von Chuck Morse 

Aus? Perspectives on Anarchist Thcory, 1998 


Vorbemerkung 

Die programmatische Leere und der 
abstrakte Charakter der heutigen radi¬ 
kalen Theorie sind Symptome einer 
schweren Krise der Linken. Es zeigt 
sich darin die Abkehr von dem Glauben, 
das Ideal einer kooperativen und egali¬ 
tären Gesellschaft könne konkretisiert 
und gesellschaftlich umgesetzt werden. 
Aus Mobilisierung istErstammg gewor¬ 
den; viele Radikale haben das Recht 
und die Fähigkeit zur Veränderung der 
Gesellschaft an Konzernherren und 
Staatsoberhäupter abgetreten. 



Hiergegen wendet sich Janet Biehls 
neues Buch Der libertäre Kommuna- 
lisrrms: Die politische Praxis der Sozial¬ 
ökologie. Es stellt der politischen Resig¬ 
nation eine ausgearbeitete und ge¬ 
schichtsbewusste Politik gegen den heu¬ 
tigen Staat und Kapitalismus gegenüber. 

Ich habe Janet Biehi zu ihrem neuen 
Werk befragt. 

Chuck Morse 


Frage: Dein Buch ist vor allem pro¬ 
grammatisch: Du stellst den libertären 
Kommunalismus in einen historischen 
Zusammenhang und machst konkrete 
Vorschlägefür die Praxis. Welche poli¬ 
tischen Umstände verleihen dem Buch 
seine besondere Bedeutung? 

Antwort: Der libertäre Kommunalis¬ 
mus ist die politische Ausformung der 
von Murray Bookchin seit den 50er 
Jahren entwickelten Sozialökologie, 
stellt also eine libertäre Politik der 
politischen und sozialen Umwälzung 
dar. Er enthält sowohl das theoretische 


Fundament als auch die praktische An¬ 
leitung für den Aufbau einer revolutio¬ 
nären Bewegung mit dem Ziel einer 
gleichen, gerechten und freien Gesell¬ 
schaft. Diese Ideen, die Bookchin selbst 
an anderer Stelle dargelegt hat, will 
mein Buch verständlich machen. 

Für die, die es noch nicht wissen, hier 
noch einmal das Wichtigste in Kürze: 
Der libertäre Kommunalismus will ein 
selbstbestimmtes politisches Leben auf 
der Ebene der Gemeinde schaffen, also 
im Dorf, in der Stadt oder im Wohn- 


Photo: Eirik Eiglad/Porsgunn: Lissabon 


SF 1/99 [41] 





Photo: Wolfgang Haug - Janet Riem bei einer Demonstration 

für die Rechte der Indianer in Vermont 


viertel Dieses politische Leben spielt 
sich dann in basisdemokratischen 
Institutionen ab - in Bürgerversamm- 
lungen oder Volksversammlungen. Wo 
es diese Institutionen schon gibt, wird 
ihr demokratisches Potential und ihre 
strukturelle Macht ausgebaut; wo sie 
früher einmal existiert hatten, werden 
sie wiederbelebt; wo sie nie waren, wer¬ 
den sic neu geschaffen. Auf jeden Fall 
werden sie es den Menschen ermög¬ 
lichen, ihre gemeinschaftlichen Ange¬ 
legenheiten als B ürgerinnen und Bürger 
selbst in die Hand zu nehmen, statt sich 
auf die staatlichen Eliten zu verlassen, 
und somit ihre Entscheidungen auf dem 
Wegedcr direkten Demokratie zu fällen. 


Um auch Probleme, die über die Ge¬ 
meindegrenzen hinaus greifen, behan¬ 
deln zu können, bilden die demokra¬ 
tisierten Kommunen innerhalb einer Re¬ 
gion eine Föderation, zu deren Födera¬ 
tionsrat sie Delegierte entsenden. Diese 
Föderation ist jedoch kein Staat, denn 
die Macht liegt allein bei den Bürger¬ 
versammlungen. Die Delegierten sind 
nämlich ausschließlich dazu ermächtigt, 
die Entscheidungen ihrer jeweiligen 
Bürgerversammlung vorzubringen. Ihr 
Auftrag ist begrenzt und jederzeit wider- 
rufhar. 

Je stärker nun die libcrtär-kommuna- 


listäsche Bewegung anwächst und je 
mehr Gemeinden so demokrati siert und 
föderiert werden, desto größer wird d io 
Aussicht, dass die Föderationen zu einer 
dualen Macht zusammen wachsen, die 
dem Nationalstaat dieStim bieten kann. 
Das führt dann entweder zu einem offe¬ 
nen Konflikt oder aber dazu, dass die 
Bürger sich diesem neuen System - das 
ihnen die volle Selbstbestimmung ver¬ 
heißt - anschließen, womit die Macht 
desNationalstaates zu einer leeren H üllc 
wird. Gleichzeitig entwinden die Kom¬ 
munen den Privatuntemchmcn die Herr¬ 
schaft über die Wirtschaft - sic expro- 
priieiendie Expropriateure. Schließlich 
entsteht eine rationale, libertäre, ökolo¬ 
gische Gesellschaft, deren Machtzen¬ 
trum die basisdemokratischen Ver¬ 
sammlungen der aktiven Bürgerschaft 
sind. 


In meinem Buch lege ich die konkre¬ 
ten Schlitte dar, wie eine solche Bewe¬ 
gung für direkte Demokratie ins Leben 
gerufen werden kann. Die wichtigste 
Rolle fällt dabei einer Schar aufgeklärter 
und engagierter Menschen zu, die mit¬ 
tels Arbeitspuppen und kommunaler 
Wahlkampagnen diese Ideen in ihren 
Gemeinden verbreiten 1 . 


Das Buch war schon lange überfällig. 
Leider stand es uns seinerzeit, als wir 
beim Left Green Network 1 arbeiteten, 
noch nicht zur Verfügung. Wie groß 
der Bedarf ist, sieht man auch daran, 
dass schon wenige Wochen nach dem 
Erscheinen unsere Freunde die Über¬ 
setzung in fünf europäische Sprachen 
veranlassthabeit und dass weitere Über¬ 
setzungen ins Auge gefasst werden. 


Du stellst dach den libertären Korn- 
munaUsmm in die anarchistische Tra¬ 
ditionslinie und betonst seine Ziel¬ 
richtung gegen Staat und Kapitalismus. 
Andererseits weichst hu, indem du den 
Konflikt zwischen Kommune und Staat 
so scharf von dem Konflikt zwischen 
Arbeit und Kapital trennst, von den 
anarchistischen Hauptströmungen ab. 
Was sind die Grunde dafür? 

Ich muss gleich mal klarstcllcn, dass 
es für lookehin diesen Gegensatz zwi¬ 
schen dem libertären Kommunalismus 
und dem Konflikt Arbcit/Kapital über¬ 
haupt nicht gibt. Er will vielmehr den 
Klassenkampf ausweiten, indem er ihn 


[42] SF 1/99 





mit dem Konflikt zwischen Kommune 
und Staat verknüpft. Er will auch klas- 
senübergreifende Bereiche - vor allem 
hierarchische Herrschaft und Ökolo¬ 
gische Zerstörungen - in den Klassen¬ 
kampf einführen. Schließlich will er 
dem Klassenkampfeinebasisdemokra- 
tische Grundlage geben - sozusagen 
eine politische Kultur für eine selbstbe¬ 
stimmte Bürgerschaft. Der libertäre 
Kommunalismus versucht, den Klas¬ 
senkampf, der bislang Sache der Ar¬ 
beiterschaft war, zu einer Sache der 
Bürger zu machen. Übrigens ist das gar 
nicht so neu. Alle revolutionären Klas¬ 
senkämpfe der Geschichte haben sich 
innerhalb der Kommunen abgespielt 
Die Barrikaden der Pariser Aufstände 
von 1848 und 1870/71 standen in den 
Stadtvierteln, und auch für die Revolu¬ 
tionen im roten Petersburg 1917 und in 
Barcelona 1936/37 waren die stark 
ausgeprägten Nachbarschaftstrukturen 
von entscheidender Bedeutung. 

Was nun die anarchistische Tradition 
betrifft, so lässt sich der Konflikt zwi¬ 
schen Gemeinde und Staat mindestens 
bis zu Proudhons Föderalismusbuch von 
1863 zurückführen, wo er den Aufbau 
einer Föderation autonomer Kommunen 
propagiert. Diese Forderung wurde von 
Bakunin aufgenommen und bildete 
einen Kernpunkt seiner Programme in 
den späten 60er Jahren. Zur selben Zeit 
verbreiteten sich die kommunalislischen 
Ideen in Frankreich unter den Gegnern 
der zentralisierten Herrschaft Napo¬ 
leons III.. So kam es, dass 1871 - nach 
der Niederlage Frankreichs gegen 
Preußen und dem Zusammenbruch der 
französischen Regierung - dieses kom- 
munalistische Gedankengut sofort die 

Pariser Commune durchdringen konnte, 

als diese sich aus den Trümmern des 
Zweiten Kaiserreichs erhob. Obgleich 
ihr Leben nur wenige Wochen währte 
und in der Katastrophe endete, hat das 
mutige Beispiel der Commune viele 
radikale Staatsgegner - zeitweise sogar 
Marx selbst - beflügelt und ihnen in 
Form eines autonomen Gemeindebun¬ 
des als politisches Modell für eine freie 
selbstbest i mm te Gesel Ischaftsord nung 
gedient. In den späten 70er Jahren 
fanden sich diese Grundsätze in den 
Programmen der Juraföderation wieder, 
denn diese sah in der kommunalen 
Föderation ein wesentliches Merkmal 
der nachrevolutionären Gesellschaft. 


Historisch-theoretisch besitzt der 
Kommunalismus sowohl eine anar¬ 
chistische als auch eine marxistische 
Ausprägung, und auf diesebeiden beruft 
sich der libertäre Kommunalismus eben¬ 
so wie auf die konkrete revolutionäre 
Tradition bis zurück zur französischen 
Revolution von 1789. Zusätzlich ent¬ 
wickelt er den historischen Kommuna- 
lism us weiter. Während der frühe Kom¬ 
munalismus den Kommunen im wesent¬ 
lichen die administrativeFunktioneines 
“öffentlichen Dienstes” zu wies, die 
eigentliche Macht jedoch bei den Arbei¬ 
terassoziationen sah (die eine parallele 
föderale Struktur aufbauen sollten), 
verfolgt der libertäre Kommunalismus 
das Leitbild einer Kommune als direkte 
Demokratie, die auch über die Wirt¬ 
schaft herrscht. Und während nach 
Ansicht der anarchistischen Kommu- 
nalisten erst der Staat zusammenbrechen 
und dann die Menschen spontan Kom¬ 
munen bilden würden, will der libertäre 
Kommunalismus einen revolutionären 
Übergang herbeiführen, in dem die Fö¬ 
deration der Kommunen dem Natio¬ 
nalstaat als duale Macht gegenübertritt. 

Die kommunalisüscheTradition, wel¬ 
che der libertäre Kommunalismus nur 
weiterführt, steht also keineswegs 
außerhalb der anarchistischen Tradition, 
sondern hat sie vielmehr mit begründet. 

Innerhalb der sozialistischen Tradi¬ 
tion haben sich die Anarchisten vor 
allem dadurch ausgezeichnet, dass ihre 
allgemeine revolutionäre Strategie sich 
nicht nur auf Gegeninstitutionen, son¬ 
dern auf eine komplette Gegenkultur 
stützte . Wie siehst du den Zusammen¬ 
hang zwischen dieser Richtung und dem 
Kampf für radikale basisdemokratische 
politische Institutionen, wie sie in 
deinem Buch beschrieben sind? 

Die Betonung, die neuerdings auf 
den kulturellen Veränderungen liegtund 
die die institutionellen Veränderungen 
so weit zurücktreten lässt, dass die 
Politik völlig ausgeblendet wird, hat 
dem Anarchismus und der Sache der 
Linken überhaupt sehr geschadet. Ich 
will damit nicht sagen, dass kulturelle 
Arbeit politisch bedeutungslos wäre. 
Doch für sich allein kann sie nicht 
stehen, sondern sie muss Teil einer 
umfassenderen politischen Bewegung 


sein. Kunst, Kultur, Selbstdarstellung 
allein können niemals die herrschende 
Gesellschaftordnung in Frage stellen, 
werden sie doch leicht von dieser 
absorbiert und vermarktet. Eher kann 
schon dieEntfremdung undWiderstän- 
digkeit eines radikalen Kunstwerks 
seinen Marktwert erhöhen - man em¬ 
pfindet einen hippen Schauder, und 
darin liegt sozusagen eine Gefahr. 

Gäbe es keine politische Bewegung 
gegen die allgemeine kapitalistische 
Verdinglichung und gegen hierarchi¬ 
sche Herrschaftsstrukturen, dann wäre 
die Kunst eine bloße Ware und nichts 
sonst. Jeder weiß doch, dass die Ge¬ 
genkultur der 60er seitdem zu einem 
Geschäft mit der Nostalgie und zurNew- 
Age-Spiritualität degeneriert ist - beide 
mit riesigen Marktchancen - und dass 
die knallige Werbung viel von ihrem 
Geist übernommen hat (siehe die kürz¬ 
lich erschienene An thologicCommodify 
Your Dissent). So wird beispielsweise 
mit Hilfe des Beatles-Songs “Revo¬ 
lution” der Absatz von Sneakers ge¬ 
fördert, und in meinem Fahrradladen 
kann ich Sonnenbrillen Marke “Anar¬ 
chie” kaufen. Inzwischen werden im 
Anarchismus Kultur, Selbstdarstellung 
und Lifestyle derartig hochgespielt - 
auf Kosten revolutionärer Politik kn 
Sinne kommunaler Selbstregierung - 
dass die Sozialökologen sich geradezu 
davon distanzieren mussten, um den im 
Kem sozialistischen Auftrag des Anar¬ 
chismus retten und die Gesellschaft 
nicht nur in ihrer Psychologie, sondern 
auch in ihren sozialen und politischen 
Institutionen erneuern zu können. 


Eine freie Gesellschaft kann deiner 
Meinung nach nur durch eine Demo¬ 
kratisierung und Erweiterung des 
Reichs der Politik geschaffen werden. 
Welche Rolle spielt dabei der Kampf 
gegen die Hierarchien, die - wie etwa 
die Herrschaft der Männer oder der 
Weißen - meist der Privatsphäre zu¬ 
gewiesen werden? 

Ich bin ganz sicher, dass die Persön¬ 
lichkeit der Menschen sich im Zuge der 
politischen und sozialen Revolution 
verändern wird, vor allem als Folge der 
Solidarität im Kampf für ein gemein¬ 
sames Ideal statt für eigene Interessen 
und der Erfahrung gesellschaftlicher 


SF 1/99 [43] 


Macht. Hierdurch sollten eigentlich 
Rassismus und Sexismus abnehmen. 
Soweit sie jedoch noch in den Köpfen 
oder gesellschaftlichen Strukturen 
überleben, wird die Gemeinschaft 
politisch reagieren, das heißt, sie wird 
in den Bürgerversammlungen geeignete 
Wege finden, damit umzugehen. 

Es besteht durchaus die Gefahr, dass 
eine Gemeinde rassistische und sexi¬ 
stische Wege einschlägt. Doch eigent¬ 
lich ist es in einer Gesellschaft, die all 
ihren Mitgliedern die volle Verwirk¬ 
lichung ihrer Potentiale ermöglichen 
will, irrational, die Chancen einiger 
einzuschränken. Eines der grundlegen¬ 
den Ziele der Sozialökologie, deren 
politische Ausprägung der libertäre 
Kommunalismus ist. Hegt darin, alle 
Formen der Hierarchie und Klassen¬ 
herrschaft in der Gesellschaft anzu¬ 
prangern und ihre Beseitigung zu 
fordern. 


Überall in deinem Buch findet sich 
der Begriff des Potentials. Du redest 
z.B. vom “politischen Potential der 
Kommune”, von unserem “spezifisch 
menschlichen Potential ” einer ratio¬ 
nalen Gesellschaft. Kannst du etwas zu 
diesem Begriff sagen? 

Dies hängt mit der philosophischen 
Dimension der Sozialökologie zusam¬ 
men, dem dialektischen Naturalismus. 
Dieses Thema ist aber zu komplex, um 
es hier gründlich zu behandeln. Ich 
verweise interessierte Leser auf 
Bookchins Buch The Philosophy of 
Social Ecology. Ich will nur kurz fol¬ 
gendes sagen: Der dialektische Natura¬ 
lismus ist keine analytische, sondern 
eine Entwicklungsphilosophie. Erblickt 
also auf die Prozesse, die sowohl in der 
Evolution als auch in der Geschichte 
ablaufen, insbesondere auf diejenigen, 
die - wenn auch auf Umwegen ver¬ 
laufend oder gelegentlich in Sackgassen 
endend - zu vermehrter Freiheit, Selbst¬ 
bewusstheit und Selbstbetrachtung 
führen. 

Als eine Entwicklungsphilosophie 
verwendet der dialektische Naturalis¬ 
mus Begriffe, in denen sich Entwick¬ 
lungsprozessewiderspiegeln: Potential, 
Erwachsen, Entfaltung, Wachstum, 
Verwirklichung, Erfüllung. Während 


die analytische Philosphie vom Ver¬ 
harren ausgeht, geht die dialektische 
Philosophie von der Bewegung aus - 
nicht von irgendeiner, sondern von einer 
gerichteten Bewegung. 

Indem sie sich auf die in einer gege¬ 
benen Situation enthaltenen Potentiale 
konzentriert, bringt uns die dialektische 
Rationalität dazu, die aus dieser Situa¬ 
tion logisch folgende Zukunft zu unter¬ 
suchen. So enthält beispielsweise die 
Kommune in ihrer heutigen Form das 
Potential, sich zu demokratisieren und 
Teil einer demokratischen Gesellschaft 
zu werden. Die Leistung einer libertär- 
kommunalistischen Gesellschaft läge 
dann in der Erfüllung oder Verwirk¬ 
lichung dieses Potentials. 


Du rufst die Menschen auf \ den Kapi¬ 
talismus und den Staat zu stürzen und 
eine freie Gesellschaft zu errichten, die 
sich auf Vernunft, Solidarität und ein 
Bürgerethos stützt. Andererseits be¬ 
schreibst Du, wie der Kapitalismus alle 
Züge der Gesellschaft beherrscht, wel¬ 
chem Druck die Gemeinden aus gesetzt 
sind und wie das Reich der Politik in 
Auflösung begriffen ist . Damit scheinen 
aber doch auch die Quellen zerstört zu 
sein, aus denen wir die Kraft schöpfen 
können, eine alternative Gesellschaft 
aufzubauen. Woher sollen dann aber 
die Kraft und die Erkenntnis kommen, 
ohne die wir keine freie Gesellschaft 
schaffen können? 

Heute, da das Prinzip der sofortigen 
Belohnung herrscht, wird uns unabläs¬ 
sig nur eine Botschaft gepredigt: Unser 
Lebensziel soll maximales persönliches 
Glück im Rahmen des Kapitalismus 
sein. UnsereKulturhilftunskaum dabei, 
unsere unmittelbaren persönlichen Be¬ 
dürfnisse einem höheren Ziel unterzu¬ 
ordnen. Unsere Vorstellungskraft 
schrumpft zusammen; aus der ausgrei¬ 
fenden Vision einer besseren Welt zie¬ 
hen wir uns zurück und beschränken 
uns schließlich auf Fragen des prakti¬ 
schen Überlebens und des Konsums 
von Gütern und Dienstleistungen. So 
werden wir systematisch dessen beraubt, 
was man in früheren Zeiten unser 
besseres Selbst zu nennen pflegten. 

Zudem verwandelt uns diese Gesell¬ 
schaftsordnung nicht nur in Handels¬ 


waren und Ausbeutungsobjekte, son¬ 
dern sie verdummt uns geradezu, indem 
sie unser historisches Gedächtnis ver¬ 
dunkelt. Wir sollen vergessen, dass jahr¬ 
hundertelang die Menschen sich für ge¬ 
sellschaftliche Veränderungen einge¬ 
setzt haben, die zu erleben sic selbst gar 
nicht hoffen konnten. Nicht nur benö¬ 
tigten sie keine sofortige Belohnung, 
sie erwarteten so etwas überhaupt nicht 
und riskierten statt dessen Exil und 
Strafe- alles in dem Bewusstsein, dass 
es dem Aufbau einer besseren Gesell¬ 
schaft dienen sollte. 

Es ist offensichtlich ein Wesenszug 
des von uns bekämpften Systems, die 
, sofortige Erfüllung aller Wünsche zu 
versprechen. Wir missen also der 
gesellschaftlichen Amnesie wider¬ 
stehen und uns an unser historisches 
Gedächtnis halten. Wir müssen gewis¬ 
sermaßen die Sache einer besseren Ge¬ 
sellschaft über den Wunsch stellen, den 
Küchenschrank mit einer neuen Espres¬ 
somaschine auszurüsten. 

j 

Sollten wir diese Treue zu unseren 
Idealen und diese Widerstandskraft 
nicht finden, dann wird auch unser 
Leben sinnlos und wir werden zu 
trivialen Existenzen. Mil den Worten 
von William James werden wir „in den 
wesenlosen Schlummer zurücksinken, 
aus dem wir für kurze Zeit erwacht 
waren.“ ! 

Also müssen wir nach jenen Anderen 
suchen, die gleich uns die Würde des 
Menschen hoch halten und erkannt 
haben, dass weder El NifSo noch irgend¬ 
welche Mängel in der Kleinkinderzie- 
hung das schlimmste Problem für unsere 
Gesellschaft sind, sondern dass dies die 
Gesellschaftordnungselbstist. Deshalb 
bekämpfen wir diese Gesellschaftsord¬ 
nung, denn sie beschneidet unsere 
Menschlichkeit und unsere schönsten 
Hoffnungen, und gerade das ist uner¬ 
träglich. 


Marx hat ja vor allem damit argu¬ 
mentiert, dass der Kommunismus aus 
den internen Widersprüchen des Kapita- 
lismus, sozusagen als Frucht eines 
Reffeprozesses erwachsen würde. 
Glaubst du, dass eine libertär-kommu- 
naUstische Gesellschaft aus einem 
Willensakt heraus geschaffen wird, oder 


[44] SF 1/99 







siehst du darin die Kulmination eines 
größeren historischen Prozesses? 

Beides. Ich bin ganz sicher, dass un¬ 
sere Gesellschaft auf eine Krise zuläuft 

-offen istallenfalls,obderunmittelbare 

Anlass gesellschaftlich oder ökologisch 
sein wird. Wie Marx schon im Kapital 
ausgeführt hat, müssen die kapita¬ 
listischen Unternehmen entweder ihre 
Profite maximieren und darum expan¬ 
dieren, oder aber ihren Konkurrenten 
unterliegen und untergehen: Es heißt 
Wachsen oder Sterben. Bookchin hat 
darüber hinaus erkannt, dass dieser 
Zwang den Kapitalismus auf Kolli¬ 
sionskurs mit der Natur schickt. Die 
Kluft zwischen arm und reich wird 
immer noch breiter, obgleich sich doch 
schon abzeichnet, dass die globale 
Erwärmung im nächsten Jahrhundert 
große Schäden anrichten wird. Im Zuge 
seiner globalen Profitmaximierung er¬ 
klärt der Kapitalismus ganze Bevölke- 
rungsgruppen für nutzlos- von manchen 
auf drei Fünftel der Erdbevölkerung 
geschätzt. 

Meines Erachtens müssen wir auch 
wieder einen Blick auf Marx 4 Ver¬ 


elendungstheorie werfen. Er hatte diese 
ja damit begründet, dass die Logik des 
Kaptalismus die Löhne auf das nied- 
rigstmögliche Niveau herunterdrücken 
würde; wenn die Menschen dann völlig 
verarmt wären, müssten sie gegen die 
Ausbeuterbourgoisie revoltieren. Diese 
Vorhersage ist nicht eingetroffen, unter 
anderem, weil der Wohlfahrtsstaat die 
Auswirkungen des Kapitalismus etwas 
abgefedert hat. Inzwischen werden aber 
die Wohltaten, die den sozialen Frieden 
gesichert haben, mehr und mehr zurück¬ 
genommen, und so könnte die Prophe¬ 
zeiung der sozialen Revolution als Folge 
der Verelendung sich vielleicht doch 
noch als wahr erweisen. 

Was auch immereinmal Auslöser der 
Krise sein mag: Wenn sie dann eintritt, 
muss sie keinesfalls zwangsläufig eine 
rationale ökologische und libertäre Ge¬ 
sellschaft zur Folge haben. Sie könnte 
auch zu einer Diktatur oder ins Chaos 
führen. Emanzipatorisch kann diese 
Krise nur sein, wenn bereits zuvor ein 
Mindestmaß an Bewusstsein der be¬ 
freienden Alternative vorhanden ist. 

Dann werden wir nämlich so etwas 


wie Voluntarismushaben. Eine vonevo¬ 
lutionäre Periode dauert gewöhnlich 
nicht sehr lange. Eine Befreiungsbe¬ 
wegung bedarf aber eines sorgfältigen 
Erziehungsprozesses auf unterster 
Ebene, und dafür werden wir kaum viel 
Zeit haben. Deshalb müssen wir jetzt 
damit anfangen, müssen vor allem eine 
Jibertär-kommunalistische Bewegung 
aufbauen. Wir müssen die Menschen 
lehren, ihr Leben politisch und wirt¬ 
schaftlich selbst in die Hand zu nehmen 
und eine Gesellschaftsordnung zu er¬ 
richten, in der sie ihr Menschentum 
wiedergewinnen können. Dazu ist 
unendlich viel Geduld erforderlich, aber 
es muss sein. Denn wenn dies nicht 
geschieht, kann die kommende Krise 
nur in einer Tyrannei enden. 

Übersetzung von 
Helmut Richter 

1 Janet Biehl und Chuck Morse waren 

1990/91 beim Left Green Network 

Clearinghouse als Koordinatoren tätig. 

2 Sam Dolgoff (Hrsg.), Bakunin onAnarchy 

(New York 1972) S.228 

Photo: Umbruch Bildarchiv 



SF 1/99 [45] 


j 










“Sie nahmen uns einfach fest, weil sie es ni 
gewohnt waren, daß so etwas in di 

passiert” 


Casandra - Eine libert 
Zeitschrift aus Costa Rica 


von Boris Schariowski 



•• v;$Äif 
. • : - 


Casandra ist eine Zeitschrift mit 
libertär-anarchistischem Hintergrund. 
Sie wurde 1989 gegründet und erscheint 
in San Jose, der HauptstadtCosta Ricas. 
Verantwortlich zeichnen einige Freun¬ 
de, zu denen Jorge Jimenez (42), Uni¬ 
versitätsprofessor und Gründer von 
Casandra, sowie Mauricio Ordofiez 
(36), Architekt und Graphiker, gehören. 
Im Rahmen einer Reise im März d.J. 
hatte Faden-Redakteur Boris Schar¬ 
iowski die Gelegenheit,mit ihnen zu 
sprechen. 


Faden: Casandra erscheintmittlerweile 
seit neun Jahren. Da ist genügend Zeit 
vergangen, die bisherigen Erfahrungen 
einmal Revue passieren zu lassen. 

Jorge: Casandra ist aus der Initiative 
einiger Freunde entstanden. Damals 
ging es in erster Linie zunächst darum, 
fotokopierte Texte untereinander aus¬ 
zutauschen. Das hatte etwas sehr Spie¬ 
lerisches. Dabei stand nicht ein poli¬ 
tisches Programm im Vordergrund, 
sondern der Wunsch sich gemeinsam 
zu organisieren. Denn hier in Costa 
Rica sind die politischen Strömungen 
am Ende und gegenkulturelle Aus¬ 
drucksformen erschöpft; hier passiert 
einfach nichts. Deshalb wollten wir eine 
Zeitschrift gründen und mit jenen 
Themen und Dingen spielen, die hier 
verteufelt werden. Dazu benutzten wir 
humoristische und ironische Elemente, 
Stilelemente, die zu jener Zeit in gewis¬ 
ser Weise eine terra incognita dar¬ 
stellten. 

Allerdings fühlten wir uns in unserem 
Umfeld zunächst sehr verloren. Dazu 
kam, daß einige der Mitstreiter abspran¬ 
gen und unser erster Anlauf scheiterte. 


Deshalb mußten wir mit anderen 
Companeros noch einmal von neuem 
beginnen. Mit diesem Wechsel wendete 
sich die Zeitschrift allerdings stärker 
anarchistischen Positionen zu. Sie 
erhielt damit zwar eine weniger opti¬ 
mistische, gleichzeitig aber auch weni¬ 
ger naive und dafür politischere Ten¬ 
denz. 

In der ersten Zeit erschien Casandra 
lediglich einmal pro Jahr. Wir druckten 
500 Exemplare, die wir immer sehr 
schnell verkaufen konnten. Deshalb er¬ 
höhten wir die Auflage auf 1.000 Stück 
und versuchen neuerdings, zwei Mal 
pro Jahr zu erscheinen. Das ist nicht 
einfach, denn von Ausgabe zu Ausgabe 
steigen unsere laufenden Kosten um 
jeweils 25-30%, in manchen Jahren 
sogar um 50%. Daß wir die Zeitschrift 
dennoch machen können, ist vor allem 
deshalb möglich, weil unsere Freunde 
uns unterstützten. Doch auch die haben 
nicht genügend Geld. Deshalb haben 
wir bei einer holländischen Nichtre¬ 
gierungsorganisation um eine Unter¬ 
stützung gebeten, die wir ohne irgend¬ 
welche inhaltlichen Bedingungen er¬ 
füllen zu müssen, erhalten. 


Faden: Welche Themen behandelt Ihr 
undaus welchem Blickwinkel betrachtet 
Ihr sie? 

Jorge: Casandra fühlt sich dem Anar¬ 
chismus sehr nahe. Allerdings lehnen 
wir gleichermaßen jegliche Dogmati- 
sierung ab. Wir wollen nicht die all¬ 
gemeine Entpolitisierung und Entide- 
ologisierung der Gesellschaft unter¬ 
stützen, ganz im Gegenteil. Gerade 
angesichts einer erstarrten stalinisti- 
schen Linken wollen wir dazu beitragen, 


neue linke Räume zu öffnen, die Platz 
für respektlose, freche und spielerische 
Ideen bieten. 

Wir veröffentlichen deshalb Dinge, 
die in diesem Land keine Verbreitung 
finden. Wir wollen eine Plattform für 
all jenes bieten, dem eine vom Main¬ 
stream abweichende, reichhaltige und 
alternative Konzeption zugrundclicgt. 
Denn in Costa Rica ist der offizielle 
Diskurs sehr autoritär geprägt und wirkt 
sehr homogen. Dies wirkt bis in die 
feministische und die ökologiebcwc- 
gung hinein, die sehr wenig offen sind. 
Uns ging es immer darum, solche 
Diskurse in sich zu brechen. 

Grundsätzlich versuchen wir immer, 
die Dinge aus einem politisch-sozialen 
Blickwinkel zu betrachten. Wir berich¬ 
ten zJB. über Streiks und dic Bewegung 
der Wahlboykotteure.j Dabei ist cs 
unsere Absfeht,Minderncitcn und mar¬ 
ginalen Gruppen einen Platz zu bieten. 
Daneben veröffentlichen wir litera¬ 
rische Texte, die in Costa Rica nicht 
wahrgenommen werden. Denn cs han¬ 
delt sich hier um eine sehr puritanische 
Gesellschaft, die furchtbar Angst vor 
einer freieren Verwendung der Sprache 
hat. Jeglicher Versuch, <lic Sprache, so 
wie sie die Menschen tagtäglich ver¬ 
wenden, in einen Text zu bannen, wird 
geahndet DaßwMabeidcnnoch auf ein 
Bedürfnis der Leute eingchcn, davon 
können wir uns immer wieder über¬ 
zeugen. Dafür werden wir auch von 
offizieller Seite immer wieder ange¬ 
griffen. j 

Casandra will subversiv tätig sein, 
irritieren. Dean erst au^ diesem Boden 
können alternative Positionen entstehen. 
Erst wenn der zwanghafte Optim ism us 
und der eherne Glauben der Menschen 
zu zerbrechen beginnt, verstehen sic, 
daß die Dinge nicht so rosig sind, wie 
sie bis dahin glaubten. Dann erst re¬ 
agieren die Menschen, j 


Faden : Laßt uns über Eure Leserinnen 
sprechen. Welche Leute nehmen 
Casandra in die Hand? 

Jorge: Die meisten Leser sind entweder 
Anarchisten, Künstler oder Theater¬ 
leute. Hier in der Universität gibt cs 
viele Intellektuelle, die zunächst sehr 
verwirrt reagierten und uns wenig 
Vertrauen entgegenbrachten. Sic 


[46] SF 1/99 





wußten einfach nicht, was sie da in 
ihren Händen hielten. Sie sagten, das ist 
schon gut, was Ihr da macht, aber irgend 
etwas stimmt da nicht. Wahrscheinlich 
schien es ihnen ‘kleinbürgerlich’, ‘de¬ 
kadent’ oder irgend etwas in dieser Art. 

Altersmäßig ist unser Publikum sehr 
unterschiedlich. Es gibt einige ältere, 

Leute, dicübcr50Jahrealtsind,unddie 
mich anrufen und mit mir diskutieren 
oder mich kritisieren. Allerdings gibt 
es offcnsichtl ich auch eine große Anzahl 
von jungen Lesern, Leute zwischen 16 
und 23 Jahren, die gerade von der Schule 
an die Uni kommen. Diezeigen ein sehr 
großes Interesse an der Zeitschrift. Sie 
diskutieren die Artikel, schicken uns 
Leserbriefe, rufen uns an oder laden 
uns in ihr Radio ein. Die letzte Ausgabe 
von Casandra stellten wir z.B. in einem 
Theater vor. Da kamen ungefähr 250 
Leute, von denen rund 200junge Leute 
waren. Dabei konnten wir 70 bis 80 
Exemplare verkaufen und die Leute 
waren wirklich sehr engagiert. 250 
Menschen ist in diesem Land ein großer 
Erfolg. Unser Publikum ist also sehr 
heterogen. Es sind aber immer Leute, 
die Lust haben, etwas zu verändern, mit 
einer gewissen Wut im Bauch und die 
bereit sind sich zu engagieren. 

Intcressanterweise gibt es auch jen¬ 
seits des universitären Rahmens be¬ 
merkenswerte Dinge zu berichten. So 
gelangte z.B. ein Exemplar von Ca¬ 
sandra in das Stadtviertel Leon XIII. 
Das ist ein Viertel, wo viele Mar¬ 
ginal isierte leben und die üblicherweise 
auf Heavy Mctal stehen. Die Zeitschrift 
wurde dort unter den Jugendlichen he- 
rumgcrcich t. Die Leute sagten uns dann, 
daß sie zwar nicht alles verstehen wür¬ 
den, was dort geschrieben stünde, aber 
cs würde ihnen in jedem Falle etwas 
sagen. Sic hätten viel gelacht und ihren 
Spaß gehabt. 


Faden: Wenn wir schon über die Le¬ 
serinnen sprechen, müssen wir auch 
über die politischen und sozialen Be¬ 
wegungen sprechen, in denen sich diese 
bewegen. Begreift Ihr Euch als Teil 
dieser Bewegungen? 

Jorge: Vor den letzten Präsidcnt- 
schaftswahlcn sind wir auf die Straße 
gegangen und riefen zum Wahlboykott 
auf. Dabei haben wir dies gemeinsam 
mit einem Zusammenschluß ver¬ 



schiedener Organisationen von - sagen 
wir mal - Wahlverweigerem, wie etwa 
‘SoberanfaL gemacht. 

Das eigentl iche Problem aber ist, daß 
die traditionell links zu verortenden 
Gruppierungen, die häufig stark vom 
Stalinismus geprägt waren, vom Sturz 
der Berliner Mauer stark getroffen wur¬ 
den. Dieser Erfolg stalinistischer Posi¬ 
tionen scheint mir damit in Verbindung 
zu stehen, daß in diesem Land offen¬ 
sichtlich gerne Anlehnung an be- 
stimmmte Katechismen und griffige 
Formeln gesucht wird. Daher entstand 
innerhalb der Linken und bei vielen 
Basisorganisationen mit dem Zusam¬ 
menbruch des Stalinismus eine große 
Leere. Bisher haben sich diese von 
dieser Entwicklung noch nicht erholt. 

Deshalb haben einige linke Gruppen 
begonnen, mit der traditionellen Linken 
zu brechen. Es gibt einige trotzkistische, 
einige extrotzkistische sowie einige 
unabhängigeGruppen. Daneben gibtes 
einige Einzelgänger, die sich zu be¬ 
stimmten Anlässen Zusammenschlüs¬ 
sen, wie z.B. im Falle der Demonstra¬ 
tionen zum Wahlboykott. Es gibt auch 
immer wieder kleine Musikkonzerte und 
Demos, die nicht im eigentlichen Sinne 
politisch sind, aber auch keineswegs 
als apolitisch mißverstanden werden 
dürfen,-da sie einen eindeutig subver¬ 
siven Charakter haben. So gab es vor 
rund zwei Jahren ein Konzert, das wir 
auf einem öffentlichen Platz veranstaltet 
hatten. Dorthin kamen viele Jugend¬ 
liche, d ie Lust hatten sich zu artikul ieren 
und Dinge zu verändern. Dies sind sicher 


sehr spontane Protestformen. Und auch 
wenn wir nicht die Kapazitäten haben, 
so etwas stärker zu organisieren, zeigt 
es dennoch, daß sich etwas bewegt. 

Mauricio: Vielleicht ist es auch wichtig, 
sich wieder in Erinnerung zu rufen, daß 
die politische Kultur dieses Landes auf 
dem Mythos des Konsenses aufbaut. 
Erst vor kurzem ist dieser Mythos etwas 
erschüttert worden. Deshalb sind die 
Leute es nicht gewohnt, für ihre In¬ 
teressen auf die Straße zu gehen. Als 
wir im Jahre 1990 anläßlich der be¬ 
vorstehenden Wahlen demonstrierten, 
wurden wir festgenommen. Wahr¬ 
scheinlich nur deshalb, weil die Ver¬ 
antwortlichen völlig irritiert waren. Sie 
wußten einfach nicht, wie so etwas 
geschehen konnte. Sie nahmen uns 
einfach fest, weil sie es nicht gewohnt 
waren, daß so etwas in diesem Lande 
passieren könnte. Dabei eroberten wir 
uns einfach einen Raum, in dem die 
Meinungsfreiheit praktiziert werden 
kann und der von der Verfassung ge¬ 
schützt ist, zurück. 


Faden: Wenn Ihr die hiesigen Basis¬ 
bewegungen charakterisieren wolltet, 
kämt Ihr also zu dem Schluß, daß sie 
sehr wenig inneren Zusammenhang 
haben? 

Jorge: Zersplittert wäre wahrscheinlich 
der treffende Schlüsselbegriff. Sowohl 
die Basisorganisationen, als auch die 
Gewerkschaften oder überhaupt der 
soziale Kampf sind sehr zerstückelt. 


SF 1/99 [47] 











Vor zwei Jahren gab es z.B. den größten 
Streik der Lehrer seit 20 Jahren. Viele 
Leute gingen auf die Straße und es gab 
umfangreiche Streikaktionen. Die 
Gewerkschaften aber verrieten diesen 
Streik. Die einzige Ausnahme bildete 
die Gewerkschaft der Universitäts¬ 
angehörigen. Ein Grund für diese Zer¬ 
splitterung ist also sicher die mangel¬ 
hafte politische Unterstützung der Un¬ 
zufriedenen. Deshalb befinden wir uns 
nach wie vor in einer sehr marginalen 
Position. 

Mauricio: Gerade diese Informalität 
eines großen Teils der Bewegung ist 
auch unter einem anderen Aspekt in¬ 
teressant. Denn z.B. die Presse ist stets 
auf der Suche nach klar identifizierbaren 
Akteuren. Sie möchte wissen, werhinter 
einer bestimmten Aktivität steht, wo 
die Verantwortlichen zu verorten sind, 
und wo die jeweilige Gruppe ihren Sitz 
hat. Daß wir ihnen dieses nie bieten 
konnten, hat sie ziemlich verunsichert. 

Faden: Du bietest mir damit den Über¬ 
gang zu meinem nächsten Thema. Denn 
ich würde gerne wissen, in welchem 
publizistischen Umfeld IhrEuch bewe¬ 
gen müßt. Wie sieht die Medien¬ 
landschaft in Costa Rica aus und welche 
Auswirkungen hat sie auf Euch? 

Jorge: In Costa Rica haben wir es mit 
einer offiziösen und kommerziellen 
Presse zu tun, die bedacht ist, ihre Ge¬ 
schäfte zu machen. Leider beinhaltet 
dies gleichzeitig einen erheblichen Man¬ 
gel an professioneller Ausbildung und 
Kultur. Die einzige Zeitschrift, die aus 
diesem Rahmen fällt, ist ‘La Univcr- 
sidad’, die allerdings auch ziemlich 
mittelmäßig ist. Es gibt also ein sehr 
großes Vakuum. Daneben gibtescinige 
kleine Medien wie Casandra oder 
andere, die noch marginaler sind. Es 
gibt also nicht einmal ein - wenn auch 
kommerzielles - Medium, in dem 
interessante Meinungen vertreten wer¬ 
den und einfach diskutiert wird. Nichts 
wird öffentlich erörtert. 

Mauricio: Doch ich glaube schon, daß 
im Gegensatz zu vor zehn Jahren 
bestimmte Dinge öffentlich diskutiert 
werden. Mit dem Aufkommen des 
Feminismus wird z.B. dicFrage gestellt, 
ob die Regierung die künstliche Be¬ 


fruchtung von ledigen Frauen verbieten 
darf oder nicht. Dabei werden die 
orthodoxesten Positionen, wie sie z.B. 
die Kirche oder konservative Sektoren 
der Gesellschaft vertreten, endlich 
hinterfragt. Das, was wir und einige 
andere Personen machen, ist, diese 
öffentliche Diskussion ins Extreme zu 
ziehen und damit das vorherrschende 
Spektrum zu erweitern. 

Jorge: Mauricio hat recht. Dieser Pro¬ 
zeß steht allerdings noch ganz am 
Anfang. Die Medien spielen eine aus¬ 
geprägt hegemoniale Rolle. Aber 
sicherlich gibt es heute mehr Diskus¬ 
sionen als vor zehn Jahren. Als es vor 
drei oder vier Jahren um das Thema 
Abtreibung ging, gab es tatsächlich eine 
öffentliche Diskussion, man konnte aber 
keine wirklich abweichenden Stimmen 
hören. 


Faden: Wir haben bereits vorhin über 
die sozialen Bewegungen gesprochen. 
Ich würde gerne noch etwas mehr über 
die Geschichte der sozialen Bewegun¬ 
gen erfahren. Und wie steht es denn um 
die libertäre Bewegung in Costa Rica? 

Jorge: Hier war der Anarchismus im¬ 
mer eine intellektuelle Bewegung. Es 
gab niemals eine starke anarchistische 
Bewegung der Massen, vielleicht mit 
Ausnahme einiger organisatorischer 
Keime. So kamen mit der mexika¬ 
nischen Revolutionzu Beginn des Jahr¬ 
hunderts einige Anstöße ins Land, die 
aber zumeist direkt an die Diskussionen 
in einigen Zeitschriften angebunden 
waren. In der Regel sind die Basisbe¬ 
wegungen hier in erster Linie von sta- 
linistischen Einflüssen geprägt worden. 
Dies hat damit zu tun, daß die kommu¬ 
nistische Partei in der Linken immer die 
stärkste Kraft gewesen ist. Sie hat die 
wichtigsten sozialen Kämpfe im Land - 
wie z.B. in der Bananenwirtschaft - 
ausgetragen. Der Anarchismus wurde 
immer als etwas Exotisches wahrge¬ 
nommen, was auch mit mangelnder 
Information zu tun hat. Allerdings 
trugen zu diesem negativen Bild auch 
einige immigrierte Anarchisten bei,die 
z.B. nach dem verlorenen spanischen 
Bürgerkrieg nach Costa Rica kamen, 
und seit ihrer Ankunft nicht müde wur¬ 
den, die besonderen Vorzüge unseres 
Landes zu predigen. Denn aus deren 


Sieht gabes in Costa Rica keine sozialen 
Widersprüche. Leider haben sich diese 
Leute viel zu schnell verbürgerlicht. 

Einen erneuten Aufschwung gab cs 
in den 60er und 70er Jahren dieses 
Jahrhunderts. Dies halte! vor allem mit 
dem relativen Erfolg der Zeitschrift 
4 Acräeia* zu tun,üealferäings vor allem 
in intellektuellen Kreisen zirkulierte. 
Heute haben wir vor allem Casandra, 
die aber auch nicht in eine bestimmte 
Bewegung organisch eingebunden ist. 

i 

Mauricio: Ich stimme mit Jorge weit¬ 
gehend überein. Dennoch gab es ein 
paar weitere Einflüsse, so z.B. die ita¬ 
lienischen und spanischen Migranten, 
die zu Beginn des Jahrhunderts nach 
Costa Rica kamen. Aber auch sic be¬ 
saßen nicht genügend Kraft, sich gegen 
die kommunistische Partei durchzu¬ 
setzen. Diese Partei bemächtigte sich 
ab den 30er Jahren aller Arbeiterorga¬ 
nisationen und spielte'eine wichtige 
Rolle bis zum Bürgerkrieg 1948, wo sie 
verboten wurde. Seitdem konnte die 
sozialdemokratische Bewegung Fuß 
fassen, ihre eigenen Organisationsfor¬ 
men entwickeln und - wie die katholi¬ 
sche Kirche - Gewerkschaften gründen. 

Faden: Trotz dieser pessimistische 
stimmenden Entwicklung und aller 
offensichtlichen Schwierigkeiten, die 
wir auch in Deutschland kennen, würde 
es mich interessieren, ob Ihr in Zukunft 
nicht doch verstärkt Möglichkeiten 
suchen wollt, neue Leserkreise für Eure 
Zeitschrift zu erschließen? 

Jorge: Unsere praktische Unterstützung 
des Wahlboykotls wurde von vielen 
Zeitungen und dem Fernsehen aufge¬ 
griffen. Das Problem, mit dem wir 
konfrontiert sind, ist, daß wir sehr 
schwach sind. Wir sind zuwenig Leute, 
wir haben keine Organisation, die uns 
unterstützt, und wir haben kein Geld. 
Wir haben auch nicht die Absicht, 
massenwirksam zu sein. Natürlich 
hätten wir gerne mehr Einfluß. 


Herzlichen Dank meiner lieben. 
FreundinM.N. für die Transkription. 


[48] SF 1/99 





Albert Camus und 
der Anarchismus 


In der deutschsprachigen Rezeption der 

Werke von Albert Camus (1913-1960) 
werden in der Regel die vielfältigen Be¬ 
ziehungen und Kontakte zur anarchi¬ 
stischen und anarchosyndikalistischen 

Bewegung unterschlagen. Lou Marin 
stellt uns in Ursprung der Revolte den 
vergessenen libertären Camus vor. 
Albert Camus, der sich selbst nicht als 
Anarchist bezeichnet hat, hat regel¬ 
mäßig für anarchistische Zeitschriften 
und Zeitungen geschrieben, hat immer 
wieder posiü ven Bezug auf die libertäre 
Bewegung - insbesondere in Spanien - 
genommen und er beteiligte sich an 

anarchistisch-antimiliianstischen Kam¬ 
pagnen. 

Im Mittelpunkt des Buches steht zum 
Einen die Gcwaltkritik von Camus und 
seine Auseinandersetzung mit der 
Gewalt revolutionärer Bewegungen, 
zum Anderen geht es immer wieder um 
die Auseinandersetzung und den Bruch 
mit Jean-Paul Sartre und Simone de 
Beauvoir. So gesteht Lou Marin in der 
Einleitung auch ein: 

»Dieses Buch über den libertären 
Camus ist somit fast notwendigerweise 
ein Anti-Sartre« (S. 17). 

Albert Camus, Sohn einer Spanierin 
und eines Elsässers, in Algerien ge¬ 
boren, kam schon in Algerien bei seiner 
journalistischen Arbeit in Kontakt mit 
anarchistischen Ideen, obwohl er von 

1935 bis 1937 Mitglied der Kommu¬ 
nistischen Partei Frankreichs (KPF) war. 

1936 war er an der Gründung der 
Kommunistischen Partei Algeriens 
beteiligt. Seine Aufgabe war es ara¬ 
bische Jugendliche für die KP zu ge¬ 
winnen. Als Stalin 1936 die Einbindung 

der KPF in die Volksfrontregierung in 
Frankreich unterstützte, verlangte er aus 
bündnistaktischen Gründen eine Revi- 
dicrung der antikolonialen Positionen 
der Kommunistischen Parteien in den 
französischen Kolonien. Camus, der auf 

seine antikoloniale Position nicht ver¬ 
zichten wollte, wurde 1937 aus der 
Kommunistischen Partei ausge¬ 
schlossen. 

In Algerien war Camus als Journalist 
taüg.Ernähertesichden libertären Ideen 


an und kämpfte sein Leben lang gegen 
die Todesstrafe. In seinen Betrachtun¬ 
gen zur Todesstrafe legt Camus dar, 
welches libertäre Verständnis seinem' 
Kampf gegen die Todesstrafe zu Grunde 
liegt »Die Hinrichtung eines Menschen 
untersagen, hießeöffentlich verkünden, 
daß die Gesellschaft und der Staat keine 
absoluten Werte sind und daß nichts sie 
dazu ermächtigt, die endgültigen Ge¬ 
setze zu erlassen und Nichtwiedergut- 
zumachendes zu schaffen« (S. 70). 

Neben Der algerische Camus gehört 
das Kapitel über Libertäre Pfade durch 
die Resistance zu den interessantesten 
in dem Buch von Marin. Hier wird der 
frühe Anarchopazifismus und die Aus¬ 
einandersetzung mit Kollaboration und 
der Todesstrafe von Camus dargestellt. 
Während seiner journalistischen Tätig¬ 
keit in Algerien versuchte er die Zei¬ 
tungen, bei denen erarbeitete, auf anar- 
chopazifistischen Kurs zu bringen, was 
ihm teilweise auch gelang. Während 
der deutschen Besatzung in Frankreich 
schloß sich Camus zwar der Resistance 
an, beteiligte sich aber nicht an be¬ 
waffneten Aktionen. Er schrieb für die 
Zeitungen der Resistance und war ge¬ 
legentlich auch Kurier. Trotz seiner 
gewaltkritischen Haltung schwieg er 
zu den bewaffneten Aktionen der 
Resistance. Obwohl er die Todesstrafe 
grundsätzlich ablehnte, schwieg er nicht 
nur zu den Hinrichtungen von Ver¬ 
räterinnen und Kollaborateurlnnen, 
sondern befürwortete sie in besonders 
harten Fällen und dies sogar bis Januar 
1945. Doch danach bezog er wieder 
seine ursprüngliche Position und kriti¬ 
sierte die Hinrichtungen und setzte sich 
für zum Tode verurteilte Kollaborateur¬ 
lnnen ein, sogar für Marschall Petain. 
Camus ging es nicht so sehr um Rache, 
er wollte, dass alleNazi-Kollaborateur- 
Innen aus der Politik und aus der Kultur 
entfernt werden. Nach einer kurzen 
Phase der »wilden Säuberungen«, be¬ 
sann frau/mann sich in Frankreich auf 
die kollektive Verdrängung. 

Seine antikoioniale, antinationale und 
gewaltkritische Haltung hat Camus 
immer wieder Kritik eingebracht und 



Foto: Jean-Marc Dellac 


hat des öfteren zu Mißverständnissen 
geführt. Seine antinationale Haltung 
während des algerischen Befreiungs¬ 
krieges wurde häufig als kolonial de¬ 
nunziert. Er kritisierte nicht nur die 
Gewalt der algerischen Befreiungsbe¬ 
wegung FLN, sondern auch deren 
panarabischen Nationalismus, der sich 
u.a. gegen die Berberlnnen in der Ka- 
bylei richtete, da sie sich nicht Arabi- 
sieren lassen wollten. Der algerische 
Befreiungsnationalismus richtete sich 
aber auch gegen die Jüdinnen und Ju¬ 
den, die vor 500 Jahren aus Spanien 
nach Nordafrika geflüchtet waren und 
gegen spanischen Anarchosyndikatist- 
Innen, die vor Franco nach Algerien 
flüchteten. Es gab keine Bestrebungen 
der FLN nach nicht-arabischen Bünd- 
nispartnerlnnen in Algerien zu suchen, 
um gemeinsam für eine freie Gesell¬ 
schaft zu kämpfen. Camus wandte sich 
gegen den Nationalismus der FLN und 
sah die Lösung in einer algerisch¬ 
französischen Föderation, die allen dort 



lebenden Menschen gleiche Rechte 
einräumen sollte, ohne dass eine Assi¬ 
milation der verschiedenen Bevölke- 
mngsgruppen in Algerien gefordert 
wurde. Angehörige islamischer Glau¬ 
ben srichtungen konnten damals in Al¬ 
gerien nicht die französische Staatsan¬ 
gehörigkeit bekommen, obwohl Alge¬ 
rien als ein Teil von Frankreich betrach¬ 
tet wurde. 

Auch wenn wir heute sehen, daß der 
Befreiungsnationalismus derFLN fatale 
Folgen für das unabhängige Algerien 
hat(te), denke ich nicht wie Lou Marin, 
daß der Föderalismus ein wirklicher 
Ausweg in der damligen Zeit aus der 
Zwickmühle gewesen wäre. In den 
Analysen von Camus - soweit sie von 
Marin rezipiert wurden - fehlt jede 
Auseinandersetzung mit Rassismus und 
einerBinnenkolonialisierunginnerhalb 
einer französisch-algerischen Födera¬ 
tion. Denn eine Föderation hätte das 
koloniale Veiiiältnis zwischen Algerien 
und Frankreich nicht aufgehoben, und 
die ökonomische Entwicklung wäre 
ausschließlich an die Interessen Frank¬ 
reichs gekoppelt geblieben. Sicherlich 
wird anläßlich der aktuellen Gewalt in 
Algerien, die gewaltkritische und anti- 
panarabische Position Camus wieder 
interessant, und es ist nicht verwun¬ 
derlich, daß in Algerien Intellektuelle 
Camus und seine Positionen zur »alge¬ 
rischen Frage« wiederentdecken. 

Desweiteren macht es sich Marin mit 
der Bewertung des algerischen Unab¬ 
hängigkeitkampfes zu leicht, dies wird 
besonders an dem Vergleich, den Marin 
mit Indien macht, deutlich. Marin unter¬ 
scheidet zwischen dem befreiungsna¬ 
tionalistischen Kampf in Algerien und 
dem antikolonialen Kampf in Indien. 
Die heutige Gewalt in Algerien erklärt 
Marin mit der Gewalt im Befreiungs¬ 
kampf. Und wie erklärt sich dann die 
Gewalt in heutigen Indien, durch die 
Gewaltlosigkeit Ghandis? 

Marin differenziert wie viele andere 
Anarchistinnen nicht in Befreiungs¬ 
praktiken und Freiheitspraktiken, diese 
können identisch sein, müssen es aber 
nicht. Gerade gewaltfreie Anarchist¬ 
innen gehen davon aus, daß die Mittel 
der Befreiung schon Bestandteil der 
zukünftigen Gesellschaft sein sollen/ 
müssen. Dabei haben Algerien und In¬ 
dien eines gemeinsam, nach der Unab¬ 
hängigkeitbildete sich ein Nationalstaat 
heraus, der rassistisch, patriarchal, ka¬ 


pitalistisch und nationalistisch war und 
ist. Und dies ist die Ursache für die 
Gewalt in Algerien und Indien, und 
nicht die Art der Befreiung. Weder in 
Indien noch in Algerien kam es zur 
Freiheit nach der Befreiung, dieses 
Problem halten auch die Sandinistlnnen 
in Nicaragua oder die erfolgreichen Be¬ 
freiungsbewegungen in Angola, Sim¬ 
babwe oder anderswo. Und obdie Anar- 
chosyndikalistlnnen in Spanien nach 
einem Sieg mehr Erfolg gehabt hätten, 
ist fraglich. Marin versucht dieses 
Problem auf die »Gewaltfrage« zu re¬ 
duzieren, doch dadurch wird eine pro¬ 
duktive Ausseinandersetzung über Pra- 
küken der Befreiung und der Freiheit 
erschwert. 

Dabei stellt sich eine weitere Frage, 
die nach der Beziehung von Freiheit 
und Moral bei Camus und Marin. Lou 
Marin schreibt in der Einleitung: »Wenn 
Gott tot ist und es keine vorgesellschaft- 
liche oder in der Natur des Menschen 
liegende moralische Instanz für die Be¬ 
urteilung menschlicher Handlungen 
mehr gibt, kann Freiheit sowohl zum 
freimütigen Morden der Nazis als auch 
zum befreienden Aufbegehren gegen 
die Ungerechtigkeit und die Natürlich¬ 
keit des Todes führen, zur Revolte - das 
philosophische Thema Camus’ 
schlechthin« (S.10). 

Die absolute Freiheit soll bei Camus 
durch eine ahistorische Moral in ihre 
Grenzen verwiesen werden. Hier stellen 
sich zwei Fragen: Gibt es überhaupt 
eine ahistorische Moral, eine Moral, 
die nicht hinterfragbar, nichtdisku-tier- 
bar, nicht veränderbar ist, und wenn ja, 
wo kommt sie her. Obwohl Camus 
Agnostiker ist hat er davon gesprochen, 
»daß ohne Gottesvorstellung keine ra¬ 
tionale Begründung und auch keine 
Praxis der Gewaltfreiheit möglich ist. 
Trotzdem sei es ihm nicht möglich 
gewesen, sich mit der Gottesidee anzu- 
feundeni (S. 199). Marin selbsttendieit 
dahin, »daß erst in der Revolte überhaupt 
ahistorische Werte - und dabei auch so 
etwas wie das Gewissen - gewonnen 
werden« (S. 234). Doch dann sind diese 
Werte eindeutig historisch, also nicht 
universell. Ebenfalls stellt sich die 
Frage, ob eine ahistorische Moral nicht 
Negation der Freiheit schlechthin be¬ 
deutet. G usta v Landauer schreibt in dem 
Artikel Etwas über Moral , der am 5. 
August 1893 im Sozialist erschien ist: 
«Moral ist also, was anfangt; Du sollst. 


(...) Es gibt kein unverbrüchliches ‘Du 
sollst’ für ein feien Menschen!« 

Das Leben und Werk von Camus hät¬ 
te sich für eine Auseinandersetzung m ii 
»Gewalt, Freiheit und Moral« angc- 
boten, doch dieses Thema hat Marin 
verschenkt. Auch etwas anderes bleibt 
uns Marin schuldig, das Verhältnis vom 
Ursprung der Revolte und die Trans¬ 
formation bestehender Gesellschaft. 
Das »Nein«-Sagen ist für Camus der 
Ursprung der Revolte, das nicht mehr 
ertragen, daß frau/mann selbst oder 
andere unterdrückt, erniedrigt, gequält 
oder ausgebeutet werden. Doch wie 
kommt Camus vom »Mein«-Sagcn zur 
Transformation der Gesellschaft, muß 
nicht aus dem Ursprung der Revolte 
eine Revolution oder mehrere Revolu¬ 
tionen werden? 

Markts Verdienst ist cs, den verges¬ 
senen libertären Camus vorzustcllen. 
Diese Buch bietet den licscrlnncn eine 
Reihe von Möglichfeiten für eigene 
Anschlüsse zu der Frage nach »Gewalt, 
Freiheit und Moral«, Es regt an, über 
die Fragen, die das Buch auTwirft, 
intensiv nachzudenken. Obwohl ich das 
Ruch in dieser Rezension eher kritisiert 
habe, möchte ich das Buch von Lou 
Marin trotzdem empfehlen, und cs 
produktiv für eine Auseinandersetzung 
zwischen »Freiheit« ! und »Moral« 
nutzen. 


Jürgen Mümken 


Lou Marin: Ursprung der Revolte 

Albert Camus und der Anarchismus 
Heidelberg 1998, Verlag Graswurzcl- 
werkstatt, 326 Seiten - 39,90 DM 


[50] SF 1/99 


Das Jüngste Gericht 
der Könige 


Pierre-Sylvain Marechals 
Abrechnung mit der 
Aristokratie 


von RattBumicki 



Foto: Jean-Marc Deilac 


Das Kommunistische Manifest von 
1848 war keine besondere Neuerung 
im Versuch, ökonomische Gleichheitals 
Prinzip einer künftigen Gesellschafts¬ 
ordnung durchzusetzen. 

Unter anderen war es Jahrzehnte zu¬ 
vor ein sogenanntes »Manifest der 
Gleichen«, das in Frankreich mit sozia¬ 
len Ungerechtigkeiten aufräumen und 
eine - diesbezüglich emanzipatorische- 
Gcscllschaftsordnung installieren woll¬ 
te. Sein Autor: Pierre - Sylvain Mar6chal 
(1750- 1803). 

Marechal war libertär, politischer 
Aktivist, Literat, militanter Atheist, 
Kritiker der repressiven Vcrlaufsrich- 
tung der französischen Revolution und 
ist heule fast gänzlich unbekannt. Mare- 
chal, Sohn eines Wcinhändlers, sollte 
allerdings »der erste sein, der seine anar¬ 
chistischen Ideen offen proklamierte 
und hcraussang«, so schreiben die Her¬ 
ausgeber seines jetzt wiederaufgelegten 

Theaterstücks »Das Jüngste Gericht der 

Könige«. Dieses Theaterstück, das 1793 
überall in Frankreich mit großem Erfolg 
nurgeführt wurde, entspricht den Ab¬ 
sichten des gleich mitabgcdruckten 
»Manifeste der Gleichen«. 

Kcmaussage des Manifeste: Gleich¬ 
heit aller vor dem Gesetz nützt einer 
Emanzipation der Subjekte noch wenig, 
wenn nicht zugleich eine ökonomische 
Gleichheit aller durchgesetzt wird. Erst 


dies wäre dann »faktische Gleichheit«. 
Das bedeuietdie Abschaff ung der Eliten 
und materieller Privilegien. Das Thea¬ 
terstück setzt dann ganz indirekt noch 
einen Satz hinzu: Mensch muß überdies 
imstande sein, die neue Chancengleich¬ 
heit im Sinne von Solidarität zu nutzen, 
Egoismus verhindert dies. 

Zum Theaterstück: Marechal ent¬ 
wickelt in seinem Theaterspiel die 
durchaus sympathische Vorstellung, 
alle europäischen Könige seiner Zeit 
sowie den Papst auf einer Insel auszu¬ 
setzen und sie ihrem Schicksal zu über¬ 
lassen. Um sich zu ernähren, müssten 
die Adeligen nun arbeiten bzw. ihr Le¬ 
ben gemeinsam organisieren, aber dazu 
kommt es nicht. Ihrer Dienerinnen be¬ 
raubt und unfähig, ihr Leben gemein¬ 
schaftlich zu gestalten, bricht ihr jewei¬ 
liger Egoismus und Herrschaftedrang 
aus und es kommt nur zu Zank und 
Streit. Da stürzt sich die russische Zarin 
Katharina auf den Papst, um ihn zu 
würgen, da holt der span ische König ein 
Stück Brot aus der Tasche und alle 
stürzen sich auf ihn, zuletzt fallen alle 
übereinander her auf der Suche nach 
Brot, das jede/r von ihnen bei sich ver¬ 
steckt haben könnte. Schließlich bricht 
ein Inselvulkan aus und beendet den 
wilden Reigen. 

Marechal zeigt mit diesem Theater¬ 
stück allerdings nicht nur die Unfähig¬ 


keit von Eliten, das Leben unegoistisch 
zu organisieren und dadurch ein Über¬ 
leben Aller zu gewährleisten, sondern 
er hält hier im Jahr 1793 indirekt auch 
eine Botschaft an die Genossinnen der 
französischen Revolution bereit. Und 
auf diese Botschaft hätten jene wohl 
mehr Aufmerksamkeit richten sollen: 
Die Gleichheit ökonomischer Voraus¬ 
setzungen (sehr zu ihrem Unwillen hat¬ 
ten die Adeligen ja genau diese öko¬ 
nomische Gleichheitauf der Insel!) muß 
einhergehen mit allgemeiner gegensei- 
üger Hilfe und solidarischem Verhalten. 
Ein umfassender emanzipatorischer 
Anspruch kann eben nicht nur eine An¬ 
gelegenheit der Ökonomie sein, sondern 
er muss durch die Fähigkeit der Indivi¬ 
duen zum. herrschaftsfreien Diskurs 
garantiert werden. Die Französische 
Revolution ist hieran ebenso gescheitert, 
wie die Adeligen in Marechals Thea¬ 
terstück. 


Pierre - Sylvain Marechal, Das Jüngste 
Gericht der Könige, überarbeitet vom 
Autorenkollektiv Müh-sam; Franktot/ 
M. 1998, ISBN 3-980 6407-2-8, Preis: 
7,90 DM. 

Bestelladresse: Verlag Edition AV’88, 
Postfach 500202, 60392 Frankfurt/M. 


$F 1/99 [51] 
























Anfang der achtziger Jahre des vergan¬ 
genen Jahrhunderts erschien in Leipzig 
die deutschsprachige Ausgabe einer 
medizinwissenschaftlichen Schrift des 
New Yorker Arztes George Beard unter 
dem Titel “Die Nervenschwäche-Neu¬ 
rasthenie Ihre Symptome, Natur, Fol¬ 
gezustände und Behandlung/* 

Damit war ein Krankheitsbild ge¬ 
danklich konstruiert, das ungewöhnlich 
rasch Karriere machte und offensicht¬ 
lich gerade in der damaligen deutschen 
Gesellschaft einem weitverbreiteten, 
zunächst selbstdiagnostischen Bedürf¬ 
nis entsprach. Das Zeitalter der Ner¬ 
vosität brach an, wobei nicht so recht 
auseinanderzuhalten war, ob bereue 
vorhandene Krankheitsgefühle nach 
dem Begriff der Neurasthenie suchten, 
oder ob es das rapide anschwellende 
“Schrifttum” über dieNervensch wäche 
war, das nervöse Leiden hervorbrachte. 
Ein schlüssiges medizinisches Konzept 
von Neurasthenie war nicht zu erkennen, 
die Deutungen schwankten zwischen 
neurologischen und psychiatrischen 
Sichtweisen. 

Symptome konnten benannt werden, 
Schlaflosigkeit, Unrast, Herzflattern, 
Magen- und Darmbeschwerden, Angst¬ 
gefühle, Schwächezustände; aber sic 
waren zu unspezifisch, als dass ein fest- 
umrissener Ursachenkomplex hätte 
identifiziert werden können. Der Begri ff 
der Neurasthenie blieb ohne Eindeutig¬ 
keit, in ihm verquickten sich authen¬ 
tische Leidenserfahrung und kulturelle 
Konstruktion; eben dies machte das neue 
Krankheitsbild so erfolgreich. Heil¬ 
stätten, Kuranstalten und Badeorte, die 
sich der Betreuung von Neurasthenikern 
widmeten, wuchsen bald zu einem flo¬ 
rierenden Bestandteil des Therapie¬ 
gewerbes an, obwohl strittig war, wie 
denn nun Nervenschwäche zu heilen 
sei. 

S igmund Freud bezeichnete in j ungen 
Jahren die Neurasthenie als die “aller¬ 
häufigste Zei tkrankheit”, August Bebel 
nannte sie die “Geißel des Jahrhun¬ 
derts”. Der damals volkstümliche Literat 
Otto Erich Hartleben reimte: " 'Raste nie, 
doch haste nie, sonst haste die Neu¬ 
rasthenie 

Inpopulären Lebenshilfetraktaten um 
die Jahrhundertwende war zu lesen, dass 
die “Nervenschwäche” alljährlich 
“mehr Opfer” fordere “als der blutigste 
Krieg”. In einer Zeitschrift für “Volks¬ 
gesundheit” hieß es: “Wohl fordern 


Cholera und Pest hunderttausende, Tu¬ 
berkulose, Alkoholismus und Syphilis 
Millionen an Opfern, doch nichts be¬ 
deuten sie alle gegen die täglich und 
stündlich fallenden Opfer der Nerven¬ 
schwäche \ 

Mit dieser im wilhelminischen 
Deutschland grassierenden Horrorvor¬ 
stellung von der Neurasthenie als Mas¬ 
senkrankheit setzt sich nun erstmals 
eine materialreiche historisch-kritische 
Studie auseinander. Der Autor, Joachim 
Radkau, an der Bielefelder Universität 
Neuere Geschichte lehrend, ist bereits 
mehrfach mit Arbeiten hervorgetreten, 
die sich thematisch auf ungewohnte 
Wege begaben und neue Quellen 
entdeckten,die bisher nicht in den Blick 
der Historikerzunft gekommen waren. 
Das ist auch bei dieser Studie der Fall. 
Ihr liegen vor allem Patientenakten zu¬ 
grunde, Aufzeichnungen aus Heil¬ 
stätten, Berichte von Medizinern, die 
Therapien für Neurastheniker ersonnen 
hatten. 

Es geht bei Radkau aber nicht um 
Medizingeschichte, nicht um den indi¬ 
viduellen Fall vermeintlicher oder tat¬ 
sächlicher Erkrankung, sondern um 
Kultur- und Mentalitätsgeschichte, um 


o 

den Zusammenhang von Krankheitsbild c 
und gesellschaftlicher Befindlichkeit, & 
von Leidensgefllhleo, Sinnsuchc und | 
politischen Konsequenzen. 5. 

Insbesondere interessierlRadkau sich g? 
für die Frage, ob die deutsche Entschci- g 
düng für den Krieg 1914 einen sozial- 3 
pathologischen Hintergrund haue, mit g 
anderen Worten; Schlug damals der 
Zweifel an der eigenen Nervenstarke 
um in den kriegerischen j Kraftakt? Jo¬ 
achim Radkau widmet seine Studie ei¬ 
nem Nestor der deutschen Geschichts¬ 
wissenschaft, nämlich Fritz Fischer. In 
dessen Werk ist, was den Ersten Welt¬ 
krieg angeht, die schärfste Kritik an 
deutsch-nationaler Verharmlosung wil¬ 
helminischer Aggressivität zu finden. 
Allerdings richteten sicti Fischers For¬ 
schungen auf die machtpolitischen Kal¬ 
küle der militärischen und wirtschaft¬ 
lichen Eliten des deutschen Reiches, 
auf die Herrschaftsabsichicn der poli¬ 
tischen Klasse,die kollektive politische 
Psychologie blieb bei ihm ausgcklam- 
mert Demgegenüber geht Radkau von 
der Annahme aus, dass sich eine ab¬ 
sichtsvolle Entfesselung des Ersten 
Weltkrieges durch Deutschland nicht - 
oder nicht allein- aus Ökonomischen 


[52] SF 1/99 








Expansionswünschen und politischen 
Statusintcresscn herleiten lassen. Der 
“Griff zur Weltmacht” sei zugleich ein 
“Sprung ins Dunkle” gewesen, ein Akt 
hochgradiger Irrationalität, und deren 
Ursache seien zu untersuchen. 

Das ist ein Forschungsansatz, der in 
den von Radkau vorgclegten Ergeb¬ 
nissen überzeugt. In den Vereinigten 
Staaten übrigens führte die “Entdek- 
kung” der Neurasthenie in den Jahr¬ 
zehnten vor und nach der Jahrhun¬ 
dertwende zu einem ganz anderen 
Diskurs als in Deutschland. George 

Board alsProtagonistdcrmedizinischen 

Beschäftigung mit Nervenschwäche 
hatte diese als Begleiterscheinung der 
modernen Zivilisation beschrieben, als 
nahezu unvermeidlich angesichts des 
technisch-industriellen Entwicklungs¬ 
tempos und des Leistungsdrucks, der 
dadurch hervorgerufen wurde. Über¬ 
reiztheit, in kontrollierbarem Umfange, 
erschien der amerikanischen Deutung 
nach als akzeptables Element einer 
modernen gesellschaftlichen Kultur,als 
normales Stressphänomen sozusagen. 
Zu kulturpcssimistischen Gefühlen, gar 
zu Befürchtungen einer gesellschaft¬ 
lichen Dekadenz bot dann die Nerven¬ 


schwäche keinen Grund; wo sie ins 
Krankhafte umschlug, sollte sie durch 
medizinische Behandlung auf das er¬ 
trägliche Maß reduziert werden. Der 
Begriff einer “nervösen Zivilisation” 
war also in den Vereinigten Staaten 
durchaus positiv besetzt, was den Blick 
auf die Risiken nicht ausschloß. Ganz 
anders verlief der Diskurs im wilhelmi¬ 
nischen Deutschland. 

Joachim Radkau führt in den dama¬ 
ligen deutschen Umgang mit der Neu¬ 
rasthenie am Fall des Eisernen 
Kanzlers” ein. Für Bismarck selbst war 
die Befindlichkeit seiner Nerven ein 
dauerhaftes Thema der Selbstreflexion: 



Ihm wird der Ausspruch zugeschrieben: 
“Ich bin ganz Nerven, und zwar derartig, 
dass Selbstbeherrschung die einzige 
Au fgabe meines Lebens geworden ist.” 

Der Psychologe Emst Kretschmer 
schilderte den Gründer des Deutschen 
Reiches als “Reckengestalt- ein Hüne 
mit dem Gehirn eines Neurasthe¬ 
nikers.. „einGenie, dessen Willenskraft 


gestachelt ist von seiner Nervenschwä¬ 
che.” 

Der zeitgenössischen und auch spä¬ 
teren politischen Verehrung Bismarcks 
tat dieses Bild keinen Abbruch, zumal - 
zunächst jedenfalls- die Neurasthenie 
als spezifische Anfälligkeit “großer 
Männer” galt, geistiger und politischer 
“Führer”, die sich selbst zuviel zumuten 
mussten. 

Die nervöse Reizbarkeit Bismarcks, 
die Tatsache sogar, daß dieser “eiserne 
Kanzler” von gelegentlichen Wein¬ 
krämpfen geplagt war, irritierte seine 
Verehrer nicht. Als der “Lotse” des 
deutschen Reichsschiffes “von Bord 
gegangen” war und dann die Bismarck- 
Türme der deutschen Politiklandschaft 
ihr nachhaltiges Gepräge gaben, bildete 
sich ein Bismarck-Bild heraus, das den 
Kanzler idealisierte und zugleich Kritik 
an der ihm nachfolgenden politischen ; 

Elite ausdrückte: Bismarck, so schien 
es, hatte die Nervosität der Zeit indi¬ 
viduell zu beherrschen verstanden, hatte 
sie ins Kampfesmutig- Entschlossene 
gewendet und damit das nervöse natio¬ 
nale Kollektiv gewissermaßen geheilt 
Der Mangel an politischer Entschlu߬ 
kraft aber, den “Bismarck- Deutsche” 
vielen wilhelminischenPolitikem nach¬ 
sagten, habe dann das Abgleiten der 
Nervosität ins Krankhafte heraufbe¬ 
schworen , dagegen helfe nur das “Stahl¬ 
bad”. So konnte der 1914 beginnende ! 

Krieg als Therapie begrüßt werden. 

Der deutsche Neurasthenie- Diskurs 
bezog sich in seiner ersten Phase auf die 
psychosomatische Situation von Män¬ 
nern. Diese galten aisstark; eben deshalb 
wurden sie auf fäll ig, wenn sie Schwäche 
zeigten. Überreiztheit bei Frauen hatte 
schon -medizinwissenschaftlich und 
populär- ihre geschlechtsspezifische 
Deutung gefunden, weibliche Hysterie 
war als Topos längst erfunden. Mit den 

KRIEGES 

Problemen männlicher Nervosität be¬ 
schäftigte sich um die Jahrhundertwen¬ 
de, auf Therapie sinnend, der Psycho¬ 
loge Paul Julius Möbius. Seine Überle¬ 
gungen zu weiblichen Seelenkrankheit 
hatte er mit dem Verdikt “unheilbar” 
bereits abgeschlossen; seine Schrift 
“Über den physiologischen Schwach¬ 
sinn des Weibes” machte Furore. 



SF 1/99 [53] 





Aber bei dieser Unterscheidung - 
Schwachsinn oder Hysterie als weib¬ 
liche, Nervenschwäche als männliche 
Erkrankung- blieb der Diskurs denn 
doch nicht, zumal George Beard bei 
seinen Fallstudien zur Neurasthenie bei 
Männern und Fauen auf die gleichen 
Symptome gestoßen war. Der männ¬ 
liche Gang zum Nervenarzt und die 
Nervenkur für Männer, die im wilhel¬ 
minischen Deutschland in gehobenen 
Schichten geradezu modisch wurden, 
verwiesen auf weiche oder schwache 
Stellen des angeblich so harten oder 
starken Geschlechtes, Frauen wurden 
so psychologisch ein bißchen entlastet. 

Q.TAHU 

Allerdings galt die Neurasthenie, die 
nun bei Männern auftrat, nicht als so 
schmachvoll wie “weibliche Hysterie”, 
der Abstand blieb hier gewahrt. Joachim 
Radkau schreibt: “Als guter Deutscher 
durfte man Bismarck wohl als Neuras¬ 
theniker, nicht aber als Hysteriker 
einstufen.” 

Der Neurastheniediskurs hatte aber 
zur Folge, dass weibliche Verhaltens¬ 
weisen, die bis dahin als “hysterisch' 
abgetan wurden, nun als Ausdrucks¬ 
formen von Nervenschwäche aufge¬ 
wertet wurden. Joachim Radkau meint: 
“So besehen, ist die Neurastheniewelle 
gegen Ende des 19:Jahrhundcrts eines 
der Indizien dafür, dass die Geschlech¬ 
terrollen und die Arbeits : und Lebens¬ 
weit der Geschlechter, die sich in jenem 
Jahrhundert zunächst auseinanderent¬ 
wickelt hatten, sich wieder anzunähem 
begannen... Männer sahen sich mehr 
als bisher einer Art Belastung ausge¬ 
setzt, die zuvor eher das Dasein der 
Frauen charakterisierte. Die totale Aus¬ 
füllung der Zeit, die ewige “Eile” und 
die Zersplitterung der Aufmerksamkeit 
-dieses ständig-zu-tun-haben, dieses 
Hin und Her und an-mehreres-zugleic.. 
denken-müssen war bis dahin eher für 
die Welt der Frau typisch; jetzt musste 
sich auch eine wachsende Zahl von 
Männern mit diesem Streßtypus he¬ 
rumschlagen.” 

Dennoch behielten die Männer im 
damaligen Diskurs über Ursachen und 
Folgen der Nervenschwäche ihr Reser¬ 
vat, dort nämlich, wo es um den Zusam¬ 
menhang von Neurasthenie und Sexu¬ 
alität ging. Diese Thematisierung fand 


sich schon bei George Beard; er hatte 
die “sexuelle Neurasthenie” zur “wich¬ 
tigsten aller Neurasthenieformen” er¬ 
klärt. 

Äußerungen von Angst über die “ner¬ 
venschwächenden Folgen der Mastur¬ 
bation” und vor “Impotenz als Folge 
von Nervenschwäche” gehörten, wie 
Radkau darlegt, zum Standard männ¬ 
licher Patientengeschichten. Das aber 
galt als ein den Frauen verschlossenes 
Terrain; Frauen, “anständige” jeden¬ 
falls, waren als asexuelle Wesen de¬ 
finiert. 

Hier ist ein diskursiver Zusammen¬ 
hang mit damaligen Ideen zur sozial- 
strukturellen Verortung der Neurasthe¬ 
nie zu erkennen. Als das Krankheitsbild 
Karriere machte, war es zunächst den 
gehobenen Schichten zugedacht; über¬ 
fordet, so wurde angenommen, könnten 
am ehesten Politiker, Wimchaftsführer, 
höhere und hohe Beamte und Wissen¬ 
schaftler sein, vielleicht auch deren 
Frauen, weil sie den Männern seelische 
Lasten abzunehmen hatten. Aber in 
sexuellen Nöten konnten Frauen dieser 
Schichten nicht sein, schon deshalb 
nicht, weil ihnen ein Triebleben nicht 
zustand; dafür waren auf der weiblichen 
Seite der Gesellschaft andere Wesen 
zuständig. Die Konstruktion, dass Ner¬ 
venschwäche ein Problem, aber auch 
ein Privileg der oberen sozialen Status¬ 
gruppen sei, lies sich aber auf Dauer 
nicht aufrechterhalten. Es wurde eine 
Art Eigendynamik medizinischer Be¬ 
treuung wirksam; Ärzte, Sanatorien und 
Kurorte brauchten ein expandierendes 
neurasthenisches Klientel. 

Derprofessionelleundjcommerzielle 
Blick richtete sich auf neue Kundschaft 
in den mittleren Rängen der Gesell¬ 
schaft, und es schien ja plausibel, daß 
dort in wachsendem Umfange nervliche 

NFD\/ 

Belastungen auftraten, mit Krankheits¬ 
folgen; bei Lokomtivführem zum Bei¬ 
spiel, oder bei Telefonistinnen; bei den 
Pädagogen, den Finanzbeamten und den 
kaufmännischen Bürovorstehern,mög¬ 
licherweise sogar bei den Offizieren 
und Unteroffizieren. Sie alle standen 
unter dem Druck der Anforderungen 
einer sich durchsetzenden Industriege¬ 
sellschaft, mit ihrer anwachsenden 
Bevölkerungszahl, jhrem gesteigerten 


Tempo, ihrer neuen Techniken. Da 
konnten diejenigen, die dieses alles im 
Griff halten sollten, schon mal die 
Nerven verlieren. 

Joachim Radkau konstatiert eine 
“Demokratisierung” der Neurasthenie, 
indem diese als Masscncrschcinung 
auch in mittleren und unteren Schichten 
gesichtet worden sei; er zitiert einen 
Experten, der 1903 schrieb: “Die Neu¬ 
rasthenie ist hinabgestiegen in die brei¬ 
teren Schichten des Volkes, das wissen 
die Ärzte -und die Krankenkassen.” So 
konnte also die Vorstellung aufkom- 
men, Nervenschwäche breite sich, klas- 
senübergreifend,wiccincEpidcmicaus. 

Aber war daraus unbedingt der S chlu ß 
zu ziehen, die deutsche Gesellschaft 
gerate in eine Bcsiandskrisc? Warum 
mündete in Deutschland, anders als in 
den Vereinigten Staaten, der Ncuras- 
theniediskurs in 1 einen völkischen Kul¬ 
turpessimismus ein, der nicht mehr auf 
Heilung von Zivilisationsschäden, son¬ 
dern auf den Bruch mit der Zivilisation 
abzielte? 

Wil man auf diese Frage ci n e An lwort 
finden, so ist der besondere Verlauf der 
Umformung zu einer Industricgcscll- 
schaft in Deutschland zu bedenken, ein 



Aspekt, der in der Studie von Radkau 
zu wenig Beachtung findet. 

Der deutsche Nationalstaat als Rah¬ 
men für eine forcierte industrielle und 
technische Entwicklung war, verglichen 
mit anderen wirtschaftlich potenten 
Ländern, erst relativ spät zustande ge¬ 
kommen, nämlich 1871. Seine Grün¬ 
dung entsprach den Wünschen der auf¬ 
strebenden wirtschaftlichen Eliten,auch 
der Mehrheit des Bürgertums und der 
Arbeiterschaft; aber die Konsti tuicrung 
des Deutschen! Reiches -des “Bis¬ 
marckreiches”- war nicht einer “bür¬ 
gerlichen Revolution” und nicht einer 
Volksbewegung zu verdanken. Es 
waren feudale Machtgruppen, die den 
historisch-politischen Prozeß steuerten 
undauch bei den verfassungspolitischen 
Entscheidungenden Ausschlag gaben. 
Der Aufschwung zu einer führenden 
Industrienation geschah unterder Regie 
des Obrigkeitsstaatc. Dem deutschen 
Bürgertum fehlte jenes Sclbstbcwußt- 
sein, das bürgerliche Schichten in Groß- 


[54] SF 1/99 








britannien, Frankreich und den Verei¬ 
nigten Staaten aus ihren reformerisch 
oder revolutionär erreichten histori- 


vom Staat als “gemeingefährlich aus- 
gegrenzl, der deutsche politische Ka¬ 
tholizismus trug die Hypothek des 
“Kulturkampfes” mit sich. 

Aus alledem resultierten massive in¬ 
nere Konflikte und Widersprüche der 
deutschen Gesellschaft in wilhelmini¬ 
schen Zei ten, trotz al 1er wirtschaftlichen 
Erfolge und sozialen Verbesserungen. 
Eine auch kulturelle Krisenstimmung 
lag in dieser Situation nahe, und sie zog 
ihre Nahrung aus dem durchaus realis¬ 
tischen Gefühl, der gesellschaftlichen 
Verfassung des Deutschen Reiches 
mangele cs an Stabilität, auch an Legi¬ 
timation. 

Hinzu kam, dass intellektuell ambi¬ 
tionierte Schichten im deutschen Bil- 
dungs- und Kleinbürgertum von der 
hochbeschleunigten industriell-techni- 

HWÄCHE 

sehen Entwicklung nach 1871 offenbar 
mental überfordert war. Das “Unbeha¬ 
gen” an dieser neuen “Zivilisation ar¬ 
tikulierte sich in vielerlei “Reformbe¬ 
wegungen”, die um die Jahrhundert¬ 
wende gerade in Deutschland eine 
Hochkonjunktur erhielten und “Na¬ 
türlichkeit” auf ihre Fahnen schrieben. 
Es ging dabei, mehr oder weniger rea¬ 
listisch, um “gesunde” Lebensweise, 
Ernährung, Medizin; auch um “Wieder- 
beheimatung” in Zeiten des stürmischen 
Wandels. Die Brisanz solcher Hoff¬ 
nungen lag in ihrer völkischen Ausrich¬ 
tung, also in dem Gedanken, “deutsche 
Natürlichkeit” sei der “westlichen De¬ 
kadenz” cntgegenzustellen. Unter sol¬ 
chen ideologischen Bedingungen mußte 
das Erlebnis von Nervenschwäche m 
Deutschlend besonders bedrängend 
wirken, und je mehr öffentlich die Rede 
von Neurasthenie war, desto größer 
wurde das Bedürfnis, sich durch eine 

heroische politische Demonstration von 

Stärke kollektive Selbstheilung zu ver¬ 


schaffen. 

Mit diesem Gedanken sind wir wieder 
bei der Studie von Joachim Radkau. 
Darin wird nachgezeichnet, wie Neu- 


also in einen politischen Diskurs sich 
verwandelte. Die Voraussetzung dafür 
war, daß gesellschaftliche Verhältnisse 
mit Kategorien der Körperlichkeit be¬ 
griffen und bewertet wurden. Politik 
erschien als krank oder als gesund, und 
politische Nervosität zeigte demnach 
heftige Schwankungen zwischen kran¬ 
ken oder gesunden gesellschaftlichen 
Entscheidungen an. 

Als exemplarischer Fall konnte da 
Kaiser Wilhelm II. ins Auge gefasst 
werden. Viele zeitgenössische Beob¬ 
achter stellten des Kaisers Unrast, 
Unstetigkeit und Unberechenbarkeit 
heraus, Majestät galt allenthalben als 
besonders nervös. Da war eine Therapie 
angesagt, und sie mußte den Kaiser 
nahegebracht werden. Der Alldeutsche 
Verband, Netzwerk des deutschen 
Nationalismus, brachte in Massen¬ 
auflage ein Buch heraus, das den Titel 
trug: “Wenn ich der Kaiser war'”. Darin 
wurden seiner Majestät politische Re¬ 
zepturen angeboten: Entschlossenheit 
zur Gewalt gegen alle inneren und äus¬ 
seren Feinde, kraftvolles Bekennntnis 
zum deutschen Weltmachtanspruch, 
Bereitschaft zum Krieg. Die Medizin, 
zu der Wilhelm II. greifen sollte, enthielt 
auch schon antisemiüscheBeimischun- 
gen, di ffuse politische Wahrnehmungen 
der Feinde Deutschlands konnten, so 
schreibt Radkau, zu dem einen Feindbild 
vom internationalen Judentum ver¬ 
schmolzen werden. 

In den Jahren vor dem I. Weltkrieg 
breitete sich unter deutschen “Geistes¬ 
arbeitern”, wie sie nun schon genannt 
wurden, die Vorstellung aus, daß die 
Drohung mitdem Krieg und, wenn diese 
zur Demütigung der Feinde nicht reich¬ 
te, der Entschluß zum Krieg selbst die 
Verhaltensweisen seien, mit denen po¬ 
litische Nervosität kuriert werden kön¬ 
ne. Der therapeutische Verlauf war so 
gedacht: Die Entscheidung für den 
Krieg, für dessen Androhung oder In¬ 
gangsetzung, stellt Führungsmenschen 
auf die äußerste Nervenprobe -und sie 


gehen daraus als gestählte Willens¬ 
menschen hervor. 

Als der Erste Weltkrieg begann, wur¬ 
de daraus so etwas wie ein Kurbetrieb 
für die Massen -die Wiedergewinnung 
von Nervenstärke durch das “Stahlbad”. 
Alles Weiche sollte nun im kriege¬ 
rischen Härtetest verschwinden. Ob mit 
dem Kriegsbeginn im August 1914 in 
der deutschen Bevölkerung jene Eu¬ 
phorie verbunden war, die in der Lite¬ 
ratur so gern beschrieben und ge würdigt 
wurde, mag dahingestellt bleiben; 
diskursgeschichtlich jedenfalls hatte das 
Bild von der psychischen Heilkraft des 
Eintritts ins kriegerische Leben hohe 
Bedeutung. Die “Ideen von 1914” waren 
auch schon in dieser Hinsicht schon 
vorbereitet. Im deutschen Bildungs¬ 
bürgertum war die Vorstellung überlie¬ 
fert, ein allzu langer Friedenszustand 
beschädige die Willenskraft der Men¬ 
schen, zerrütte die Nerven. 

Als nun der Krieg diesem Jammer ein 
Ende machte, grassierte in Deutschland, 
wie Joachim Radkau schreibt, “ein 
pseudomediziniseher Bellizisraus, der 
aus der Balneologie die Stahlted-Me¬ 
tapher übernahm”. Radkau zitiert den 
berühmten Neurologen Albert Eulen¬ 
berg, der damals den Krieg als ein “mit 
fast allmäch tiger Heilkraft ausgerüstetes 
Stahlbad für die im Staub langer Frie¬ 
densjahre verdorrenden Nerven” be¬ 
schrieb. Und ein prominenter Nerven¬ 
arzt berichtete im Herbst 1914: “Ich 
hatte eine Reihe nervenschwacher Jüng¬ 
linge im Laufe des letzten Jahres und 
zur Zeit des Ausbruches des Krieges in 
Behandlung, ängstliche, kleinmütige, 
zaudernde, willensschwache Men¬ 
schenkinder, deren Bewußtseins- und 
Gefühlsinhalt nur durch das eigene Ich 
bestimmt war und die in Klagen über 
körperliches und seelische Weh sich 
erschöpften. Da kam der Krieg. Das 

KRlE© 

Krankhafte fiel wie mit einem Schlage 
von ihnen ab.” Nicht nur bei Kriegs¬ 
teilnehmern stellte sich, will man zeit¬ 
genössischen Aufzeichnungen folgen, 
diese heilende Wirkung her. Marianne 
Weber notiert, dass der Krieg den 
Nerven ihres Mannes, des prominenten 
Soziologen, “auf wundersame Weise 
wohlgetan” habe. 


sehen Erfolgen gewonnen hatten. Der .... ~ . 

deutsche Liberalismus war schwach, rasthenie zum politischen Deutungs- 
dic deutsche Arbeiterbewegung war muster wurde, der medizinische Diskurs 

BI5MAKL.K. 





Bei solchen Berichten über Heiler¬ 
folge der Kur des Krieges wird man 
vorsichtig sein müssen, was den Reali¬ 
tätsgehalt angeht. Es ist kaum auszu¬ 
machen, inwieweit es sich dabei um 
Interpretationen von außen oder um die 

KUR 

Wiedergabe von authentischen Gefüh¬ 
len der Betroffenen handelt. Zudem 
werden von Patienten, wenn man hier 
von solchen reden will, Fremddeu¬ 
tungen häufig in Selbstbilder umgesetzt 
Soweit es um Menschen ging, die in die 
Kriegshandlungen unmittelbar hinein¬ 
gestellt waren, ist es plausibel, dass sie 
sich nun auf die Sorge unTs Überleben 
konzentrieren mußten und manche 
Vorkriegssorgen beiseitelegten. Joa¬ 
chim Radkau beschreibt dies, ein bis¬ 
chen zynisch, so: “Unter den Beding¬ 
ungen des Krieges entfielen wesentliche 
Elemente der zivilen Neurasthenie, an 
erster Stelle der Druck der Berufs- und 
Eheprobleme. Im Anblick des Todes 
lernte man das nackte Leben zu schätzen 
und vergaß die ängstliche Beobachtung 
der vielen kleinen Molesten. Wo Gra¬ 
naten flogen, ärgerte man sich nicht 
mehr über die Fliege an der Wand. Im 
Kanonendonner verschwanden die 
Onaniesorgen.” 

Die neurasthenischen Beschwerden, 
die vor dem Kriege medizinisch re¬ 
gistriert worden waren, gingen also zu¬ 
rück. Aber deshalb war der Krieg, auch 
psychologisch betrachtet, noch nicht 
“gesund”, im Gegenteil, er brachte in 
Massen psychosomatische Erkran¬ 
kungen hervor. Joachim 


Radkau 

beschreibt diesen Vorgang, er verweist 
auf die Hunderttausende von soge¬ 
nannten “Kriegszitterem”, also Soldaten 
mit massiven motorischen Störungen. 
Die “Kriegskur” erwies sich für zahllose 
Menschen, die freiwillig oder unfrei¬ 
willig an ihr teilnahmen, als tödliche 
Falle; aber auch die Überlebenden ka¬ 
men zumeist, physisch und psychisch, 
nicht ohne Beschädigungen davon. Der 
Mythos vom “Stahlbad” verlor dadurch 


aber nicht seine Langzeitwirkung; da¬ 
von wird noch die Rede sein. Der deut¬ 
sche Kaiser hatte vor Beginn des Ersten 
Weltkrieges die These aufgestellt, dies 
sei die Epoche, wo über den kriege¬ 
rischen Erfolg oder Mißerfolg die nerv¬ 
liche Verfassung entscheide. Selbst¬ 
verständlich nahm er an, daß in dieser 
Hinsicht die deutsche militärische und 
politische Führung die bessere Ausstat¬ 
tung vorzuweisen habe, trotz mancher 
nervösen Anfälligkeiten in Friedens¬ 
zeiten. 

Später hatte die deutsche Elite Anläs¬ 
se zur neurasthenischen Selbstkritik, 
und diese verwandelte sich in eine Art 
inneren Dolchstoßlegende. Über den 
Militärstrategen Moltke, den jüngeren, 
wurde gesagt, er sei nach dem “Wunder 
an der Marne” im September 1914 auf¬ 
grund seiner “verheerenden Nervosi¬ 
tät” handlungsunfähig geworden und 
habe damit das deutsche Kriegsgiück 
verspielt. Vier Jahre später wurde über 
den eigentlichen militärischen Führer 
Deutschlands, den Generalquartier¬ 
meister Ludendorff gesagt, er habe “die 
Nerven verloren” und deshalb auf ein 
Waffenstillstandsabkommen gedrängt, 
obwohl doch das deutsche Heer im Felde 
noch “unbesiegt gewesen” sei. Tat¬ 
sächlich befand sich Ludendorff im 
Herbst 1918 in nervenärztlicher Be¬ 
handlung, aber es war keine nervöse 
Fehleinschätzung, die ihn zu der Mei¬ 
nung brachte, Deutschland könne den 
Krieg nicht mehr gewinnen; es handelte 
sich um eine militärfachliche Erkennt¬ 
nis. Umso übler nimmt es sich aus, dass 
Ludendorff später die demagogisch 
wirksame “äußere” Dolchstoßlegende 
unters Volk brachte, die Deutung also, 
Deutschland sei nur deshalb um den 


Sieg gebracht worden, weil deutsche 
Sozialisten und Pazifisten die “Wehr¬ 
kraft zersetzt” hätten. 

Auch wenn bei Moltke und Luden¬ 
dorff die Heilung der Nervenschwäche 
durch den Krieg als neurasthenisch- 
politisches Konzept offenbar nicht zu 
Erfolg gekommen war, kam der“Stahl - 
bad”-Mythos nach 1918 bald wieder zu 
Ehren und wurde zu einer wichtigen 
Komponente der nationalistisch-völ¬ 


kischen und dann auch zur national¬ 
sozialistischen Ideologie. 

Adolf Hitler gab diesem Mythos in 
seinem Buch “Mein Kampf’ eine Aus¬ 
drucksform, die für die psychologische 
Vorbereitung auf den Zweiten Welt¬ 
kriegorientierend herangezogen wurde. 
Bei Hitler heißtes über seine Empfind¬ 
ungen im Ersten Weltkrieg: “An Stelle 
der Schtehtenrom antik war das Grauen 
getreten. Die Begeisterung kühlte all¬ 
mählich ab, und der überschwengliche 
J übel wurde erstickt von der Todesangst. 
Es kam die Zeit, da jeder zu ringen halte 
zwischen den Trieb der Selbstcrhaltung 
und dem Mahnen der Pflicht... Je mehr 
sich aber die Stimme, die zur Vorsicht 
mahnte, mühte, je lauter und eindring¬ 
licher sie lockte, umso schärfer ward 
dann der Widerstand, bis endlich nach 
langem inneren Streit das Pflichtbe¬ 
wußtem den Sieg davon trug. Schon 
im Winter 1915/16 war bei mir dieser 
Kampf entschieden. Der Wille war 
endlich restlos Herr geworden... Nun 
konnte das Schicksal zu den letzten 
Proben schreiten, ohne dass die Nerven 
rissen und der Verstand versagte.” 

Pflicht und Verstand traten der natio¬ 
nalsozialistischen Ideologie nach im 
unbedingten Willen zur großdeutschen 
Macht zusammen; um diese kämpfe¬ 
risch durchzusetzen, bedufte cs gestähl¬ 
ter Nerven. Mit dem “Dritten Reich”, 
so wollten Hitierund seine Gefolgschaft, 
sollte das “Zeitalter der Nervosität” für 
die Deutschen vorüber sein. 

Durchaus zutreffend ist der Unterti¬ 
tel der Studie von Joachim Radkau: 
“Deutschland zwischen Bismarck und 
Hitler“, obwohl von der Zeit des Natio¬ 
nalsozialismus in dem Buch kaum die 
Rede ist Mit seiner Analyse des Neu- 
rastheniediskurscs und dessen poli¬ 
tischen Bedeutungen, vornehmlich in 
der wilhelminischen Ära, eröffnet 
Radkau eine neue Sicht auf die Entste¬ 
hungsgeschichte des Ersten Weltkrie¬ 
ges und die Vorgeschichte des “Dritten 
Reiches”, auf die “Überwindung der 
Nervosität als nationale Aktion”. 


Joachim Radkau 
Das Zeitalter der Nervosität 
Deutschland zwischen Bismarck und Hitler 
Carl Hauser Verlag, München 1998, 

68,- DM 


SCHWACHE 


[56] SF 1/99 






Am 8. Februar 1976 starb der britische 
Staatsbürger Hermann Knüfken im 
Badeort Brighton. Seine Asche wurde 
in Kopenhagen - in Nähe der Meer¬ 
jungfrau - ins Meer gestreut. Dänemark 
blieb für ihn das “idealeLand” ,daß ihm 
“zwischen den verschiedenen Expedi¬ 
tionen ins Ungewisse mehr oder weniger 
freiwillig Asyl” gegeben hatte. In seinem 
Geburtsland Deutschland nahm nie¬ 
mand Notiz von dem Tod des Mannes, 
der im Widerstand gegen den National¬ 
sozialismuseine herausragende Bedeu- 
lung hatte. 1 In historischen Standard¬ 
werken sucht man vergeblich seinen 
Namen. Erst durch den Fi Im des Sch we¬ 
rten Staffan Lamm erfuhrdie Öffentlich¬ 
keit etwas über das abenteuerliche Le¬ 
ben des Seemanns und Revolutionärs 
Hermann Knüfken. 2 

Am 9. Februar 1893 wurde Hermann 
Knüfken in Düsseldorf geboren. Wenige 
Monate nach seiner Geburt starb der 


Vater an Tuberkulose. Not und Ent¬ 
behrung bestimmten fortan seine Kind¬ 
heit. Die Mutter, eine sehr religiöse 
Frau, ernährte ihre fünf Söhne mühsam 
als Putzfrau. Die Kinder mußten schon 
frühzeitig zum Lebensunterhalt der Fa¬ 
milie beitragen. Nach Beendigung sei¬ 
ner Schulzeit brach Hermann Knüfken 
aus diesen beschränkten Verhältnissen 
aus. Er mustert als Schiffsjunge auf ei¬ 
nem Fischdampfer an. Dem harten und 
entbehrungsreichen Leben als Seemann 
konnte er seine positive Seiten abgewin¬ 
nen. Er war interessiert an allen see¬ 
männischen Fragen und lernte sechs 
Sprachen. 

Folgt man seinen Memoiren, so war 
er schon in jungen Jahren ein radikaler 
Sozialist, der sich den Idealen des prole¬ 
tarischen Internationalismus und nicht 
seinem * Vaterland verpflichtet fühlte. 
Als er im August 1914 zwangsweise 
zur Marine eingezogen wurde, war er 
enttäuscht über die Kriegsbegeisterung 


dereingezogenenReservisten,die “an¬ 
statt die ‘Internationale ' zu singen und 
auf die Barrikaden zu gehen, oder in 
den Generalstreik gegen die Mobil¬ 
machung zu treten” , mit “heiseren Stim¬ 
men und blauen Gesichtern” das 
Deutschlandlied sangen. 

Dem Dienst auf einem Panzerkreuzer 
entging Knüfken durch die Meldung zu 
einem Vermessungskursus. Als Ver¬ 
messungsgast wurde er auf der “S.M.S. 
‘Hyäne’” eingesetzt. Zu Beginn des 


1 Hermann Knüfken: Memoiren o.O, oJ. 

' Soweit nicht anders angi^^Ä||ÄÄÄ 
: ' v '- folgenden Zitate aus den Memoiren 
Knüfkens. Es handelt sich dabei um ein 

trägt und ein 27 Seit^lsii^^^ä 
Manuskript in englischer Sprache mit 
■; dem : 'Titel “Inside Secretfi|^^||5;||;'^ 

2 ' Vgl. dasManuskriptzumFilmvonStaf- 

fan Lamm: Ein ■ Mann 
(A Man called Friday), Das abenteuer¬ 
liche Leben des Seemanns und Revo¬ 
lutionärs Hermann Knüfken, Norddeut- 
gscher R 


Foto: Jean Michel Fauquet 









Krieges gab es unter den 124 Besa- 
tzungsmitgliedem der “Hyäne” nur 
vier Kriegsgegner - “keine Pazifisten” 
die sich in einer wichtigen Frage einig 
waren: " Wie kann der Krieg beendet 
werden? Die Antwort darauf war: 
DurchZersetzung der Wehrmacht!Da¬ 
ran wurde gearbeitet. Und wir ließen 
uns durch nichts stören. Deutschland 
darf den Krieg nicht gewinnen, das war 
imGroßen und Ganzen unsere Parole.” 

Auf der “Hyäne” und vielen anderen 
Schiffen wurden revolutionäre Gruppen 
gebildet, deren gewählte Vertrauens¬ 
männer untereinander in Verbindung 
standen. Daraus entwickelte sich lang- 


1Z3W 


Themenschwerpunkte 1999: 

* Turbulenzen im Weltmarkt 

► Neoliberalismus, was nun? 

► Global Cities 

► Gesellschaft und Alter 

► Das Jahrhundert der Lager 

► KulturlndustriePolitik 

* 2000 Reisen - Reisen 2000 

► Politik sexueller Identitäten 

Einzelheft DM 8,- ► Abo DM 60,- 
erhältlich im linken Buchhandel, in 
Dritte-Welt-Läden oder direkt beim 

iz3W ► PF 5328 • D-79020 Freiburg 
Telefon (0761) 74003 * Fax 709866 
E-Mail: iz3wfreiburg@t-0nline.de 
Internet: http://www.r0lf.de/iz3w 

Sx . 

iz 3 w-Aboauftrag 

□ ich abonniere die iz3w 

blätter des informationszentrums 3. weit 

□ jahresabo {8 Ausgaben) DM 60,- 

□ Jahresabo {8 Ausgaben) erm. DM 50,- 
(europäisches Ausland + DM io,- 
andere Länder + DM 30,- Porto/ Jahr) 

□ Förderabo für DM 100,-/Jahr 

□ Probeabo: 3 Ausgaben für DM 15,- 

Name ... 

PLZ/Ort .. 

Straße . 

Unterschrift . 

Datum ... 

Ich weiß, daß ich diese Bestellung innerhalb 
einer Woche widerrufen kann. 

Unterschrift, Datum 


izjw ► Politik, Ökonomie und 
Kultur zwischen Nord und Süd 


sam eine illegale Organisation, an deren 
Spitze ein leitendes “Kommtee” stand. 
Die Agitation der revolutionären Grup¬ 
pen fand mit zunehmender Kriegsdauer 
immer mehr Anhänger. Das schlechte 
Essen und vor allem die demütigende 
Behandlung durch Vorgesetzte schürte 
die Unzufriedenheit unter den Besatz¬ 
ungen. “Was kein Buch t keine Zeitung 
und kein Sozialist vermocht haf\ 
schrieb 1917 der national und christlich 
eingestellte Matrose Richard Stumpf in 
sein Tagebuch, “das gelang dem Sys¬ 
tem des Militärs, ich habe diese Auto¬ 
rität hassen und verachten gelernt wie 
nichts auf der Welt” ? 

Nach der Skagerrak-Schlacht 1916, 
die von der Admiralität aber nicht von 
den Matrosen als Sieg empfunden wur¬ 
de, setzte sich unter den “aktiven Ele¬ 
menten” derHochseeflottederGedanke 
durch, “den Krieg durch offenen Wider¬ 
stand zu beenden” . Knüfken und seine 
Genossen planten die “Hyäne” nach 
Dänemark zu entführen. Diese “ Dem¬ 
onstration für die ganze Welt” wurde 
dann “unglücklicherweise zu einer 
Flucht” , Einer der Mitwisser hatte “Ge¬ 
wissensbisse” bekommen und dem 
Kommandanten ein “teilweises Ge¬ 
ständnis” gemacht. Knüfken flüchtete 
mit vier Genossen im Mai 1917 nach 
Dänemark. Bereitwillig gab er Journa¬ 
listen und auch Agenten des britischen 
Nachrichtendienstes Informationen 
über die Marine: “Das Ziel war ein ge¬ 
meinsames. Die militärische Niederlage 
der deutschen Kriegsmacht. Wir konn¬ 
ten Zusammenarbeiten. Ob wir Skrupel 
hatten? Keine Idee! Als Deutsche 
wußten wir, daß der Krieg kein Vertei¬ 
digungskrieg war.” 

Die kaiserliche Regierung hatte 1917 
eine Amnestie für alle freiwillig zurück¬ 
kehrenden Deserteure erlassen. Knüf¬ 
ken und sein Freund nutzten diese Ge¬ 
legenheit und kehrten im August 1917 
wieder nach Deutschland zurück. Sie 
wollten aktiv für die Beendigung des 
Krieges arbeiten. Während ihrer Ab¬ 
wesenheit war es im Sommer 1917 zur 
ersten Meuterei in der Marine gekom¬ 
men. Das Oberkommando der Marine 
reagierte mit drakonischen Strafen. Die 
Matrosen Köbis und Reichpietsch 
wurden erschossen, hunderte andere zu 
langen Zuchthausstrafen verurteilt 
Aber auch durch diese “Schreckens- 
urteile” konnte die illegale Bewegung 
nicht mehr unterdrückt werden. “Die 


Stimmung war verbittert und nach der 
Meuterei nicht besser geworden ”, 
erinnerte sich Knüfken. “Sehr viele 
Freunde vertraten auf den illegalen Zu¬ 
sammenkünften die Meinung, daß die 
mitiimscheNiederlage allein zum Zu¬ 
sammenbruch und Umsturz führen kön¬ 
ne . Wohingegen ich und andere die 
Meinung vertraten, man muß mit allen 
Mittelnftr die Niederlage arbeiten. Es 
ist Unsinn auf die Niederlage zu war¬ 
tenC 

ZudiesemZwcck brach Knüfken mit 
einem Freund im Oktober 1917 zu einer 
zweiten Reise nach Dänemark auf. In 
Nähe der Grenze wurden sie verhaftet. 
Nun drehte ihnen dicTodcsstrafe wegen 
Landesverrats. Was sie rettete, war die 
“geistige Armut” der deutschen Spio¬ 
nageabwehr, die der Meinung war, sie 
könnte “sich in irgendetwas einschal¬ 
ten , in Verbindungen, die zwischen 
Deutschland^ und dem feindlichen 
Ausland bestanden.” Als sich diese 
Vermutung als falsch erwies, wurde 
Knüfken in Kiel von aufständischen 
Matrosen aus dem Gefängnis befreit. 

Ende Oktober 1918 widersetzten sich 
die Besatzungen der deutschen Hoch¬ 
seeflotte in Wilhelmshaven den Be¬ 
fehlen ihrer Offiziere in Sec zu stechen 
und gegen die englische Flotte zu 
kämpfen. Die Meuterei entwickelte sich 
wenige Tage später in Kiel zu einem 
Aufstand, der sich schnell auf die 
Küstenstidte und das nordrhein-west- 
fflische Industriegebiet ausdehnte und 
sehlieBIich zum Sturz der kaiserlichen 
Regierung führte. Von den Matrosen 
ging in vielen S tüdten Deu tschlands der 
ImpulszurGründung von Arbeiter- und 
Soldatenräten aus. Knüfken gehörte zu 
einer Gruppe, d i c am 5. November 1918 
in Brunsbüttel 287 Offiziere des II. 
Geschwaders entwaffnete und 
festsetzte. Ober die Rolle der Matrosen 
in der Novemberrevolution schrieb er 

rückblickend . 1 

“Sie waren die Träger der Idee der 
Widersetzlichkeit gegen den deutschen 
Militarismus . Mit ihren (wenn auch 
manchmal sinnlosen) Schiesscrcien 
taten sie das einzige und allein richtige 
was zu tun übrig geblieben war, sie 
zeigten dem deutschen Untertan die 
Ohnmacht der herrschenden Klasse. 
Es war der Aufstand der ‘vatcrlands- 
losen Gesellen', deren Avantgarde die 
Seeleute waren.” Knüfkcns Darstellung 
isteine der wenigen authentischen Zcug- 


[58] SF 1/99 













nisse der revolutionären Matrosenbe¬ 
wegung. Zwar ist deren äußerer Verlauf 

weitgehend erforscht und bekannt, aber 
wir wissen nur wenig über die Träger 
dieser Bewegung. Von Zeitgenossen 
und Historikern von politisch rechts bis 
1 inks wurde (wird) des “Kaisers Kulis 4 
offensichtlich die Fähigkeit abgespro¬ 
chen, eigenständige Organisationen und 
politische Ziclvorstellungen zu ent¬ 
wickeln. Die Matrosenaufstände waren 
jedoch weder von linken politischen 
Organisationen außerhalb der Marine 
gesteuert, noch entstanden sie völlig 
spontan. Laut Knüfken wurde die Be¬ 
wegung hauptsächlich getragen von den 
“jüngeren Jahr gärigen” und beruhte auf 
den “wenigen, bewußten Elementen, 
die es verstanden, die Unzufriedenen 
zusammenzufassen und sie reif zu 
machen für das bißchen Aktion, daß 
dann zum Zusammenbruch Deutsch¬ 
landsführte” . Ausdrücklich betonte er: 
“Die Masse war nur hungrig und kriegs¬ 
müde”. 

Die Erfahrungen aus der Matrosen¬ 
bewegung prägten nachhaltig Knüfkens 
politische Haltung. Es war die Erfah¬ 
rung, daß der Kampf kleiner Gruppen 
gegen einen scheinbar übermächtigen 
Gegner durchaus zum Erfolg führen 
konnte und diese in der Lage waren, 
eine effektive und basisdemokratische 
Organisation zu entwickeln, in der es - 
wie Knüfken besonders hervorhebt - 
“eine vollkommene proletarische De¬ 
mokratie” und keine “eigentlichen Füh¬ 
rer” gab. Und nicht zuletzt nährte sich 
sein enormes Sclbstbewußtsein aus 
dieser Erfahrung, einer erfolgreichen 
Revolte gegen ein autoritäres Regime. 

Die nach dem Umsturz 1918 gebil¬ 
deten Matrosenräte standen auf dem 
linken Hügel der Rätebewegung, der 
gegen parlamentarische Wahlen zur 
Nationalversammlung und für eine 
sozialistische Räterepublik votierte. 
Über Knüfkens Aktivitäten in diesem 
Zeitraum sind keine genauen Details 
bekannt. “Wir gehörten zur meist revo¬ 
lutionären Gruppierung der linken, 
Radikalen Arbeiterbewegung” ,s chrieb 
°r rückblickend über diese Zeit. Er und 
seine Genossen hatten noch im Frühjahr 
a n eine revolutionäre Machtergreifung 
der Arbeiterklasse geglaubt. Doch die 

blutigen Straßenkämpfe” führten zu 

ebenso blutigen Niederlagen” .Unter 
dem Befehl des sozialdemokratischen 


Reichswehrministers Noske wurden die 
großen Erhebungen und Streiks des 
Frühjahrs 1919, die zu bürgerkriegs¬ 
ähnlichen Auseinandersetzungen in 
mehreren deutschen Großstädten führ¬ 
ten, durch Freikorps blutig und brutal 
unterdrückt. Karl Liebknecht und Rosa 
Luxemburg waren die prominentesten 
Opfer. Während der “Märzkämpfe” 
1919 in Berlin, an denen Knüfken auf 
Seiten der Volksmarinedivision teil¬ 
nahm, wurden 29 unbewaffnete Matro¬ 
sen standrechtlich erschossen. 

Der Terror der Freikorps, die “injeder 
Hinsicht -politisch, sozial, ideologisch 
- ein entscheidendes Bildungselement 
des Faschismus” waren, schrieb der 
inzwischen verstorbene Historiker Er¬ 
hard Lucas, verdiene als Vorgeschichte 
des Dritten Reichs “die größte Auf¬ 
merksamkeit” . 5 Knüfken war sich des¬ 
sen schon 1919 bewußt als er im Bal¬ 
tikum indie Hände der Freikorps geriet. 
Im Gefängnis von Libau (Liepaja/ 
Lettland) machte er “zum erstenmal 
Bekanntschaft mit organisierter deut¬ 
scher Brutalität” j Soll 1919 hätte er 
“niemals daran gezweifelt, daß die Na¬ 
tion der Dichter und Denker” fähig sein 
würde, solche Verbrechen wie imNatio- 
nalsozialismus zu begehen: “Einmal 
miterlebt, vergißt man es niemals 
wieder” Er selbst kam glimpflich da¬ 
von. Weil er einen skandinavischen Paß 

und Geld hatte, um den Kommandanten 
zu bestechen, wurde er nach dreiwö¬ 
chiger Gefangenschaft entlassen. In 
Kopenhagen “verlebte er einen schönen 
Sommer” und erholte sich von den 
Folgen einer Ruhr, an der er im Gefäng- 
ni s erkrankt war. Im August 1919 befand 
er sich wieder “mitten drin im poli¬ 
tischen Wirrwarr Deutschlands ”. 

In Cuxhaven war er einer der führen¬ 
den Aktivisten des syndikalistischen 
“Deutschen Seemannsbund” - seit 1921 
“Deutscher Schiffahrtsbund” - (DSB), 
in dem über 18 000 Seeleute organisiert 
waren. Die Reichsabteilung Seeleute 
des “Deutschen Transportarbeiter Ver¬ 
bandes” (DTV) bestand aus nur aus 
“wenigen Getreuen” . 6 Die Spaltung der 
Gewerkschaftsbewegung war eine 
Politik des DTV während des Krieges. 
Vor allem die Unterstützung des un¬ 
eingeschränkten U-Boot Krieges dis¬ 
kreditierte den DTV nicht nur bei den 
Seeleuten der alliierten und neutralen 
Nationen, sondern auch bei einem 

großen Teil der Deutschen. Paul Müller, 


3 Richard Stumpf: Die Matrosenrevolte 

von Wilhelmshaven, in: Wolfram Wette 
(Hg.): Der Krieg des kleinen Mannes. 
Eine Militärgeschichte von unten, S .168 
-182, hier S. 172. - 

4 So der Titel eines Romans von Theodor 
Pliviers: Des Kaisers Kulis. Roman der 
deutschen Kriegsflotte, der 1929 er¬ 
schien. Des “Kaisers Kuli” wurde zu ei¬ 
nem gro ßen Bucherfolg und in achtzehn 
Sprachen übersetzt. 

5 Erhard Lucas, Märzrevolution 192Ö T Bd- 

3. Die : Niederlage, Frankfurt am Main 
1978, S. 382. 

6 Verkehrsbund. Fachorgan für die Inte- 

! ; (( '' ressen der im Handels-, Transport-und 

Verkehrs (Schiffahrt, Hafen- und 
Wasserbau) Betrieben Beschäftigten, 
Nr. 15, 11.4.1931, S. 114. 

7 Hermann Knüfken: Über den Wider¬ 
stand der Intenationalen Transportarbei¬ 
ter Föderation gegendenNationalsozia- 
lismus und Vorschläge zum Wiederauf¬ 
bau der Gewerkschaften in Deutschland 
- zwei Dokumente 1944/45, eingeleitet 
von Dieter Nelles, S. 64 - 83, hier. 74. 

8 Courier. Zentralorgan für die Interessen 
der Handels, Transport- und Verkehrs¬ 
gewerbe beschäftigten Arbeiter und 
Arbeiterinnen Deutschlands. Püblika- 
tionsorgan des Deutschen Transporter- 
Verbandes, Nr. 38, 25.10.1914. 

9 Müller starb im Oktober 1925. Vgl. 
Seefahrt Zeitschrift des Vereins Deut¬ 
scher Kapitäne und Offiziere der Han¬ 
delsmarine, 25. Jg. (1925), Nr. 11 

10 Berichte über Knüfken vom 29.10. und 
i 1 ,,Sjflf 11.1919, in: 

4. 65 - 1621. ? 


der Vorsitzende der Reichsabteilung 
Seeleute, stellte, wie Knüfken schrieb, 
wirklich “alles in den Schatten, was 
man damals an Chauvinismus in den 
deutschen Gewerkschaftszeiimgen ge¬ 
wohnt war zu lesen” ? Müller bekam den 
Spitznamen “Flaggenmüller”, weil er 
nach der deutschen Besetzung Antwer¬ 
pens triumphierend verkündet hatte: 
“Heute weht die deutsche Flagge auf 
den Türmen Antwerpens, hoffentlichfür 
immer” ? Auch nach dem Kriege legte 
Müller seine nationalistische Rhetorik, 
die sich kaum von der völkischen Rech¬ 
ten unterschied, nicht ab. Nachdem 1921 
bekannt wurde, daß Müller in Zusam¬ 
menarbeit mit den Reedern “ ‘gelbe 
Splitterorganisationen” gründen wollte, 
wurde erausdem DTV ausgeschlossen. 9 

Gleichzeitig war Knüfken in Cux¬ 
haven einer der führenden Funktionäre 
der KPD, der er seit ihrer Gründung 
angehörte. Als “ein außerordentlich 
radikal sich gebärdender Spartakist” 
charakterisierte ihn damals die Polizei. 10 


SF 1/99 [59] 






Innerhalb der KPD gehörte er zur Links- 
Opposition, die sich gegen eine Be¬ 
teiligung an den Parlameniswahlen und 
eine Mitarbeit in den freien Gewerk¬ 
schaften wandte. Die Opposition grün¬ 
dete im April 1920 eine eigene Partei: 
die “Kommunistische Arbeiter Partei 
Deutschlands” (KAPD). Auf dem 
Gründungskongreß wurden Jan Appel 
(Hamburg) und der Schriftsteller Franz 
Jung (Berlin) delegiert, den Standpunkt 
der KAPD bei der Kommunistischen 
Internationale (Komintern) in Moskau 
zu vertreten. Ihr Problem war, daß es 
damals keine legalen Reisemöglichkei¬ 
ten in die Sowjetunion gab. Knüfken 
machte den Vorschlag, " einfach mit 
einem der zur Verfügung stehenden 
Schiffe nach Rußland zu fahren ”. 
Schließlich griff man auf seinen Vor¬ 
schlag zurück, an dessen Realisierung 
zunächst niemand geglaubt hatte. 

Knüfken brachte Jung und Appel als 
blinde Passagiere auf dem Island-Fisch¬ 
dampfer “Senator Schröder” unter, auf 
dem er als Matrose gemustert hatte. Am 
21 .April 1920 verließ der Dampfer Cux¬ 
haven. Zwischen Feuerschiff “Elbe I” 
und Helgoland nahm die Besatzung 
unter Leitung Knüfken das Schiff in 
ihren Besitz. Die Offiziere wurden fest¬ 
gesetzt. Nicht zuletzt wegen Knüfkens 
seemännischen Fähigkeiten, die ihm 
später von einem mitrciscnden Kapitän 
bescheinigt wurden, erreichte die “Se¬ 
nator Schröder” am 1. Mai 1920 Ale- 
xandrovsk. Von sowjetischen Lotsen 
wurden sie nach Murmansk gebracht. 11 

Dort und später in Leningrad und 
Moskau wurde die Delegation mit Be¬ 
geisterung empfangen. "Na, da haben 
wirjadie Genossen Piraten” . Mitdiesen 
Worten drückte Lenin seine Begei¬ 
sterung für die Aktion aus. " Man lobte 
und hätschelte uns als revolutionäre 
Kämpfer” erinnerte sich Knüfken, 
"aber im übrigen zerhackte und zer¬ 
schlug man uns” Lenin hatte gerade 
seine Broschüre “Der ‘linke Radika¬ 
lismus' die Kinderkrankheit des Kom¬ 
munismus” beendet, in der er den 
StandpunktderKAPD scharfkritisierte. 
Trotz der ausgesprochen freundlichen 
Aufnahme durch Lenin, der sie nicht 
wie die anderen Funktionäre als "Schul¬ 
jungen” behandelte, dachte keiner der 
drei daran, "die 'Kinderkrankheiten zu 
akzeptieren” . Sie respektierten Lenin 
als den "Architekten der Oktoberrevo¬ 
lution” , waren aber überzeugt, daß sie 


die "Fragen der proletarischen Revo¬ 
lution im industriellen Deutschland 
besser kannten und besser lösen konn¬ 
ten” 

Im Juli 1920 kehrte Knüfken mit 
Aufträgen der Komintern illegal nach 
Deutschland zurück. Auf seiner Rück¬ 
reise nach Moskau wurde er im Oktober 
1920 in Stettin verhaftet. In der Gerichts¬ 
verhandlung, die unter s trengen Sicher¬ 
heitsvorkehrungen und fast unter Aus¬ 
schluß der Öffentlichkeit stattfand, 
nahm er die alleinige Verantwortung 
für die Schiffsentführung auf sich, um 
eine Bestrafung der Besatzung zu ver¬ 
hindern. Er wurde wegen schweren Rau¬ 
bes in Tateinheit mit schwerer Meuterei 
und schwerer Freiheitsberaubung zu 
fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, behielt 
aber die bürgerlichen Ehrenrechte. Der 
Landgerichtsdirektor May war im Ge¬ 
gensatz zur Staatsanwaltschaft und den 
Geschworenen der Meinung, daß er die 
Tatnich aus "ehrloser Gesinnung” be¬ 
gangen und "keinerleipersönliche Vor- 
teile” gehabt habe. Dies war eine Aus¬ 
nahme in der damaligen Rechtsspre¬ 
chung. Die angesehene “Vossische Zei¬ 
tung hatte anläßlich der Verhaftung 
Jungs, die in Deutschland verbreitete 
Neigung kritisiert, "politische Vergehen 
und Verbrechen mit einer gewissen Ge¬ 
walt in den Rahmen von Strafpara¬ 
graphen zu zwingen, die für ganz andere 
Zwecke geschaffen sind”.' 2 

Knüfken wurde in das Zuchthaus 
Fuhlsbüttel in Hamburg eingeliefert, 
dessen Direktor Koch als Strafvollzugs¬ 
reformer galt. Trotz dem vielen "Kirn- 
mer und Trubel” den er Koch machte, 
betonte Knüfken rückblickend, sah ich 
"in ihm immereinen der vorbildlichen 
Reformer” . Seine Interessen waren aber 
naturgemäß andere als die der Zucht¬ 
hausleitung. Er wollte "kein guter Ge¬ 
fangener sein” und die "Pflicht eines 
revolutionären Arbeiters im Zuchthaus” 
brachte er auf die knappe Formel: "Nie- 
mals nachgeben. Sich nicht einfügen. 
Immer zu neuen Aktionen bereit sein” 
Er führte insgesamt sieben Hunger¬ 
streiks durch, in deren Verlauf es zu 
Demonstrationen und Arbeitsverwei¬ 
gerungen im ganzen Zuchthaus kam. 
Weil er nie den "verhängnisvollen Feh¬ 
ler” der meisten politischen Gefangenen 
machte, auf die Kriminellen herabzu¬ 
sehen, konnte er "immer auf die Unter¬ 
stützung aller Gefangenen rechnen”, 


Während seines letzten Hungerstreiks 
im Oktober 1^22 wurde er zwangser¬ 
nährt und schwebte in Lebensgefahr. In 
der Hamburger Arbeiterschaft kam cs 
zu einer breiten Solidarisicrungs- 
welle.Auf einer von 5000 Menschen 
besuchten Versammlung der linken 
Arbeiterorganisationen, bei der auch 
Koch das Wort ergriff, wurde eine 
Kommission aus Vertretern der KPD 
und des DSBj gewählt, die mit dem 
Hamburger Senat übcrscineFrcilassung 
verhandeln sollte. Knüfken brach den 
Hungerstreik ab, nachdem ihm Justiz¬ 
senator Nöldeckc und Koch persönlich 
mitteilten, daß er in naher Zukunft 
entlassen werden sollte. Offiziell wurde 
er im April 1923 ohne "Termin der 
Rückkehr aus dem Zuchthaus beur¬ 
laubt \ 

Den ‘Urlaub’ verbrachte Knüfken in 
den folgenden Jahren in der Sowjet¬ 
union, wo er im Mai 1923 "mit offenen 
Armen empfangen” wurde. In Lenin¬ 
grad leitete erden “Internationalen Klub 
der Seeleute” (Interklub). Seit 1921 wa¬ 
ren von der kommunistischen Roten 
Gewerkschafts-Internationale (RGI) in 
allen großen Hafenstädten Interklubs 
eingerichtet worden. Die großen Inter¬ 
clubs in Leningrad und Hamburg hallen 
durchschnittlich 30 000 Besucher im 
Jahr und eine große politische Bedeu¬ 
tung. Zwar konnte die RGI die Vor¬ 
machtstellung der reformistischen Scc- 
leutegewerkschaftcn in Europa mit 
wenigen Ausnahmen nie ernsthaft ge¬ 
fährden, aber weltweit wurden kom¬ 
munistische Kader in der Seefahrt ge¬ 
wonnen, die für den Verbindungsappa¬ 
rat der Komintern von enormer Bedeu¬ 
tung waren. 

"Es gab ein vollkommenes Netz von 
Verbindungen nach allen Erdteilen ”, 
schrieb Knüfken über diesen Apparat, 
in dem er selbst wichtige Funktionen 
hatte. Auf den in Leningrad ankommen * 
den Schiffen rekrutierte er Vertrauens¬ 
leute, die Literatur und Briefe schmug¬ 
gelten und Mitarbeiter der Komintern, 
die aus untersch i cd 1 ich cm G ru n d i 11 cg al 
reisen mußten, als blinde Passagiere ins 
Ausland brachten. Aufgrund dieser Tä¬ 
tigkeit hatte er enge Beziehungen zu 
den führenden Funktionären der Kom¬ 
intern und in Leningrad wohnte er zu¬ 
sammen mit der Parteiprominenz im 
Hotel Aslorta. 

Trotz dieser relativ privil igierten Le¬ 
bensweise wurde er nicht zu einem wil- 


[60] SF 1/99 


lcnlosen Befehlsempfänge!* seiner sow¬ 
jetischen Parteigenossen, sondern setzte 
eigene politische Akzente: Der Inter¬ 
klub, schrieb er, “war eine gute Ein¬ 
richtung in Bezug auf das Restaurant 
und das Tanzen. Die Propaganda jedoch 
war ein plumper Versuch, der darin be¬ 
stand, in den Versammlungen immer 
wieder die Russische Revolution (unter 
vielB lutumrühren) als das Vorbildaller 
folgenden Revolutionen in den übrigen 
Ländern darzustellen . Ich brachte die 
Arbeit des Kl ubs airfein anderes Niveau, 
mehr auf gewerkschaftlicher Basis.” 

Aus der Einsicht, daß er die Seeleute 
“nur dann an den Klub gewöhnen 
konnte, wenn sie sich dort zu Hause 
fühlten und absolute Freiheit hatten, zu 
sagen, was sie wollten” , gestaltete Knüf- 
ken den Intcrklub zielbewußt zu “einer 
ex-territorialen Einrichtung" . Er be¬ 
mühte sich erfolgreich um die Vertre¬ 
tung von ausländischen Gewerkschaften 
in Leningrad, für die er Zahlstellen im 
Intcrklub einrichtete. Im Jahre 1927 
war er offizieller Vertreter des norwe¬ 
gischen Sccleuteverbandes, des däni¬ 
schen Seeleute- und Heizerverbandes 
und des deutschen Verkehrsbundes. In 
Konfliktfallcn vertraterauch die schwe¬ 
dischen Organisationen. 

Daß er sich in erster Linie als gewerk- 
schaftlichcr Interessenvertreter und 
nicht als Partcikommunist verstand, 
zeigte sein Verhalten während eines 
Streiks der schwedischen Seeleute im 
Jahre 1925. Gegen den ausdrücklichen 
Parteibefehl unterstützte er den Streik 
der Schiffsbesatzungen in Leningrad. 
Schon damals schrieb er rückblickend, 
hätten die “wirklich wertvollen Genos¬ 
sen” begriffen, daß die maßgebenden 
Funktionäre in der Sowjetunion von 
einer “eigentlichen Gewerkschaftsbe- 
^egune nichts verstanden 
Seine relativ unabhängige Stellung 
schwand immer mehr, nachdem sich 
Stalin Ende der 20er Jahre gegen seine 
innerparteilichen Widersacher durch¬ 
setzen konnte und damit einhergehend 
die Geheimpolizei, die sich damals 
OGPUnannte, an Einfluß gewann. 1923 
konnte crdicOGPU-Vertreternochaus 
dem Intcrklub hinauswerfen, weil er 
ganz hohe Protektion” und die “alten 
Bolschewiki noch keine Angst” hatten. 
Als er diese Protektion verlor, ging die 
OGPUgegen ihn vor, um den Interklub, 
der “eine Austauschstelle für freie 
Gedanken blieb”, unter ihre Kontrolle 
zu bringen. 



Im Jahre 1929 wurde er verhaftet. 
Vordergründig wurde er beschuldigt, 
Gewerkschaftsgelder auf ein Privat¬ 
konto bei einer skandinavischen Banken 
deponiert zu haben. Er durchlief meh¬ 
rere Gefängnissen, u.a. saß er mehrere 
Monate in der Lublijanka, der Zentrale 
der OGPU in Moskau. Daß er nicht wie 
viele seiner Zellengenossen erschossen, 
sondern nach zehnmonatiger Haft 
entlassen wurde, verdankte er der Inter¬ 
vention vieler ausländischer Genossen 
und der - vermuüich einzigen - spon¬ 
tanen Demonstration von ausländischen 
Seeleuten in Leningrad, die seine Frei¬ 
lassung forderten. 

Nach seiner Rehabilitierung erhielt 
Knüfken keine Funktion mehr im Inter¬ 
klub, sondern man versetzte ihn in die 
Ausländsabteilung der sowjetischen 
Handelsmarine. Damit war er aller 
politischen Handlungsmöglichkeiten 
beraubt. Vermutlich kehrte er deshalb 
Anfang 1932 mit seiner Frau Sonia 
(geb. Doniach), die er 1930 geheiratet 
haue, nach Hamburg zurück. 

Er blieb Mitglied der Partei, obwohl 
er schon damals eine große Distanz zur 
offiziellen kommunistischen Politik 
hatte. Er fand Arbeit im “Neuen Deut¬ 
schen Verlag”, für den er die populäre 
“Arbeiter-Illustrierte-Zeitung”(AIZ)in 
der Umgebung Hamburgs vertrieb. Die 
AIZ trat im Unterschied zur sonstigen 
kommunistischen Presse eine breite 


antifasch istische Oppositionsbewegung 
ein und vermied die damals übliche 
Etikettierung der Sozialdemokraten als 
“Sozialfaschisten”. Gleichzeitig leitete 
Knüfken die skandinavische Sektion 
im Intcrklub. Er blieb Mitglied im frei¬ 
gewerkschaftlichen “Gesamtverband” 
und schloß sich nicht dem kommuni¬ 
stischen “Einheitsverband der Seeleute, 
Hafenarbeiter und Binnenschiffer” 
(Einheitsverband) an, der weltweit der 
1930 gegründeten “Internationale der 
Seeleute und Hafenarbeiter” (ISH) an¬ 
geschlossen war. Die von der Komintern 
betriebene Spaltung der Gewerkschaf¬ 
ten hielt er u.a. wegen der massiven 
nationalsozialistischen Bedrohung für 
einen fatalen Fehler. 

Trotz der gespaltenen Arbeiterbewe¬ 
gung glaubte Knüfken wie so viele 
Aktivisten der Arbeiterbewegung, daß 
es nach der nationalsozialistischen 
Machtergreifung zu einem General- 


11 Franz Jung Schilde 

... 9 .- ■■ 




: Schriften 
T1 |f|iankfii^||i||HlS| 


c Aktion in s 
nem autobiographischen Roman “I 
Weg nach unten” ' 

Ut«*« 1 

c 

J. --- „ 

■ hiffsentführung, - u. a. einBriefKniif- 
ns und eine Schilderung der Aktion 
von Appel-.in: LutzSchulenburg(Hg.): 

pedokäfer, Hamburg 1988, S. 25 - 35. 
12 Zitiert nach ebenda, S. 31. 

13 Knüfken, Über den Wider 
temationalen Transportart 
ration, S. 76. 

M r ■ ill! III lÄ 

.... ■ ■ 



Ntifflilitarismus ÖNformatioN 


streik kommen würde. Aber alle großen 
Arbeiterorganisationen verharrten mehr 
oder weniger in Passivität. Die Führung 
des ADGB kooperierte offen mit den 
neuen Machthabern, in dem sie ihre 
Mitglieder aufforderte, sich an den 
nationalsozialistischen Maifeiern zu 
beteiligen. Die Folge davon, schrieb 
Knüfken, war eine " grenzenlose Ent - 
täuschung’\ diein Verbindung mit dem 
beispiellosen Terror der Nazis dazu 
führte, daß “die Arbeiterschaft voll¬ 
kommen mutlos und eingeschüchtert 
sich in alles fügte”: 13 

Doch zum damaligen Zeitpunkt hielt 
Knüfken es noch nicht für opportun, die 
Parteileitung öffendich zu kritisieren. 
Er organisierte den Transport des ille¬ 
galen ISH-Büros nach Kopenhagen, 
wohin er selbst nach einer Haus¬ 
durchsuchung im Mai 1933 floh. Anfang 
Juni hielt er sich wieder mit illegalem 
Auftrag in Hamburg auf. Seine nächste 
Station war Rotterdam, wo er die illegale 
Arbeit unter deutschen Seeleuten or¬ 
ganisierte. In der ersten Phase der NS- 


Diktatur wurde der organisierte Wider¬ 
stand in der Seefahrt fast ausschließlich 
vom Einheitsverband getragen. In Ko¬ 
penhagen, Antwerpen und Rotterdam 
waren vom Einheitsverband sogenannte 
Aktivgruppen eingerichtet worden, die 
Seeleute mit Propagandamaterial be¬ 
lieferten und versuchten die Organisa¬ 
tion wieder aufzubauen. 

Im Dezember 1934 wurde Knüfken 
in Rotterdam verhaftet und nach Belgien 
ausgewiesen. In der Antwerpener Aktiv¬ 
gruppe traf ef auf Genossen, die seine 
kritische Haltung zur Politik der ISH- 
und KPD-Führung teilten. Zentral ging 
es dabei um den Wiederaufbau der Ge¬ 
werkschaften in der See- und Binnen¬ 
schiffahrt. Die Antwerpener Aktiv¬ 
gruppe kritisierte, daß die Beibehaltung 
formaler Organisationsstrukturen - 
Mitgliederausweise, Beitragsmarken 
etc. - der Gestapo ermöglicht habe, 
viele illegale Gruppen zu zerschlagen. 
Die formale Organisationsstruktur wür¬ 
de von den Seeleuten gefühlsmäßig und 
mit Recht abgelehnt. Dagegen setzten 


Lesen Sie heute, was Rudolf 
Scharping morgen noch fehltl 


\\<& 


Der Walser-Disput ^ Kosova 
und deutsche Truppen 
Bomben auf Irak 
^ Sexismus in der Polizei 
^ Rüstungsproduzent Diehl 
Raketenstreit auf Zypern 
£■ Friedensgruppen zu Rot-Grün 
Kriegsökonomien der "Dritten 
Welt" NATO-Rußland-Rat 

monatliche Informationen und 
Analysen zu Militär, Friedens¬ 
forschung und -bewegung 


Abo: 9 Normal-/ 3 Themenhefte DM 50.-; 
Ausland: DM 60.-; Themenheft DM 5.- 
(+Porto). Probeheft gratis 
Bezug: Verein für friedenspolitische 
Publizistik e.V. Kurfürstenstr. 14, 10785 
Berlin e-mail: ami@zedat.fu-berlin.de 
http://userpage.fu-berlin.de/~arend/ 
ami.html Telefon/Fax: ++30-25 79 73 42 


Die Monatszeitung Ii Selbstorganisation 


■ billC 

wirtschafte & gesellschaftspolitische Not¬ 
wendigkeit ■ ■ Belegschaftsübemahme als 
Perspektive? SocialWatch 8t Sozio-Audit 
ÜIliyiteMM geplante Aktionen zum 
ED- & Weltwirtschaftsgipfel EH2M131I1 
ein Plus für Umwelt un d Beschäftigung 
i i M ü ;ns i a ;IT3 Vernetzungstref- 

fen in England 

ital. Zeitbanken zum Dienstleistu ngstausch 
in Berlin 

mit umfangreichen Infomaterial gegründet 

Ein Schnupperabo (3 Monate frei Haus 
ohne Verlängerung) für 10 DM nur gegen 
Vorkasse (Schein/Briefrnarken/V-Scheckj. 

EHEMlEira das einzige Adreßver- 
zeichnis der Alternativen Bewegungen. Mit 
ca. 12.500 Anschriften aus der BRD, CH, A 
& internationale Kontaktansc hriften mit 

■ HAflBhfSliril im Innen¬ 
teil. 1.300 Zeitschriften mit zahlreichen Be¬ 
schreibungen, Video- 8t Filmgruppen so¬ 
wie Freie Radios. Ca. 280 Seiten (DIN A3) 

! für 30 DM zzgl. 4 DM Versand kosten, ISBN 
3-924085-05-6. Bestellungen über: 
CONTRASTE e.V., Postfach 10 45 20,69035 
Heidelberg, Tel. (Ö 62 21) 162467 


sie Ihre eigenes organisatorisches 
Konzept, daß unverkennbar auf Knüf- 
kenslMahrungcn in der Marine basierte. 

“Die Organisationsform der Freien 
Gewerkschaftsgruppen an Bord und der 
revolutionären antifaschistischen Ver¬ 
trauensleute besteht nur und kann nur 
darin bestehen, daß wir Aktivistengrup¬ 
pen in den Häfen haben, die ununter¬ 
brochen mit den Besatzungen der 
Schiffe auf der Ausreise sowohl als auf 
der Heimreise in Kontakt bleiben, die 
Besatzungen kennen lernen und von 
ihnen gekannt werden. Von den Akti- 
vistengruppen in den Häfen erhallen 
die Genossen an Bord Arbeitsanwei¬ 
sungen und Literatur. Gleichzeitig sor¬ 
gen die Bordverlraucnslcutc dafür, daß 
freiwillige Sammlungen durchgeführt 
werten und das Geld abgcführi wird an 
die Äktivistengruppc. Dadurch finan¬ 
ziert sich die Bewegung selbst. Gleich¬ 
zeitig wird ein Zustand erreicht, wo die 
revolutionären - Elemente sich gegen¬ 
seitig kennen lernen, und sich darüber 
hinaus als Mitglieder der Freien Ge¬ 
werkschaften clcr Seeleute Iccilimic- 
rea *’ 14 

Die Führung der KPD war n icht bereit, 
die Vorstellungen der Akrivgruppc zu 
akzeptieren, Die Gruppe wandte sich 
deshalb an Edo Fimmcn, den General¬ 
sekretär der Internationalen Transport¬ 
arbeiter. Föderaüon (ITF). Sie wußten, 
daß die KPD-Ijührung mit Fimmcn im 
Zuge der Einheits frontpol itik über den 
Wiederaufbau der Gewerkschaften 
verhandeln wollte. Diesen Verhand¬ 
lungen, schrieb Knüfken im Namen der 
Aktivpuppe, wo! ltcn sic grundsätzl ich 
keine “Knüppel zwischen die Beine 
schmeissen" . Aber sic wollten ihre Ar¬ 
beit unter deutschen Seeleuten fort¬ 
setzen, von denen " ihre Feldwebel 
IdderkeineAhnung” hätten. Die " Mög¬ 
lichkeiten der wirklich organisatori¬ 
schen Arbeit auf deutschen Schiffen'* 
wäre sogroß t daß cs kein Auss teilender 
glauben kann ”j. Auf über 190 Schiffen 
hätten sie " Verbindungsleute oder 
Gruppen . Zwar würden nur " einige 
wenige Leute auf jedem Schiff bewußte 
revolutionäre Arbeit machen' , aber 85 
“90% der deutschen Besatzungen wären 
antifaschistisch eingestellt" und wür¬ 
den mit ihnen sympathisieren. 15 

Wenige Tage später kam cs zu einem 
ersten Gespräch zwischen Fimmcn und 
Knüfken in Amsterdam. Dies war der 


[62] SF 1/99 





Beginn einer engen Zusammenarbeit 
zwischen dem einflußreichen internatio¬ 
nalen Gewerkschaftsführer und der Ant- 
werpener ITF-Gruppe, die Fimmen drei 
Jahre später in einem Brief an Knüfken 
folgendermaßen beschrieb: 

"Es mag wahr sein, daß ich, indem 
ich Euch vor 3 Jahren unter meine Fit¬ 
tiche genommen habe , etwas zur Förde¬ 
rung der Bewegung der Seeleute gegen 
den Faschismus und zur Befreiung der 
Arbeiterschaft beigetragen habe, an¬ 
dererseits aber hat mir die Zusammen¬ 
arbeit mit Euch, den Antwerpener Jun- 
gens, in mancher Hinsicht Mut und 
Kraft zum Durchhalten eingeflößt. 
Dadurch bin ich den wirklich revolu¬ 
tionären deutschen Proleten viel näher 
gekommen und mit ihnen fühle ich mich 
mehr geistesverwandt wie mit jemand 
anders. Hoffentlich werden wir zusam¬ 
men noch manches schmeissen, was 
auf die Dauer schöne Früchte tragen 
wird. Ich glaube , schon heute haben 
wir uns, alles in allem, nicht zu beklagen 
und nochmals: ich sage Euch Dank 
dafür r 16 

Zwischen den von ihrer sozialen und 
politischen Herkunft so verschiedenen 
Fimmen und Knüfken, gab es einen 
weitgehenden Konsens in grundsätz¬ 
lichen Fragen. Beide machten die lei¬ 
tenden Funktionäre der großen Arbei¬ 
terparteien und Gewerkschaften glei¬ 
chermaßen verantwortlich für die 
kampflose Kapitulation der deutschen 
Arbeiterbewegung 1933. Die 'furcht¬ 
bare Niederlage der stärksten Arbeiter¬ 
organisationen Europas" , hieß es im 
ersten illegalen Flugblatt der ITF vom 
August 1933, sei die Konsequenz einer 
Politik "von verbürgerlichten Führern" 
und zugleich "jener unfruchtbaren ' ra¬ 
dikalen Zersplitterungspolitik” der 
<( nicht weniger unfähigen" Kommu¬ 
nisten. Nur in der " entschiedenen Ab¬ 
hehr" von dieser Politik sei ein " Wie¬ 
deraufstieg" der Arbeiterbewegung 
möglich, ohne den es "nur ein Versinken 
der ganzen Gesellschaft in der Barba- 
r ei" gebe. 17 

Der "entscheidende Teil der Arbeiter¬ 
schaft", die Mitglieder der Gewerk¬ 
schaften, der KPD und SPD wären bereit 
gewesen, heißt es im Programmentwurf 
der Antwerpener ITF-Gruppe, "den 
ganzen Nazispuk durch den General¬ 
streik zu erledigen". Aber die Führer, 
die sich "als ‘blaßrote ’ oder 1 purpur- 
r °te Generalstäbe des deutschen Pro¬ 


letariats aus gaben" hätten den Kampf 
nicht gewollt. 18 Sie hätten ihre Mit¬ 
glieder "nicht zu denkenden sozia¬ 
listischen Gliedern einer Organisation 
gemacht" , sondern ihnen "die typische 
weltbekannte deutsche Disziplin , die 
Disziplin der Gefreiten und Unteroffi¬ 
ziere" Am "Kadavergehorsam" einge¬ 
paukt. 

Das von der Antwerpener ITF-Gruppe 
entwickelte Organisationsmodell war 
nahezu identisch mit dem von der ITF 
propagierten “Netz von Betriebsver¬ 
trauensleuten”. 19 Historisches Vorbild 
waren fürdie Antwerpener ITF-Gruppe 
die revolutionären Gruppen in der Ma¬ 
rine, während Fimmen sich auf die “Re¬ 
volutionären Obleute” in Berlin bezog, 
die Initiatoren der großen Rüstungsar¬ 
beiterstreiks während des Ersten Welt¬ 
krieges. In der Praxis erwies sich dieses 
Modell als sehr erfolgreich. Bis zum 
Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wur¬ 
de das illegale Netzwerk systematisch 
ausgedehnt. Die Antwerpener Gruppe 
hatte ca. 300 namentlich bekannte 
Vertrauensleute auf deutschen Schiffen 
und viele Sympathisanten. Darüber 
hinaus gab es Vertrauensleute unter den 
deutschen Binnenschiffern und feste 
Verbindungen zu zwei illegalen Grup¬ 
pen von Hafenarbeitern in Hamburg. 
Wenn man bedenkt, daß es zum da¬ 
maligen nicht mehr als 40 000 Seeleute 
(Mannschaftsdienstgrade) gab, war dies 
eine imponierende Bilanz. 

Der praktische Erfolg ihrer Arbeit 
hatte mehrere Gründe. Sie waren au,s 
eigener Erfahrung mit den konkreten 
Arbeits- und Lebensbedingungen der 
Seeleute aufs engste vertraut. Gegen¬ 
über allen anderen Exilgruppen hatten 
sie nach Aussage Knüfkens den Vorteil 
mit einer "Betriebsbelegschaft" ver¬ 
bunden zu sein, "die weniger als alle 
anderen Berufszweige zu verlieren" 
hatte: "Heimatlose Gesellen , ohne 
Plüschmöbel und Dreizimmerwohnung. 
Rebellen, die immer schlecht organisiert 
waren aber den einen großen Vorteil 
hatten, sich so leicht nicht unterdrücken 
zu lassen." 20 Das Solidaritätsgefühl 
unter den Seeleuten war offensichtlich 
so stark ausgeprägt, daß selbst Nazis 
die Verteilung von illegaler Literatur 
und anti-faschistischer Propaganda 
nicht denunzierten, so daß es der Ge¬ 
stapo trotz massiver Anstrengungen 
nicht gelang, in das illegale Netz der 
ITF einzudringen. Zudem war es der 


14 Arbeits bericht der Aktivgruppe Ant¬ 
werpen, Juni 1935, in: Stiftung Archiv 

Parteien und Massenorganisationen der 
DDRimBundesarchiv (S APMO),ZPA, 

12/3/330. 

15 Karl (d.i. Hermann Knüfken) an Fim- 

men, 7. 1. 1936, in: Modem Records 
Centre, Univä'sity ofWarwick, (MRC), 
ITF-Papers (159), 159/3/C/a/45. 

16 Fimmen an die Gruppe deutscher See¬ 
leute der ITF Antwerpen, 6.1.1939, in: 
MRC 159/6/15. 

17 Sozialistische Erneuerung gegen, den 

in: 

18 Programmentwurf der “Deutschen ITF- 

Gruppe“ Antwerpen (Hafenaktivgruppe 
Ro tterdam und Antwerpen sowie Boid - 

Vertrauensleute), in: MRC 159/3/C/a/ 

44. 

19 Vgl. dazu das von der ITF 1935 heraus- 

gegebene Flugblatt: Vorschlag eines 

“gewerkschaftlichen“ Sofortprogram¬ 
mes, in: Esters/Pelger, S. 152-155. 

20 Knüfken an Fimmen, 2. 1. 1939, in: 

MRC, 159/6/12. 

21 Krewet schrieb in zwei Aufsätzen in 

den Gewerkschaftlichen Monatshefte 
(GMH), über seine Aktivitäten in den 
USA, Vgl. Erich Krewet: Hände über 
die Meere, in: GMH 18. Jg. (1967); S. 

559 - 562; ders; Vor dreißig Jahren, 
§ GMH 19, Jg. (1968), 1569 - 571. . | 


Gruppe gelungen, den größten Teil der 
kommu-nistischen Kader unter den 
Seeleuten für die ITF zu gewinnen. Ein 
Spitzel der Gestapo bemerkte dazu, daß 
der KPD “kein einziger nennenswerter 
Seemannsfunktionär aus Deutschland” 
mehr zur Verfügung stehe. 

Neben Antwerpen wurden bis zum 
Kriege noch weitere ITF-Gruppen gebil¬ 
det bzw. arbeiteten einzelne Personen 
für die ITF unter den sehen Seeleuten: 
In Rotterdam wurde in erster Linie unter 
deutschen Binnenschiffern gearbeitet; 
in Frankreich (Bordeaux, Marseille, 
Rouen, Straßburg); in Schweden 
(Stockholm, Göteborg, Lulea, Öxele- 
sund); in Norwegen (Oslo, Bergen, 
Narvik). In Norwegen war Willy Brandt, 
verantwortlicher Leiter der ITF-Akti- 
vitäten. An der Westküste der USA or- 
ganisierteErich Krewet, ein ehemaliges 
Mitglied der Antwerpener Gruppe, die 
antifaschistische Arbeit der ITF. Auf¬ 
grund seiner Aktivitäten rief die “Mari¬ 
time Union of the Pacific Coast” im 
August zu einem halbstündigen Ge¬ 
neralstreik gegen die Unterdrückung 
der Gewerkschaften in Deutschland auf, 


SF 1/9 9 [63] 




an dem 30 000 Seeleute und Hafen¬ 
arbeiter teilnahmen. 21 

Im Unterschied zur Antwerpener 
Gruppe waren die Mitglieder der an¬ 
deren ITF-Gruppe oft keine Seeleute 
undoftnichtMitgliederderiTF, sondern 
kamen aus dem gesamten Spektrum 
der linken Exilgruppen. Sie mußten die 
Richtlinien der ITF für die illegale 
Arbeit schriftlich anerkennen. Obwohl 


unter deutschen Soldaten und Ange¬ 
hörigen der Marine. Aufgrund von In¬ 
formationen der ITF konnten 1938 
hinter den feindlichen Linien bei Montril 
350 asturische Bergleute durch einen 
Handstreich aus der Gefangenschaft be¬ 
freit werden. 

Die von Fimmen formulierte Hoff¬ 
nung vieler Antifaschisten, daß der 
Kampf in Spanien, "der Anstoß zur 


Knüfken lieferten dem französischen 
und britischen Geheimdienst Informa¬ 
tionen über die militärische Aufrüstung 
Deutschlands» Zusammen mit dem bri¬ 
tischen Geheimdienst waren sogar Sa- 
boiageanschläge in Skandinavien ge¬ 
plant, Die Erz Verschiffung nach 
Deutschland sollte unterbunden werden. 
Aber die Aktion wurde von den Briten 
abgesagt 


sich die ITF politisch scharf von den 
Exilleitungen des ADGB, KPD und 
SPD abgrenzte, wurde in ihrem Rah¬ 
men, die vielbeschworene Einheitsfront 
der Arbeiterklasse tatsächlich verwirk¬ 
licht. “Ist das ein anständiger So¬ 
zialist” f^Diese und nicht die Frage der 
Organisationszugehörigkeit war für 
Fimmen das erste Kriterium bei der 
Auswahl seiner Mitarbeiter. Auch diese 
Eigenschaft verband ihn mit Knüfken 
und der AntwerpenerlTF-Gruppe. “Ge¬ 


Auslösung (...) revolutionärer Aktionen 
gegen das 3. Reich 1 ” sein würde, war zur 
Illusion geworden. 25 Deutschland war 
politisch und militärisch gestärkt aus 
dem Spanischen Bürgerkrieg hervorge¬ 
gangen. Die Antwerpener Gruppe ging 
nun dazu über Sabotageaktionen vor¬ 
zubereiten. Im Falle eines Krieges sollte 
kein deutsches Schiff einen deutschen 
Hafen erreichen. Nun wurden die ka¬ 
pitalistischen Demokratien zu Bünd¬ 
nispartnern der ITF. Fimmen und 


"Der Kriegsausbruch und die Welle 
der deutschen j Siege haben natürlich 
auch unsere Erwartungen eines schnell 
aufflammenden Widerstandes zunichte 
gemacht “ 26 Knü fken und die ITFhaiten 
den **phoney war” nicht in ihre Planun¬ 
gen miteinbezögen. Wärend deutsche 
Truppen im Blitzkrieg Polen überrollte, 
kam es an der Westfront zu keinen 
Kampfhandlungen. Der Kriegs verlauf 
ist ein Grund dafür, warum cs nur ver- 


fährdete aus Deutschland ins Ausland 
zu schaffen”, erinnerte sich Kurt Leh¬ 
mann, " war für uns eine Selbstver¬ 
ständlichkeit” . 2J 

In der Solidaritätsarbeit mit dem re¬ 
publikanischen Spanien war die ITF 
besonderes aktiv. Sechs Mitglieder der 
Antwerpener ITF-Gruppe brachen 
schon im August 1936 nach Spanien 
auf und schlossen sich dort den Arbei¬ 
termilizen an. " Heute Spanien, morgen 
Deutschland” , mitdieser Parole stellten 
sie die Kämpfe des spanischen Prole¬ 
tariats in einen Zusammenhang mit 
ihrem Kampf gegen Nazi-Deutschland. 
In ihrer Zeitung und in Flugblättern 
forderten sie die Seeleute auf, deutsche 
Transporte von Kriegsmaterial nach 
Franco-Spanicn zu verhindern. Nach¬ 
weisbar ist ein Plan der ITF, durch eine 
Meuterei auf offener See, ein deutsches 
Schiff mit Kriegsmaterial auf die repu¬ 
blikanische Seite zu bringen. ‘Tatsäch¬ 
lich haben wir diesen Plan in die Wirk¬ 
lichkeit umzusetzen versucht. Leider 
ist er fehlgeschlagen.” 24 

Eine wichtige Aufgabe übernahmen 
die Vertrauensleute der ITF, die von 
Antwerpen aus auf deutschen Schiffen 
nach Franco-Spanien fuhren. Im Durch¬ 
schnitt waren es sieben bis zehn Schiffe 
im Monat. Auf fast allen Schiffen - 
circa 80% - hatte die ITF-Gruppe Ver¬ 
trauensleute. Einiger d ieser V crtraucns- 
leute waren in militärtechnischen und - 
strategischen Fragen geschult und hatten 
in den Hafenstädten Informanten ge¬ 
wonnen, sowohl unter Spaniern alsauch 


[64] SF 1/99 


22 Willy Eichler: Sozialisten. BlograpM- 
sehe Aufsätze, S. 109. 

23 MemewJanFoiÄ 

10. 2, 1979, Kopfe im Besitz des Ver¬ 
fassers, \ 

24 Vgl Fritz Eberhard: Arbeit gegen das 
Dritte Reich. Beiträge zum Widerstand, 
Heft 10 , hg. vom Ihformationszentrum 
Berlin, Gedenk- und Bildungsstätte 

Auflage, 1981 

S. 17«r 

25 Fimmen an Hairy Bahlke, 10.4,1937 

;|f|| g 

26 Knüfken: Über den Widerstand der In¬ 
ternationalen Transportarbeiter Föde¬ 
ration, S,5fp, ;; |' 1 

27 2^tfert : nach Lamm: Ein Mann namens 
Freitag, S. 34. 

28 Hermann Knüfken: Eini ge Erkiän m 


- 1SM; ; 

arbelife Aufbau der 

Gewetkfch^lll Deutschland Äsbe- 
sond^:der|&|f|tf§§^ der Wasser- 
transportarbeiter; Dig, Intematinn^A 

TranstK>ri^^ 

7 MT FW 


ookratisierung des < 


rungenüber die Wiederinbetriebsetzung 
der Häfen and^r deutschen Wasserkante 

nach der Okkupation und die Erfassung 

Gewerkschaft der Wassertransport¬ 
arbeiter; §l|ii|tateiitwurf ftir ' 

werkschaftderWassertransportarbeiter 

Deutschlands; in: Archiv der sozialen 
Demokratie Bonn (AdsD), BestandlTF, 

■ 

Die imterstrichenert Manuskripte sind 

stand. ; 

beiter Föderation. 


cmzetie daootagcansch läge auf deut¬ 
schen Schiffen |*ab. In Island kam cs zu 
Meutereien auf zwei deutschen Schif¬ 
fen, auf denen die Besatzungen sich 
zunächst geweigert hauen, nach 
Deutschland zurückzukehren. Für die 
Gestapo warfen diese Meutereien " ein 
bezeichnendes Bild auf die Disziplin 
der deutschen Schiffsbesatzungen , die 
tum Teil noch stark kommunistisch und 
marxistisch verseucht” wären. Die 
Diszipünarordnung für deutsche Han¬ 
delsschiffe wurde 1940 drastisch ver¬ 
schärft; für Meuterei wurde die Todes¬ 
strafe angedroht. 

Knüfken war Ende Oktober 1939 mit 
falschem Faß nach Schweden gereist. 
Er wollte dort die illegale Arbeit gegen 
Nazi-Deutschland neu organisieren. 
Wegen der für die deutsche Kriegs¬ 
wirtschaft wichtigen Erzlicfcrungen 
wurde Schweden nun zum wichtigsten 
Aktionsfeld der ITF. In Stockholm 
suchte Kniflccn zunächst Charles 
Lindley, den Vorsitzenden der ITF, auf 
und diskutierte! mit ihm die Möglich¬ 
sten der Arbeit in Schweden, die sich 
suit Ausbruch des Krieges enorm ver¬ 
schlechtert hatten. Die Regierung hatte 
in Folge ihrer strik ten Neu tral i tä tspol i tik 
eine Reihe von Maßnahmen cingclcitct, 
um Spionage auf ihrem Territorium zu 
verhindern. Ausländem wurde der Auf- 
enthalt in gewissen Regionen Schwe¬ 
dens verboten, Hafen-, Eisenbahn- und 
Fabrikanlagen unterstanden cincrstrcn- 
geren Kontrolle^ Die deutschen Flücht¬ 
linge gerieten somit noch stärker ins 










Visier der Sicherheitspolizei. Deshalb 
wurde die Arbeit unter deutschen See¬ 
leuten zu Beginn des Krieges eingestellt. 

Knüfken führte Gespräche mit Ver¬ 
trauensleuten der ITF, mit deutschen 
und schwedischen Syndikalisten und 
besuchte mehrere schwedische Hafen¬ 
städte. Aber schon Mitte November 
wurde er von der schwedischen Polizei 
verhaftet. Er hatte beim englischen Kon¬ 
sulat darum gebeten, Informationen 
über deutsche Kriegsschiffe und mili¬ 
tärische Anlagen auf dem schnellsten 
Weg, unter Umgehung der englischen 
Zensur an die ITF nach London zu 
schicken. Wegen der Mittagszeit hatte 
er aber nur den schwedischen Wach¬ 
mann angetroffen, der die Polizei 
informierte, die Knüfken einen Tag 
später verhaftete. Wegen Paß Vergehens 
und unerlaubter Nachrichtensammlung 
wurde Knüfken zu fünf Monaten Ge¬ 
fängnis verurteilt. Lindley versuchte auf 
höchster politischer Ebene für ihn zu 
intervenieren, allerdings ohne Erfolg. 
Kurze Zeit vorher waren zwei weitere 
Vcrtrauenslcute der ITF festgenommen 
worden. Öffentlich verwahrte sich 
Lindley gegen die Behauptung, die Ar¬ 
beit unter deutschen Seeleute könnte 
als Spionage bezeichnet werden. 

Die Gestapo stellte, nachdem sie von 
der schwedischen Polizei über Knüfkens 
Verhaftung unterrichtet worden war, 
einen Auslieferungsantrag, den sie mit 
dessen angeblicher Beteiligung an 
Sabotageakten gegen deutsche Schiffe 
im Jahr 1938 begründete. Diese Be¬ 
schuldigungen, für die keine Beweise 
vorgelegt wurden, untermauerte man 
mit der Begründung, Knüfken habe die 
Sabotageakte nicht als ITF-Funktionär 
sondern als bezahlter Agent des briti¬ 
schen Geheimdienstes durchgeführt. 
Seine Auslieferung an Deutschland 
konnte nur durch massive Interven¬ 
tionen Lindley s und des britischen Bot¬ 
schafters verhindert werden. Bis 1943 
saß Knüfken in strengster Isolationshaft 
and durfte erst im Herbst 1944 nach 
England ausreisen. 

"Der Hermann, den'ich so 
lange nicht gesehen hatte , war wie 
früher voller Erwartungen, voller Leben 
u nd allem” 27 

So schilderte Sonia Knüfken das Wie¬ 
dersehn mit ihrem Mann. Sofort ging 
Knüfken daran, Vorschläge für den 
Neuaufbau der “Wassertransport- 


29 Zu den programmatischen Ausarbei¬ 
tungen des deutschen Gewerkschafts¬ 
exils vgl. Siegfried Mielke / Peter Rät¬ 
ters: Die DeutscheA§ÄjK|t:(DA|j: 
Modell für den gewerkschaftlichen Wie¬ 
deraufbau? Diskussion in der Emigra¬ 
tion und in der Gründungsphase der 
Bundesrepublik Deutschland, in: Hans- 
firfch Volkmann (Hg*): Ende des Dritten 
Reiches - Ende des Zweiten Weltkriegs. 
Eineperspektivische Rückschau, S. 675 
- 709. 

30 Knüfken: Ober den Widerstand der Inr 
ternationalen Transportarbeiter Föde¬ 
ration, S. 80/81.. 

31 J&üfken: 

weiksehaftder W#sertransportarbeiter 
Deutschlands. 

32 Hermann Knüfken: Und was nun? 

33 Statutenentwurf für eine neue Gewerk¬ 

schaft der Wassertransportarbeiter 
Deutschlands, in: AdsD, Bestand ITF, 
Mappe 54. ,. 

34 Ihtdwasnun? 

35 Knüfken; Über den Widerstand der In¬ 
ternationalen Transportarbeiter Föde¬ 
ration, S. 84. 


arbeiter Deutschlands” und deren Auf¬ 
gabe für die " Wiederintriebsetzung der 
Häfen” auszuarbeiten. 28 Wie seine ITF- 
Kollegen Walter Auerbach und Jahn, 
die wesentlichen Einfluß auf das Pro¬ 
gramm der “Landesgruppe Deutscher 
Gewerkschafter in Großbritannien” 
hatten, schlug Knüfken den Aufbau 
antifaschistischer, demokratischer In¬ 
dustriegewerkschaften vor. 29 Die neuen 
Gewerkschaften sollten ausgehend von 
den Betrieben von unten nach oben 
aufgebaut werden und von Funktionären 
aus dem Widerstand und Exil geleitet 
werden. 

Aber in einem zentralen Punkt unter¬ 
schied sich Knüfken wesentlich von 
seinen deutschen Genossen. Erbetonte 
die “Schuld der deutschen Arbeiter am 
Kriege und den im Kriege begangenen 
Verbrechen”. Von dieser “Mitschuld” 
sprach er sich selbst nicht frei, weil er 
nicht genügend dafür getan hätte, die 
Machtergreifung der Nationalsoziali¬ 
sten zu verhindern. “Glauben wir nicht 
an die Schuld der deutschen Arbeiter , 
dann sind wir immer noch die Deutschen 
von 1914 oder 33, dann gibt es keine 
Besserung und nicht die Möglichkeit 
einer Neukonstruktion der Gewerk¬ 
schaften. Dann wird auch nach dem 
Krieg und nach dieser Niederlage die 
Mehrheit der deutschen Arbeiter den 
alten Spukdes 'Deutschland über alles 
mit sich weiter herumschleppen.” 30 


Die “Mitschuld der gesamten deut¬ 
schen Arbeiterschaft“ begann für Knüf¬ 
ken nicht erst im Kriege sondern durch 
die kampflose Kapitulation 1933. Zwar 
kritisierte er nach wie vor scharf die 
Verantwortlichen des ADGB, “die 
weder den Willen noch den Mut hatten, 
den Zusammenbruch von 1933 zu ver¬ 
hindern” 31 , aber im Unterschied zu 
seiner Auffassung in den 30er Jahren, 
war die “bittere Lehre”: “Die Arbeiter¬ 
schef t hatte die Organisationen und die 
Führung, die ihr und ihrer Einstellung 
entsprach” fr 

Auch die Schlußfolgerungen aus sei¬ 
ner Analyse unterschied ihn von sei¬ 
nen deutschen ITF-Genossen. Während 
diese nur widerwillig die vom Sekre¬ 
tariat der ITF beschlossene interna¬ 
tionale Kontrolle des gewerkschaft-li- 
chen Wiederaufbaus akzeptierten, wur¬ 
de diese von Knüfken als notwendige 
Bedingung gefordert, “umdasVersagen 
wieder gutzumachen und das Vertrauen 
der ausländischen Bruderorganisation 
wieder zu gewinnen” fr 

Der Kern dieser neuen Gewerkschaf¬ 
ten sollte die “kleine Minderheit von 
Aufrechten” sein, die aktiven Wider¬ 
stand geleistet hatten, denen man “keine 
Mitschuld amKriegeaußüräenkönne ”. 
Diese sollten den neuen Gewerkschaften 
ihren Inhalt geben: “Proletarische 
Demokratie und internationale Bru¬ 
derschaft” fr Die “Überzentralisie¬ 
rung” und die “typisch 'deutsche Dis¬ 
ziplin der Mitglieder gegenüber dem 
leitenden Funktionärsstab” müsse im 
"Interesse einer wirklichen Demo¬ 
kratie” von “Grundauf anders gestaltet 
werden ”, die Macht “für alle Zukunft 
so gelagert werden, daß ihr Schwer¬ 
gewicht nicht mehr in der Leitung, 
sondern in der Mitgliedschaft liegt” fr 
Knüfken hatte nicht die Möglichkeit 
unmittelbaren Einfluß auf den Neuauf¬ 
bau der Gewerkschaften zu nehmen. 
Die britischen Besatzungsbehörden 
waren nicht bereit, der ITF direkte und 
unabhängige Kompetenzen einzuräu¬ 
men und lehnten die Eröffnung eines 
ITF-Büros und einer ITF-Zeitung ab. 
Erstim Januar 1946war klar, aber “noch 
unbestimmt” , daß er nach Deutschland 
zurückkehren konnte. Zwischenzeitlich 
hatte er Kontakte zu Genossen aus der 
ITF-Seeleutegruppe wiederherstellen 
können, die er materiell unterstützte. 

Knüfken kehrte aber nicht als offi¬ 
zieller ITF-Delegierter, sondern im Auf- 


SF 1/99 [65] 




trag der britischen Regierung nach 
Deutschland zurück. In Hamburg 
arbeitete er in der Entnazifizierungs¬ 
kommission für deutsche Seeleute. 37 
Gleichwohl wurde er aktives Mitglied 
derÖTV. In einem von ihm in englischer 
Sprache verfaßten Bericht, weist er sich 
als " Secretary of Seameris Section of 
Transport § General Workers , Ham¬ 
burg " aus. 38 Dieser Bericht, den erden 
britischen Behörden und später der ITF 
zukommen ließ, enthält kritische Be¬ 
merkungen über das Verhalten füh¬ 
render Funktionäre der Hamburger 
ÖTV während der Zeit des Dritten 
Reichs. Darüber hinaus schrieb er von 
starken nationalistischen Tendenzen in 
der Arbeiterschaft - “strong Germanic 
Sentiment” - ,die sich seiner Ein¬ 
schätzung nach verstärken würden, 
solangeder Wiederaufbau der deutschen 
Gewerkschaften nicht von den inter¬ 
nationalen Organisation kontrolliert 
würde. Vermutlich wegen dieses Be¬ 
richts wurde Knüfken Anfang 1947 aus 
der ÖTV ausgeschlossen.Genauere 
Hintergründe sind nicht bekannt. 39 

Knüfken bjieb bis 1950 in Hamburg. 
Aus dem politischen Leben zog er sich 
zurück. Seit 1950 lebte er in Brighton 
und arbeitete nach Darstellung seiner 
Frau bis zu einem Schlaganfall im Jahre 


1965 für das britische Außenministe¬ 
rium im Londoner Hafen. Dabei han¬ 
delte es sich vermutlich um eine nach¬ 
richtendienstliche Tätigkeit 
“ Aus dem Mann, der so viele Jahre in 
Gefängnis und in Einzelhaft verbracht 
und dauernd für große Ziele gekämpft 
hatte”, sagte Sonia Knüfken über den 
letzten Lebensabschnitt ihres Mannes, 
“wurde tatsächlich plötzlich ein Fami¬ 
lienvater”, der “das Glück seiner alten 
Tage nach so vielen Leiden, so vielen 
Ängsten und Gefahren in der ruhigen 
und geborgenen Atmosphäre seines Zu¬ 
hause” fand. 

Es war vielleicht kein Zufall, daß ein 
schwedischer Filmemacher und kein 
deutscher Historiker Knüfkens Name 
der Vergessenheit entriess. Er reprä¬ 
sentierte eine Berufsgruppe, deren 
Leben und politische sowie gewerk¬ 
schaftliche Traditionen in der Ge¬ 
schichtsschreibung ein Schattendasein 
führen. Im Unterschied zu Großbritan¬ 
nien oder den USA gibt es in Deutsch¬ 
land nur ganz wenige Arbeiten über die 
Geschichte der ‘einfachen* Seeleute. 
So sc hreibt z.B. Reinhard Schmelzkopf, 
die deutsche Handelsschiffahrt hätte 
“keine sozial istische Tradition” hervor¬ 
gebracht und im Widerstand gegen den 
Nationalsozialismus hätteeskeine“füh¬ 


36 Knüfken an Lieber Freund (d.i. Helmut 
Rüdiger), in: Internationales Institut für 
Sozialgesehichtc Amsterdam (IISG), 
Teilnachlaß Rüdiger, Nr. 5 

37 Sonia Knüfken: Hermann Knüfken (ma¬ 
schinenschriftliches Manuskript, o. O., 
o J., 2. S.) ! 

38 Der Bericht, der keine Überschrift trägt 
findet sich kn AdsD, Bestand lTF,Nr.81. 

39 Vgl. dazu den Briefwechsel zwischen 
Adolf Ktitnmemuss und Hans Jahn, 
24J. und 28.8. 1950, in: MRC 159/ 
D98, 

40 Reinhart Schmclzkopf: Die deutsche 
ÜaadelsscMf fahrt 1919-1939, Bd.I, 
S,233f. 


renden Köpfe, besten falls driurangigc 
Zuträger, Kuriere und unbedeutende 

Agitatoren” g^rcbcn. 40 AIIcinedas Bci- 
spid Knüfkens zeigt, daß cs sich bei 
Schmelzkopfs Ausführungen um eine 
grandiose Fehleinschätzung handelt. 

Allerdings stand die von Knüfken 
verkörperte revo I u ti onärc Trad i ti on der 
proletarischen Demokratie und inter¬ 
nationalen Bruderschaft” in mancher 
Hinsicht im Gegensatz zu den Haupt¬ 
strömungen der deutschen Arbeiter¬ 
bewegung, Von dieser Tradition waren 
nach 1945 sowohl die deutschen Ar¬ 
beiterais auch ihre Organisationen weit 
entfernt. 

Das ist der wesen tl ich c Grund, warum 
der Beitrag Knüfkens und der anderen 
ITF-Seeleute im Widerstand gegen den 
Nationalsozialismus bis auf den heu¬ 
tigen Tag keinle angemessene Würdi¬ 
gung gefunden hat. 

Knüfken faßte sein politische Haltung 
meinem Gedicht zusammen, daß 1917 
m der Arrestanstalt der kaiserlichen 
Marine als Parole "von Zelle zu Zelle” 

gmg. j 

Nicht betteln, nicht bitten 
Nur mutig gestritten 
Nie kämpft es sich schlecht 
Rir Freiheit und Recht! 


fee] SF 1/9 9 







Mtl. Dauerspenden für die Verbreitung 
anarchistischen Gedankenguts - 
SF-Unterstützer- und 
Unterstüfzerinnenkreis: 

N. H., Nürnberg 25.-; M.R., Frankfurt 25.-; 
T.S., Detmold5.-; A.R., Paderborn 10.-; F.- 
J. M.. Dortmund 10.-; V.S., Groß-Umstadt 
20.-; U.S.. Thedinghausen 15.-; R.G.. 
Anröchte 15.-; I.W., Aschaffenburg 60.-; 
B.P., Harsum 50.-; R.M., Schweiz, 25.-;D.R., 
Bremen 50.-; 

Gesamtstand (Februar 1999: 310.-) 

Einmalige Spenden für den Pressefonds 
(Anzeigen, Werbung etc.) des 
Schwarzen Fadens: 

O. K., Idar-Oberstein 300.-; Autonome U- 

Gruppe, Freiburg 300.-; R.P., Hamburg 
50.-;D.B. Stuttgart 15.-; T.G., Finkenhaus 
5 D.B., Frankfurt 30.-; B.v.S.. Berlin 10.-; 

W.H., Innöten, 10.-; G.J., Dortmund 10.-; 
P-W. Köln 10.-; A.A., Hamburg 5-;M.B.. 
CH-Bern 10.-.-D.S.. Starenheim 5.-; U.N., I- 
Massa 50.-; H.G., Minden 20.-; I. & W..G., 
Niederhausen 120.-; M.S., Berlin 30.-; O.K., 
Heilbronn 11.-; J.d'A., F-Metz 10.-;G.L., 
Landau 10.-; A.S., F-Strasbourg 10.-; R.R., 
Mainz 15.-; A.S., München 20.-; E.M., 
Lübeck 15.-;K.S.,Waterkant20.-;T.E.. Mölln 
20.-, E.U., Brüssel 10.-; H.F., Hildesheim 30.- 
A.H. Innsbruck 5.-; W.T., CH-Küssnacht 10.- 
E-S, Weimar 10.-; J.H., Konstanz 5.-; B.B., 
Berlin 10.-; W.S., DK-Kopenhagen 10.-; 
R-M., Hamburg 220.-; J.H., Prag 5.-; F.R.. 
Schwerin 10.-; J.N., Budapest 5.-; E.v.R., 
Rotterdam 10.-; R.L., L-Luxemburg 10.-; 
H.H., Düsseldorf 10.-; G.B.. Gießen 10.-; 
A.F., Freiburg 200.-; O.K.. Idar-Oberstein 
^00.-; D.D., Entenhausen 5.-; G.-W.R. 
Eriedensthal 10.-;S.K., Hungerburg 5.-; 

Preisfrage; wieviele verstorbene historische Ge-statten 
treten hieranstelle von anonymen Spendern auf? 
Wer es errät gewinnt das Buch: Michoei Seligmann: 
Aufstand der Räte. 800S. zur bayerischen Räte¬ 
republik in 2 Bänden, T ROTZD EM - VE RLAG 1999 
(Buchhandetspreis: 78.-DM). 

Gesamt: 2231.- 

Die Spenden für den Pressefonds ermög- 
ÜchteunsdieTeilnahme am Konkret-Om- 
nibus im Dezember-Heff. ERGEBNIS: 180 
SF-Probehefte wurden rausgeschickt. 
Herzlichen Dank, 
an die Spenderinnen! 

Ebenfalls bedanken wir uns für einige 
Sachspenden, die uns überraschender¬ 
weise erreicht haben, darunter Brief¬ 
marken, Kulis und Bücher. Einer der Spen¬ 
der hafunszwei Agatha Christie-Romane 
9©schickt, vermutlich damit wir endlich 
Herausfinden, warum wir immer wieder in 
der finanziellen Krise stecken?! 


Jochen Knoblauch (Hg.): 
SF-Regisfer 

Aufgenommen wurden alle Beiträge von 
Nr.0-Nr.50.incl. Sondernummern, 10.-DM; 
auch als DOS-Diskette (Word-Datei) er¬ 
hältlich. Das Register, das demnächst auf 
der CD-ROM der Edition ID/Amsterdam 
enthalten sein wird, ist für Internet-Benutzer 
auch unter unserer Homepage zu finden: 
http://www. comenius-antiquariat. com/ 
anares 

SF - Alte Nummern 

Die Nummern 0-23, 44. die Sondernum¬ 
mern Feminismus I, Verfall der Arbeit sind 
vergriffen. 

Die SF-Pakete für nur 10.-DM zzgl. Porto¬ 
kosten (6,30) sind weiterhin erhältlich: 
Paket 1 (Nr.24-30) 

Paket 2 (Nr.31-38) 

Paket 3 (Nr.39-47), (ohne Nr. 44) 

Paket 4 (Nr.48-53) 

Paket 5 (Nr.54-58): 15.-DM- 
SF-Nostalgienummer (mit Beiträgen aus 
SFO-12). 100 S., 10.-DM 

Folgende einzelne Nummern für 8.-DM 
(ab 2 Ex. 30% Rabatt): 

Nr. 59 enthäIt u.a.:M. Wilk: Aus dem Innern 
des Sparpakets, D. Schütze: Die Deut¬ 
schen sind gefährlich; Subcommandante 
Marcos: Kommunique; D. Nelles: Die an¬ 
archistische Jugend. 

Nr.60 enthält u.a.:Anti-Expo-AG: Nach¬ 
haltige Propaganda für das 3. Jahrtau¬ 
send; M. Kittmann: Die neue Militarisierung 
der Gesellschaft; Interview mit Birgit Rom¬ 
melspacher; N. Chomsky: Ziele und Vi¬ 
sionen. U. Bröckling: Anarchistischer Anti¬ 
militarismus im Kaiserreich; W. Sterneck: 
Techno und Cybertribe, etc. 

Nr. 61 enthält u.a.: M. Wilk: Macht und 
Herrschaft. Teil 4: Globalisierung; D. Hart¬ 
mann: Soziale Säuberungen in Köln; M. 
Bookchln: Einheit von Ideal und Praxis ; 
Kommune-Debatte; K. Staad: Laßt 1000 
Torten fliegen!; M. Kröger: Simone Weil 
und Carl Einstein in Spanien 36/37; W. 
Portmcnn: Porträt Heiner Koechlins etc. 


Nr.62 Feminismus-Sondernummer II, 

enthält u.a.: SF-Red.: Vielfältige Bezie¬ 
hungen zw. An a rchismus und Feminism us, 
Maria Mies: Thema Subsistenz - Frauen. 
Nahrung und globaler Handel; Jane 
Meyerding: Gender - die Welt wie sie ge¬ 
lebt wird; Rosella di Leo: Patriarchatskritik: 
Ort der Differenz; L. Susan Brown: Ausein¬ 
andersetzung mit Naomi Wolfs Power¬ 
feminismus etc. 

Nr.63 enthält u.a.: Holst: Chiapas aktuell, 
Josd Saramago: Warum ich noch Chia¬ 
pas fahre? Ries/Mümken; Chomsky-Kritik, 

• Noam Chomsky: Unterstellte Zustimmung 
- Diskurs zur Demokratie, Bergstedt: Der 
Staat und die etablierten Umweltver¬ 
bände; Mümken: Foucault-Diskurs, Ster¬ 
neck: John Cage; Voß: Kommune-De¬ 
batte 

Nr.64: Gerhard Klas: Kein Mensch ist illegal; 
Albrecht Kieser: Von Fluchthelfern und 
Wegelagerern; Maria Mies: Der Gipfel 
der Globalisierung (MAI-Abkommen); 
Ann Stafford: Noch ist dos MAI nicht 
tot;Michael Wilk: Flughafen Rhein/Main; 
Jörg Bergstedt: Nachhaltige Seilschaften; 
Wolfgang Haug: Kongress zur Sozialen 
Ökologie In Lissabon; Andreas Speck: 
Militarismus und Männlichkeit; Bernd 
Drücke: Zur Geschichte des SF; Reinhard 
Müller: Nachruf auf Ferdinand Groß 
(Wien/Graz) 

Nr.65: C. Andrea: Der lange Weg der 
indigenen Autonomiebewegung; Claus 
Biegert: Das Vampir-Projekt - Jagd nach 
den Genen der Ureinwohner; Janet Bieh!: 
Der libertäre Kommunalismus; Rich-ard 
Herding: Gegenöffentlichkeit; Ulrich 
Bröckling: Sand im Getriebe; Wolfgang 
Haug: 80 Jahre Russische Revolution; Ger¬ 
hard Hanloser: Fortschritt. Entwicklung, 
soziale Revolution (Rußland). 

Nr.66: enthält u.a.: GruppeTipp-Ex: EXPC 
No; Torsten Froese: Totale Kriegsdienstver¬ 
weigerung; Wolfgang Haug: Lissabon- 
Konferenz zur Sozialen Ökologie; AIT con¬ 
tra Libertäre Kommunalisten; Photorepor¬ 
tage: Kurdische Flüchtlinge in Deutsch¬ 
land Johannes Hilmer: Marx-Proudhon; 
John Pilger: Über Noam Chomsky 


SF 1/99 [67] 





Goiltesfürchtige 



gjnquapio ZZI9Z 

t>Z RJBW 
injpuBqqDng-/{^zj3!SS0 
•A 1 JB 3 


nBnajBJQ um ‘fäll '%W 3 A ■¥■ uiapzjojx 

8868-tt£0 NSSI 

* jiqezaq ipSjua * 0986 3 * qrmjssqauj-mjsoj 


Photo; Francisco Ontanon